Gitarre und Musiklehre, U. Meyer

Körper

Für viele Musikinstrumente braucht man eine Haltung, die zu Schwierigkeiten im orthopädischen Bereich führen kann. Als erstes fällt mir immer die einseitige Belastung bei der Querflöte ein.
Deshalb darf der erhobene Zeigefinger hier nicht fehlen! Es folgen also einige Bilder zu häufigen Fehlhaltungen.

Gitarre festhalten

Tatsache ist, dass man schlechte Gewohnheiten schnell lernt, und wenn man sie dann lange genug praktiziert braucht man zur Belohnung sehr, sehr lange, bis man sie wieder los ist. Menschen, die wie ich motorisch nicht hochbegabt sind, für die also eine gute Haltung eine wichtige Vorraussetzung ist, bekommen hier ein paar Bilder zum "vorher drüber Nachdenken". Für uns alle gilt: Lernen heißt Verhaltens - Änderung!

Gitarre festhalten

Das machen Anfänger manchmal für kurze oder längere Zeit: die Gitarre vor lauter Schreck mit der Anschlagshand festhalten, statt sie auf dem Bein zu abzulegen. Man kann ja nicht sicher sein, ob das Bein hält!
Wenn keine Fußbank benutzt wird, oder diese zu tief eingestellt ist, ist die Gitarre ja auch so weit weg - das ist nichts für ängstliche Menschen.

Fuß vergraben

Rechter Fuß instabil

Sehr verbreitet: den rechten Fuß unter dem Stuhl zu vergraben oder um das Stuhlbein zu wickeln. Sieht für mich etwas defensiv aus, ist aber angeblich extrem gemütlich.

Sehr viele Anfänger stellen auch den rechten Fuß auf die Zehen, statt ihn platt und solide auf den Boden zu packen. Das ist mir auch passiert:
Nachdem mein erster Lehrer mir gesagt hatte, ich solle mir einen anderen Lehrer suchen, hat dieser mich mit Fußbank und vernünftiger Haltung bekannt gemacht. Er hat mich auch angehalten, den rechten Fuß mit vollem Kontakt auf den Boden zu stellen, aber ich habe nicht dran gedacht. Da ich voller Begeisterung und sehr fleißig war, konnte ich nach kurzer Zeit die gegenüber liegende Schulter nicht mehr bewegen und bekam ein Attest, das mich vom Schulsport befreite - bis ich auf den Grund kam!

Stuhl zu hoch1
Stuhl zu hoch2

Stuhl zu hoch

Nimmt man sich einen zu hohen Stuhl, muss man die Fußbank entweder so hoch es geht stellen, oder damit leben, dass man mit Fußbank so sitzt, wie ohne auf einem normalen Stuhl. Wenn man eine Gitarrenstütze benutzt, wird diese auf dem stark abschüssigen Bein immer weg rutschen, oder es wird sich zumindest so anfühlen.
Das ist eigentlich nicht gemütlich, trotzdem wollen gerade Kinder oft auf zu großen Stühlen sitzen. "In der Schule habe ich schon grün!" Ist das Argument, mit dem der passendere gelbe Stuhl abgelehnt wird.

Ohne Fußbank

ohne Bank 2
linker Oberschenkel

Wenn man die Gitarre ohne Fußbank auf dem rechten Oberschenkel spielt, ändert sich die Haltung: Beim Spiel in den oberen Lagen ist der Oberkörper dem linken Arm im Weg, der Rücken wird selten gerade gehalten, der Schultergürtel wird in alle möglichen Richtungen verdreht, um die Greifhand "tiefer zu legen"; die Anschlagshand wird wohl am wenigsten negativ beeinflusst. Auf alle Fälle ist die Gitarre sehr weit unten!
Mit dem Instrument auf dem linken Oberschenkel ist der Kontakt viel schlechter, alles ist weit weg, und auch hier macht man wahrscheinlich beim Spielen den Rücken krumm.

linker Fuß hochgestellt

Sehr schön für den brummeligen Gitarrenlehrer: ganz viele (wirklich ganz viele!) Leute, die erklären keine Fußbank zu brauchen, das sei doch völlig bequem, ziehen dann das Bein hoch, indem sie den Fuß auf die Spitze stellen, an den Stuhl klemmen, was immer... Man kann die Muskelverspannung und die Energie, die statt ins Spielen in das verkrampfte Bein und das Festhalten der Gitarre gehen förmlich sehen und fragt sich: was wird das, wenn der gute Mensch das mal zwei Stunden lang macht?!

Unten im Bild ist die Variante mit übereinandergeschlagenen Beinen zu sehen. Ich gehöre zu den Menschen, die das nicht lange können - ich kann auch keinen Spagat oder den Lotus-Sitz.
Ich weiß auch nicht, ob alle, die das können diese Haltung acht Stunden an einem Tag einnehmen würden, und ob sie so stabil ist.

ohne Bank 1
ohne Bank von hinten

links:
Abgesehen davon, dass ich ein eher ungelenkiger Mensch bin, würde mich diese Schulterhaltung sicher zu einem guten Kunden beim Orthopäden machen.

rechts:
Der Rücken sieht nicht besonders gerade aus...

Beine zu eng

Gitarre zu groß - Kleidung zu eng

Ein typischer Fehler bei Kindern, die zu große Gitarren spielen müssen: der Gitarrenkorpus passt nicht richtig zwischen die Beine, deshalb wird die Gitarre verdreht, der Kopf ist hinter der linken Schulter, die Wirbelsäule des Spielers wird nach links verdreht, die rechte Schulter kommt nach vorne, die linke geht nach hinten.
Zum Demonstrieren habe ich hier meinen dicken Akustikbass auf dem Schoß, den man besser anders halten sollte.
Enge Röcke und Baggies sorgen schon mal dafür, dass das rechte Bein nicht weit genug zur Seite gestellt werden kann, dann passt die Gitarre auch nicht mehr.

Greifhand

Gitarre zu flach - Finger zu kurz!

Gitarre zu flach

Ach, das Vertrauen in die Landkarten im Gehirn! Beim Erlernen der Töne auf dem Griffbrett entsteht im Gehirn eine Art Abbild desselben, sodass die Finger der Greifhand an die richtige Stelle geschickt werden können. Wenn man ein c auf der h-Saite mit dem Zeigefinger greift, kann man nach ein bisschen Übung das d finden, indem man den Ringfinger in der dritten Bund derselben Saite steuert. Man muss nicht unentwegt quasi senkrecht von oben auf die Saiten starren, um die Töne zu finden, man muss seine Vorstellung, eben diese Landkarte, und seinen Tastsinn entwickeln.

Aber der Anfänger scheut die falschen Töne und legt deshalb die Gitarre gerne ziemlich flach auf den Schoß, was natürlich die Haltung beider Hände negativ beeinflusst.

Bild rechts: Hier halte ich die Gitarre ziemlich flach. Dadurch kann ich wunderbar sehen, was auf dem Griffbrett passiert, aber die linke Hand sieht bei geradem Handgelenk nicht gut aus. Der Daumen guckt weit über den Hals, und die Finger sind künstlich gekürzt.

Hand haengt am Daumen

Bild links: Nicht so toll: die Hand hängt am Daumen; die Finger haben nur einen sehr eingeschränkten Aktionsradius.

Handgelenk abgeknickt

Bei schwierigen Griffen kompensiert man dann, indem man das linke Handgelenk stark abknickt. Das merkt man nach kurzer Zeit daran, dass man es nicht lange aushält, so zu spielen. Wenn man Schmerzen im Handgelenk hat, sollte man die Haltung noch mal kritisch durchdenken.

Der Daumen der Greifhand

Der Daumen der Greifhand ist ein enorm wichtiger Finger: er sollte auf der Rückseite des Halses ungefähr gegenüber von Zeige- und Mittelfinger liegen, für ein wenig Gegendruck sorgen, vor allem aber als Orientierung da sein. Zwischen Fingern und Daumen findet der "Pinzettengriff" statt, das, was uns wesentlich von den anderen Primaten unterscheidet. Wir können einen Stift anfassen, und aufgrund der Position des Daumens gegenüber der Finger ungefähr wissen, wo der nächste Ton zu finden sein wird - ohne hinzuschauen!

Guckt der Daumen über den Hals, kann er als Haken dienen, um den Arm aufzuhängen, aber die sensorische Funktion ist stark minimiert. Und noch etwas: die Finger sind kürzer oder länger, abhängig von der Position des Daumens.

kurze Finger

Kurze Finger - die Spanne der Hand ist stark eingeschränkt.

längere Finger

Längere Finger - so kann man viel mehr Töne erreichen.

Anschlagshand

Rechte Hand zu flach

Anschlagshand zu flach

Hält man wie im Bild rechts den Handrücken sehr flach, muss man den Fingern über die Nachbarsaiten helfen, indem die Hand bei jedem Anschlag angehoben wird. Das sorgt für eine unruhige Bewegung, und wenn man Stücke mit schnellen Zerlegungen spielt, stösst man bald an seine Grenzen.
Oder man bewegt die Finger wie Krallen, was weder gut für den Klang noch für die Spielgeschwindigkeit ist.

Der Daumen wird die Saiten nicht mit der Spitze oder dem Nagel, sondern sehr flach treffen. Das gibt einen eher mumpfigen Klang, der nicht gut zeichnet.

Schulter nach vorne

Rechte Hand und Schulter 1

Hebelwirkung 2: das Handgelenk ist dicht an der Decke, Ellenbogen und Schulter sind nach vorne gezogen.

Rechte Hand und Schulter 1

Hebelwirkung 1: das Handgelenk ist weit von der Decke entfernt, Ellenbogen und Schulter sind relativ weit hinten.

Wenn man nicht nur isoliert die zu flache Anschlagshand betrachtet, fällt noch ein weiterer Haltungsfehler auf: Dadurch, dass das Handgelenk nahe an der Decke gehalten wird, wird auch der Unterarm gekippt, der Ellenbogen bewegt sich von deutlich hinter der Deckenebene fast bis auf Höhe der Decke, und letztlich wird die Schulter nach vorne geschoben.
Ein bisschen hat diese Haltung etwas von "einkuscheln" oder, negativ ausgedrückt von "einklemmen", und ich glaube auch nicht, dass sie sich positiv auf die obere Rückenmuskulatur auswirkt. Verspannte Schultern sind häufig ein Grund für Sehnenscheidenentzündungen am Handgelenk, auch wenn einem das auf den ersten Blick merkwürdig vorkommt.

Während ich die für mich richtige Haltung mit dem von der Decke weiter entfernten Handrücken als locker und entspannt empfinde, ist im nächsten Abschnitt die noch extremere Variante beschrieben: die Hand wird auf die Decke gepackt, damit auch bloß nichts wackelt!

Die Anschlagshand wird "stabilisiert"

Schlecht für den Klang, denn wenn man die Decke festhält, schwingt sie weniger, die Gitarre wird leiser: Wenn der Handballen der Anschlagshand auf die Decke gedrückt wird, ist das kein Zeichen für Lockerheit. Meist versucht der Spieler damit sowohl die Hand zu stabilisieren als auch die Gitarre fester im Griff zu haben.

Beim Daumenanschlag die Finger der Hand auf die Decke zu legen ist auch keine gute Idee: die Haltung ist nicht geeignet für den Wechselschlag oder das mehrstimmige Spiel.

Handgelenk auf der Decke
Finger auf der Decke
Daumen unter die Basssaiten gekrallt
Finger unter die Saiten geschoben

Oben sieht man die zwei Varianten des "Festkrallens": einmal wird der Daumen unter den Basssaiten eingeklemmt, beim anderen Bild werden die Finger unter die Diskantsaiten geschoben. Beides sind Gewohnheiten, die mühsam wegtrainiert werden müssen, wenn man mit dem zweistimmigen Spiel beginnt.

Fehler oder Stilfrage

Nicht alle Rockmusiker hängen ihre E-Gitarre aus stilistischen Gründen auf Oberschenkelhöhe. Bei Flamenco- und Jazzgitarristen sieht man oft das Instrument ähnlich hoch vor dem Körper wie bei der klassischen Haltung, bei E-Gitarristen wie Petrucci, Vai, Satriani, Gilbert oder van Halen ebenfalls.

Natürlich gibt es Bewegungstalente, die in egal welcher Haltung immer noch besser spielen als Durchschnittsmusiker unter besten Bedingungen, aber - nur weil ein Kreisligafussballer nie so elegant dribbeln wird wie Beckenbauer oder Ronaldinho muss er ja nicht im Taucheranzug und Holzschuhen auflaufen...

Meiner persönlichen Ansicht nach ist es jedenfalls nicht falsch, wenn Schüler an Musikschulen die korrekte klassische Haltung lernen und sie zumindest versuchsweise übernehmen.

Post scriptum: die Haltung wird auch dadurch modizifiert, wohin man schaut. Gitarristen sind notorische Auswendigspieler und blicken viel auf ihre Greifhand - immer schön locker bleiben in der Halswirbelsäule und auch mal einen Blick zurück aufs Notenblatt riskieren! Überhaupt: die Positionierung der Noten kann sich stark auf die Verzwirbelung der Wirbelsäule auswirken...