Gitarre und Musiklehre, U. Meyer

Griffstrukturen

In den folgenden Abschnitten soll es um fünf Themen gehen:

  1. Verwandtschaft zwischen Standardgriffen. Typische Merkmale der Standardgriffe in der ersten Lage.
  2. Veränderungen innerhalb eines Griffes. Wie aus E-Dur Emaj 7 wird und dann E 7 ...
  3. Beim Spiel "entstehende" Griffe. In vielen Passagen entdeckt man Griffe, wenn man die Finger stehen lässt...
  4. "Rückführung" scheinbar unbekannter Griffe. In der Lage zu greifende Akkorde wirken oft fremder, als sie eigentlich sind.
  5. Griffe auf "Saitengruppen". Wie sieht ein Akkord, den ich auf den Saiten 1 - 4 greifen kann, eigentlich auf 2 - 5 oder auf 3 - 6 aus?

Diese Überlegungen haben alle das Ziel, Wege zu zeigen, wie man sich Halbbewusstes besser klar machen kann, wie man von bereits bekannten Akkorden neue Griffe ableiten kann oder wie man sich scheinbar komplexe Passagen erleichtert, indem man sie auf Grundmuster zurückführt.
Um eine "Harmonielehre für Gitarre" geht es nicht wirklich, sondern eben um die Auswirkungen der Gitarrenstimmung auf die Machbarkeit von Akkorden. Harmonielehre auf der Gitarre zu vermitteln ist immer sehr viel mühsamer als auf einem Tasteninstrument, weil die Möglichkeiten der Gitarre einfach begrenzt sind, was das Spielen von Kadenzen angeht. Es geht eine ganze Menge, aber eben nicht alles, und bei einigen Griffen bricht man sich für die richtige Stimmführung schlicht die Finger. Aber ein Trost für uns Gitarristen bleibt: auf Posaune oder Englischhorn ist das auch nicht immer einfach...

1. Verwandschaft zwischen Standardgriffen

Jeder weiß, wie die Akkorde E, A und D-Dur in der ersten Lage gehen. Dabei ist aber nicht unbedingt jedem bewusst, dass diese Griffe miteinander verwandt sind. Wenn man die gegriffenen Töne des E-Dur-Griffes (die leeren Saiten lassen wir mal außen vor) jeden eine Saite nach oben versetzt (dahin, wo die Töne höher
oben
werden, also Richtung Fußboden), erhält man zunächst mal einen Akkord, der als A-Moll identifizierbar ist. Weil ich einen A-Dur-Akkord haben wollte, habe ich den Verbindungsstrich zwischen dem Griffpunkt im 1. Bund der g-Saite und dem 1. Bund der h-Saite rot gemacht. Die nachfolgende Korrektur ist dann grün eingezeichnet: wenn ich auf der h-Saite einen Bund höher greife, erhalte ich ein cis, und damit den richtigen Akkord.
Von E-Dur über A nach D-Dur

Als Nächstes setze ich alle Finger des frisch gewonnenen A-Dur-Griffes eine Saite höher und erhalte D-Dur mit großer Septime ( Dmaj 7 ) Auch hier muss ich den Ton auf der h-Saite nachbessern: statt des cis im zweiten Bund brauche ich ein d im dritten, und fertig ist der D-Dur-Griff als "Verwandter 2. Grades", hervorgegangen aus dem E-Dur-Griff.

Eine ähnliche Grafik ließe sich zu E, A und D-Moll anfertigen, und man kann darüber nachdenken, dass E-Dur um eine Saitengruppe höher gegriffen A-Moll ergibt, und A-Moll wiederum fast D-Moll - dafür muss man wieder auf der h-Saite einen Bund höher greifen:

Von E-Dur über Am, Dm#7 nach Dm

Die Veränderung von E-Dur zu A-Moll bei gleichem Fingersatz ist übrigens der Grund für den häufigen Fehler, bei Barrégriffen (siehe im 1. Notenbeispiel Bild 1 und 4) in der Lage Akkorde wie F-Dur und B-Moll zu verwechseln. Der Spieler braucht B-Moll, legt den Zeigefinger korrekt in den ersten Bund, setzt aber die drei Greiffinger auf die Saitengruppe 3 - 5 und bekommt so F-Dur, ausgerechnet die Dominante des gewünschten Akkordes!

Die "h-Saiten-Verschiebung"

Die Beobachtung, dass immer auf der h-Saite "nachgebessert" werden muss, hängt natürlich mit der Stimmung der Gitarre zusammen. Alle Saiten stehen zu einander im Verhältnis einer reinen Quarte, bis auf die h-Saite, die von der g-Saite aus eine große Terz entfernt ist. Ich nenne das die "h-Saiten-Verschiebung" - das ist natürlich kein offizieller Begriff!
Wenn man zum Beispiel auf jedem Saitenpaar die Tonfolge c - d - e spielt, liegt das e auf der jeweils höheren Saite immer einen Bund tiefer als der Ausgangston c (Die Bundziffer ist im Griffbild unten jeweils grün). Nur auf dem Saitenpaar g und h muss man das e einen Bund höher ( rote Bundziffer) als sonst greifen.

h-Saiten-Verschiebung

Das hat bestimmte logische Konsequenzen: beim E-Dur-Akkord ist das H im zweiten Bund der A-Saite die Quinte des Dreiklanges. Setze ich den Griff eine Saitengruppe nach oben, bekomme ich dafür ein e im zweiten Bund der d-Saite. Das ist die Quinte des entstehenden A-Dur-Akkordes. Wenn ich daraus dann auf gleiche Weise den D-Dur-Griff mache, habe ich auf der g-Saite im zweiten Bund ein a, und das ist natürlich die Quinte des D-Dur-Dreiklangs.
Erst wenn ich einen Ton vom zweiten Bund der g-Saite auf den zweiten Bund der h-Saite "versetze", ist dieser nicht eine reine Quarte, sondern eine große Terz höher, und das System ist kaputt.

Diese Tatsache ist schon weiter oben diskutiert bei den Überlegungen zum Kennenlernen des Griffbretts, und bei den Powerchords, den amtlichen Griffen für verzerrte Stromgitarre. Natürlich ist es auch beim Stimmen nach der (schlechteren) Methode "Greifen im 5. Bund" erwähnt.

Akkorde in Renaissancelautenstimmung

Wenn man Renaissancelaute spielt oder Stücke in deren Stimmung auf der Gitarre, macht man eine andere Beobachtung: die g-Saite wird ja auf fis herunter gestimmt. Dadurch liegt die Terz zwischen der dritten und vierten Saite (natürlich in der Mitte - wo sonst hätte sie in der Renaissance liegen können), was die bekannten Griffbilder alle verändert:
Wenn man einen E-Dur-Griff (auf einer Laute in G-Stimmung ist das ein G-Dur-Akkord, aber wir tun mal so, als sei die Stimmung auf E aufgebaut) braucht, sieht der aus wie A-Dur auf der Saitengruppe 3 - 5. A-Dur sieht vom Griffbild aus wie D-Dur, der D-Griff ähnelt A-Moll auf der Saitengruppe 1 - 3. C-Dur ist besonders mies, weil dabei auf der dritten Saite im ersten Bund gegriffen werden muss, im Prinzip so ähnlich wie F-Dur, nur dass man kein Barré greifen kann, weil man die leere hohe E-Saite braucht. Allein dieser unbequeme Griff wird entscheidend dazu beigetragen haben, dass früher Gitarristen auf die Frage "Spielst du die Pavanen von Luys Milan in 'fis-Stimmung'?" meist mit einem knappen "Nö!" antworteten...

In Lautenstimmung ist H-Dur ( in G- Stimmung wäre das D-Dur) ein durchaus bequemer Griff. Siehe hier H7 im Bild rechts.

H-Dur Laute

E-Dur ( G-Dur) sieht aus wie A-Dur auf der Gitarre, nur auf der Saitengruppe 3 - 5.
Gitarre: links E-Dur, rechts A-Dur.

E-Dur Laute

A-Dur ( eigentlich C) hat das Griffbild von D-Dur auf der Gitarre auf den Saiten 2 - 4.
Gitarre: links D-Dur.

A-Dur Laute
D-Dur Laute

Der Griff für D-Dur ( F-Dur auf der Laute) sieht aus wie A-Moll auf der Gitarre, allerdings auf den Saiten 1 - 3 und einen Bund zu hoch gegriffen. Im Grunde greift man auf der Laute nur auf der 3. Saite einen Bund höher.

G-Dur Laute

G-Dur ( B-Dur in Lautenstimmung) sieht sehr nach C-Dur aus. Alle Finger greifen eine Saite tiefer; der kleine Finger, der das g auf der ersten Saite greift, ist beim Gitarrengriff "noch nicht da".

C-Dur Laute

Schließlich der böse C-Dur-Griff ( Es-Dur): man greift quasi C-Dur mit den Fingern 2, 3 und 4, und muss dann noch mit dem Zeigefinger auf die g-Saite. Barré greifen geht aber nicht, weil die e-Saiten leer bleiben müssen! Ein "Knickbarré" wäre möglich.

Von G-Dur nach F-Dur: eine weitere Analyse verwandter Grifftypen und der Auswirkungen der "h-Saiten-Verschiebung":

Von G-Dur über C nach F-Dur

G-Dur, C-Dur und dem F-Dur-Griff ist gemeinsam, dass die vier unteren Töne Grundton, Terz, Quinte und Oktave sind (Bei G kommen noch Terz und Doppeloktave oben dazu, bei C immerhin die Terz.). Ins Auge springt direkt, dass die beiden tiefsten Töne, jeweils im dritten und zweiten Bund gegriffen, von G über C nach F einfach versetzt werden, immer ein Saitenpaar höher. Die Probleme sind in der Grafik wieder in rot angezeigt und in grün dann korrigiert. Ich hoffe aber, die verwandtschaftliche Bindung wird deutlich, man sieht, dass C-Dur und F-Dur die Beine von G geerbt haben, und der F-Griff hat von C immerhin noch die Nase...

2. Veränderungen innerhalb eines Griffes

"Wie geht noch mal G 7 ?" Ach, die Abhängigkeit von Grifftabellen! Man kann doch in vielen Situationen Griffe von alten Bekannten ableiten, wenn man ein bisschen nachdenkt! Nehmen wir also die Dominantseptakkorde mal unter die Lupe!

Die kleine Septime ist ja nicht nur die kleine Septime über dem Grundton, sondern auch die große Sekunde unter der Oktave. Man muss also gar nicht so lange zählen und suchen: Wo eine Oktave (in der folgenden Grafik als roter Punkt dargestellt) des Akkordes gegriffen wird, kann man die Septime (als grüner Punkt eingezeichnet) zwei Bünde dahinter finden:

Dominantseptakkorde 1

Beim G-Dur-Griff hat man ein hohes g auf der E-Saite im dritten Bund ( roter Punkt), also liegt die Septime f zwei Bünde dahinter im ersten Bund ( grüner Punkt).
Bei D-Dur ist die Oktave d auf der h-Saite im dritten, die kleine Septime c also auch im ersten Bund zu finden.
Im dritten Griff, A-Dur, liegt eine akzeptable Oktave auf der g-Saite in Bund zwei. Um A7 zu spielen hebt man einfach den Finger an und hat dann die Septime auf der leeren g-Saite. Beim B-Dur-Barrégriff (in der Grafik steht die englische Akkordbezichnung, B♭ = "B flat"), der ja auf dem A-Dur Griff basiert, funktioniert die Sache genauso.
Bei E-Dur (Takt / Griff 5) kann man auf die gleiche Weise den Septakkord bilden, allerdings sind e und d so tief, dass man diesen Septakkord selten wählt, schließlich soll der Akkord nicht brummeln, sondern die Septime klar klingen und zur Auflösung in die Terz des Zielklanges einladen. Deshalb hatte ich die Oktave bei A-Dur auch "noch akzeptabel" genannt. Natürlich ist jede Septime akzeptabel, schließlich gibt es die Umkehrung "Sekundakkord" und ihre Auflösung, aber beim Akkordspiel nimmt man lieber eine andere Variante des E 7, die in der nächsten Grafik vorkommt.
Bei der Barré - Variante, hier als letzer Griff mit dem F-Dur gezeigt, spielt man allerdings den Septakkord mit der Septime "im Barré" auf der vierten Saite. Man kann natürlich noch... das kommt auch nach der nächsten Grafik!

Hier sind Septakkorde dargestellt, bei denen die Septime anders gesucht und gefunden wird: der Ton heißt "kleine Septime", weil er eben so weit vom Grundton des Akkordes entfernt ist, und davon lasse ich mich auch nicht abbringen. Als vierter Ton des Akkordes liegt sie aber ja eine kleine Terz über der Quinte, sodass man von dieser ausgehen und die Septime drei Bünde höher auf derselben Saite finden kann.

Dominantseptakkorde 2

Beim ersten Beispiel, C-Dur, ist die Quinte, für die ich den blauen Punkt einsetze, das g auf der leeren g-Saite. Die Septime b ( grüner Punkt) findet sich dann im dritten Bund.
A 7 greift man gerne mit dem g, das im dritten Bund auf der e-Saite wieder drei Bünde über der Quinte e liegt, obwohl der Akkord weniger warm und rund als die oben gezeigte Variante klingt. Die Auflösung nach D-Dur oder D-Moll ist dann eben sehr deutlich zu verfolgen...
Die Barré - Version B♭-Dur genauso zu greifen ist etwas problematisch. Der rote Punkt aus der vorigen Grafik ist noch da, den Finger nimmt man hoch und bekommt so die Septime auf der g-Saite im Barré ( grüner Punkt), und zusätzlich greift man mit dem vierten Finger drei Bünde über der blauen Quinte eine zweite grüne Septe auf der hohen e-Saite. Da Septimen eigentlich ordentlich aufgelöst werden müssen ist das stimmführungstechnisch nicht so elegant (ein Klavierlehrer würde drüber lächeln). Man kann es mal machen, und man kann ja auch mal Finger zu einem Akkord hinzusetzen und dann wieder wegnehmen... wir haben doch alle die Stücke aus "Tommy" von The Who im Ohr?!
Der folgende E-Dur-Griff ist die eigentliche Standardversion für den Alltag: auf der h-Saite liegt drei Bünde über der Quinte die Septime d. Leicht zu finden und zu merken.
Genauso konstruieren kann man den Barrégriff, z.B. F-Dur, und der ist denn auch aus den gleichen Gründen problematisch wie der eben kommentierte B-Dur-Griff. Zwei grüne Septimen sind klanglich vielleicht ein bisschen viel, egal ob man sie unter der Oktave oder über der Quinte auftreibt.
Der letze Akkord der Zeile, G-Dur, ist möglich, wird aber nicht oft so gespielt. Trotzdem: über dem d, der Quinte, gibt es eine Septe f im dritten Bund der d-Saite.

Der langen Rede kurzer Sinn: man braucht keine Grifftabelle für ableitbare Akkorde, wenn man weiß, was eine Septime eigentlich ist und wie man sie einbaut.

Gerade Anfänger im Akkordspiel, die vielleicht zu ihrer Qual auch gerade in der Schule mit Dreiklängen und Intervallen getriezt werden, könnten sich vielleicht zu einem harten Gegenschlag aufraffen: statt immer wieder den Gitarrenlehrer damit zu gruseln, dass sie konsequent D-Dur, D-Moll und D7 verwechseln und überdies in der Schule in der Woche nach der Klausur vergessen zu haben, wie noch mal der Aufbau eines Dur- bzw. eine Molldreiklanges war, könnten sie beide Dinge zusammenbringen:

D-Dur, D-Moll, D7 und Dm7

Der Durdreiklang hat eine große Terz ( roter Punkt) in der Mitte, der Molldreiklang aber eine kleine ( lila Punkt). Ein Ton bei den beiden D-Griffen, die ich kenne muss also höher sein als beim anderen. Und einer enthält einen Ton, der weder d, noch fis oder f, und auch nicht a heißt, sondern c.
Da fis höher als f ist, muss der erste Griff in der Grafik D-Dur und der zweite D-Moll sein. Und der dritte, mit dem c auf der h-Saite ist dann D 7. Das geht ja auch aus den Noten hervor. Und - ist es wirklich so schwierig, den vierten Griff, der ein f - die Mollterz - und ein c enthält als Dm 7, also D-Moll mit kleiner Septime zu identifizieren?
Bitte nochmal die beiden ersten Griffe der obigen Grafik anstarren: auf den Saiten 2 und 3 ( blaue Umrandung) greift man dieselben Töne, aber... man muss natürlich andere Finger dafür nehmen! Das sorgt natürlich dafür, dass die beiden Griffe recht unterschiedlich aussehen. Die ständige Anforderung an Gitarristengehirne, sehr ähnliche Dinge sehr unterschiedlich machen zu müssen ist definitiv nicht einfach! Man muss Inhalt einerseits und äußere Gestalt andererseits bedenken, zu einander in Beziehung setzen und soll alles auch noch abwandeln können - das braucht doch ordentlich Arbeitsspeicher.

Wer Zeitung liest bekommt immer wieder die Klagen von Wissenschaftlern, die sich mit Intelligenz beschäftigen oder von Gerontologen (die sind zuständig für das, was wir alle mal werden oder schon sind: alte Leute) mit, dass sich die Leute nichts mehr merken. Niemand rechnet mehr im Kopf, keiner weiß mehr eine Telefonnummer, schließlich kann das Mobilteil der Anlage 200 Nummern speichern, und wozu soll man sich den Unterschied zwischen D-Dur und D-Moll-Griff merken, wenn man ihn jederzeit googeln kann?

Gut, weitere Beispiele zu geben macht mir keine Mühe... A-Dur und A-Moll, dasselbe in E... erst bei G oder C stößt man auf ein anderes strukturelles Problem, weil man bei beiden die großen Terzen im Akkord nicht einfach zu kleinen erniedrigen kann, da sie auf leeren Saiten liegen. Das führt direkt zu den Kapiteln über Barré. Aber ich wollte ja nicht etwas Lexikalisches verfassen, sondern Denkanstöße geben.

Zum Abschluss dieses Abschnitts eine Grafik, die einige Dreiklänge und Septakkorde auf G zeigt, so wie ein Jazzgitarrist zupfen würde.
Die beiden letzten Akkorde, G-Moll 7 mit tiefalterierter Quinte und Gdim(inished = vermindert) schreibt man auch gerne als G mit einer durchgestrichenen Null bzw. G mit einer Null daneben.

Akkorde auf G

3. Beim Spiel "entstehende" Griffe

Gitarrenstücke sind immer mysteriöse Folgen von völlig willkürlich auf dem Griffbrett platzierten Tönen, für die brauchbare Fingersätze heraus zu tüfteln unendliche Mühe bereitet... Falsch!

Richtig ist, dass es sehr viele Stellen gibt, die deutlich auf Akkorden basieren, und häufig braucht man Finger nur stehen zu lassen, um zu beobachten, wie nach und nach ein kompletter Akkord entsteht. Das erleichtert Einiges, weil der Griff bekannt ist, man ihn auf einmal platzieren kann, und zur Belohnung bekommt man das, was Pianisten durch Einsatz des Pedals erhalten: mehr Klang!

Beispiele ließen sich besonders leicht aus Heften mit Folk-, Blues- oder Popstücken extrahieren - wegen des Coryright suche ich mal in älterer Literatur:

entstehende Akkorde 1 - Sperontes

Diese Passagen kommen aus einer Aria von Sperontes, die ich an anderer Stelle schon als Beispiel für die Aufgaben der Greifhand benutzt habe. Zwischen dem ersten und zweiten Takt habe ich drei Takte ausgelassen. Bei dem F-Dur-Griff in Takt 3 fehlt der große Barré, sonst ist der Griff aber komplett. Überhaupt wird man natürlich noch viel leichter fündig, wenn man nicht nur Stellen sucht, die fünf von fünf Tönen etwa eines C-Dur-Griffes enthalten, sondern vielleicht nur vier oder drei!

Es gibt besonders in der Musik der Klassik Stücke, die quasi aus Akkorden bestehen. Die beiden ersten Takte von Carcassis Opus 60, 14 sind eine Brechung des C-Dur-Dreiklanges, wobei auf der letzten Halben der "normale" C-Dur-Griff verlassen wird. Die akkordfremden Noten habe ich blau gefärbt:

entstehende Akkorde 2 - Carcassi

Auch dieser Abschnitt ließe sich endlos fortsetzen mit banalen oder überraschenden Beispielen. Man muss als Gitarrist einfach die Augen offen halten - wenn man über solide Akkordkenntnisse verfügt, wird vieles einfacher! Ein bisschen Bob Dylan, Beatles oder Peppers sind keine schlechte Grundlage für de Visée, Tárrega und Turina!

4. "Rückführung" scheinbar unbekannter Griffe

Richtig hart wird das Leben erst, wenn man von Monstergriffen aus dem All in der umpfzehnten Lage attakiert wird! Aber auch dann müssen die vitalen Systeme nicht gleich zusammenbrechen: Man nehme den Alien und schiebe ihn solange Richtung Sattel, bis er sein wahres Gesicht offenbart!

Verwandtschaftzwischen D und C-Dur-Griff

Ein erstes einfaches Beispiel: Ich schiebe den D-Dur-Griff Richtung Sattel, bis nur noch "ein Finger herausguckt" - und siehe da: D-Dur und C-Dur sind überraschenderweise verwandt! Im letzten Griffbild habe ich die Töne e und C in blau ergänzt.
Die gleiche Übung kann man mit A-Dur und G-Dur veranstalten:

Verwandtschaftzwischen A und G-Dur-Griff

Auch hier habe ich im letzten Griffbild die fehlenden gegriffenen Töne in blau ergänzt.

Aus diesen Beispielen folgt natürlich, dass man sowohl den C-Dur-Griff, als auch G-Dur eigentlich als Grundlage für Barrégriffe nutzen kann.

Beispiele aus dem täglichen Leben
Roncalli, Sarabande

Der Akkord im zweiten Takt dieser Sarabande von Lodovico Roncalli liegt in der dritten Lage. Um ihn zu entlarven schiebe ich ihn erst mal in die erste Lage - aha - wenn man sich auf der A-Saite im dritten Bund das C dazu denkt, sieht man: es ist der "Oberbau" eines C-Dur-Griffes mit hohem g auf der 1. Saite.
Wenn ich das c auf der h-Saite auch noch "heraus schiebe" und die beiden blauen Punkte auf g- und A-Saite im zweiten Bund ergänze wird plötzlich deutlich, dass der Griff mit H7 verwandt ist. Da hätte ich weiter oben, beim Beispiel "von D zu C" den C-Dur-Griff noch weiter schieben können, wenn auch die leeren e- und g-Saiten dann im "minus ersten" Bund gelandet wären... auf alle Fälle gibt es eine Liaison zwischen C-Dur und H7-Griff...

de Visée, Allemande

Vier aus dem Zusammenhang gerissene Griffe aus der Allemande in D-Moll von de Visée: Griff a, original in der fünften Lage, ist vom Griffbild her stark mit A7 verwandt (die Septime auf der g-Saite fehlt allerdings), und bei Griff b zeigt sich denn auch die Auflösung nach D-Moll.
Griff c sieht in der ersten Lage aus wie D7 wenn das fis nachgesetzt wurde (jeweils der blaue Punkt), und d ist dann auch die Auflösung dazu, der "Oberbau" von G-Dur.

Tárrega, Adelita!

Der zweite Teil der Mazurka "¡Adelita!" von F. Tárrega beginnt mit dem blau eingerahmten Akkord, einem kleinen Barrégriff in der vierten Lage.

Im zweiten Griffdiagramm habe ich ihn in die erste Lage verschoben, und im dritten wird endlich klar: das ist wieder nur C-Dur, mit einem hohen g auf der e-Saite, das aber ja nach der Viertel punktiert nachgesetzt wird. Den (nicht gespielten) Grundton C auf der A-Saite habe ich wieder in blau dazu gegedruckt.

Tárrega, Capricho 1

Aus dem "Capricho Árabe" vom gleichen Komponisten möchte ich zwei Beispiele zitieren:

Ein ziemlich wilder Griff in der fünften Lage, der sich beim Herunterschieben als C-Dur-Griff entpuppt - allerdings erklingt de facto D-Moll und nicht F-Dur mit Sexte im Bass (das tiefe D!), weil der Ton c im fünften Bund der g-Saite nicht gespielt wird. Aber die Griffform bleibt so wie C-Dur.

Tárrega, Capricho 2

Dieses Mal aus dem Dur-Teil des Stückes ein Griff in der siebten Lage, der in die "nullte Lage" verschoben nicht wirklich einen bekannten Griff ergibt, aber etwas, was man schon tausende Mal gegriffen hat. Wer etwas von Generalbass versteht, erkennt einen Sextakkord auf H und damit eine Umkehrung des G-Dur - Dreiklanges.

Ziel dieser Unternehmung, Griffe aus den oberen Lagen nach unten zu verschieben ist ja auch, die Fingersätze schneller in die Finger zu bekommen und sich die eventuell komplizierten Griffwechsel schneller merken zu können.
Um es zu wiederholen: die Beispiele sind weit hergeholt; in den Heften zeitgenössischer Autoren für den Anfangsunterricht (die dem Copyright unterliegen) lassen sich problemlos andere Beispiele finden. "Rückführbare" Griffe begegnen einem auf Schritt und Tritt!

5. Griffe auf "Saitengruppen"

Meine ersten Versuche, etwas über Jazzgitarren - Akkorde zu lernen machte ich mit "Mickey Baker's Jazz Guitar". In diesem Buch wurde nicht viel Gerede gemacht - es gab zum Beispiel eine Übung unter dem Titel "Rhythm Changes" die mir jahrelang Rätsel aufgab... Rhythm Changes? Der Rhythmus blieb aber doch immer gleich?! Viel später habe ich mitbekommen, dass der gebildete Amerikaner darunter ein Stück, das auf den Akkorden (Changes) von "I got rhythm" versteht... (In jenen Tagen wusste man, was ein "Guglhupf" ist, aber "google" war noch nicht erfunden).
Es wurde also gleich geübt, Akkorde zu wechseln, und zwar in bestimmten Tonarten immer bestimmte Grifftypen. Also überlegte ich, wie es wäre, die Akkorde der einen Tonart in die andere zu übertragen.

Griff auf verschiedenen Saitengruppen

Rechts ein simples Beispiel: Der "kleine F-Dur-Griff", der mit dem kleinen Barrégriff, wird auf der Saitengruppe 1 - 4 gegriffen. Wenn man die Intervalle auf die Saitengruppen 2 - 5 und 3 - 6 überträgt, kommt dabei heraus, was man im Griffbild und den Noten sieht. Macht man den mittleren Griff in der 5. Lage, bekommt man wieder den F-Dur-Akkord; um die gleichen Töne auf den Saiten 3 - 6 zu hören muss man ihn in Lage 10 greifen.

Diese Methode, einen bestimmten Griff, den man vielleicht schon ewig kennt mal auf einem anderen Saitensatz zu greifen öffnet Horizonte! Man entdeckt Dinge und entschlüsselt Rätsel... und staunt immer wieder darüber, was für ein komisches Instrument wir uns da ausgesucht haben!

Ein erstes Beispiel einer Akkordfolge, die mir auf der Saitengruppe 2 - 6 zunächst geläufiger ist, deshalb kommt die Übertragung auf die Saiten 1 - 5 erst danach...:

Jazzakkorde 1

Eine Übertragung auf die Saitengruppe 3 - 6 steht aus zwei Gründen nicht da: erstens brauchte es am Ende eine siebte Saite, wobei man an der Stelle natürlich einen anderen Griff nehmen könnte, vor allem klingen aber zu tief gegriffene Akkorde nicht besonders.

Jazzakkorde 2

Oben habe ich gleich die Griffe für die Saitengruppen 1 - 4 und 2 - 5 übereinander gesetzt. Herauszufinden, in welchen Lagen die Griffe tatsächlich zu greifen sind überlasse ich dem geneigten Leser. Ich hoffe, als Ergebnis der vorigen Kapitel bleibt mindestens, dass es sich immer lohnt, einen Griff mal unter verschiedenen Blickwinkeln näher auszuleuchten. Hinterher ist man garantiert nicht dümmer, und manchmal sogar voller Ideen!