Gitarre und Musiklehre, U. Meyer

Instrument mit vielen Möglichkeiten

Die Gitarre ist außerordentlich beliebt und verbreitet und behauptet sich in allen möglichen Musikstilen. Sie gehört nicht zu den Instrumenten des klassischen Symphonieorchesters, spielt aber in den Bereichen Folklore, Pop und Jazz eine tragende und stilbildende Rolle.

Der seit Orpheus magischste Moment der Musik - ein Mensch singt und begleitet sich dabei selbst - ist spätestens seit Bob Dylan, Joan Baez und Kollegen stark mit der Gitarre verbunden.

Gitarren sind leicht zu transportieren und gehören zu den leiseren Instrumenten, sodass man Nachbarn beim Spielen kaum stört. Im Zusammenspiel müssen sich andere Instrumentalisten ein wenig zurückhalten. Gitarren sind enorm vielseitig, vergleichsweise billig und... nicht so leicht zu spielen, wie man manchmal glaubt.

Viele Stilrichtungen - viele Identifikationsmöglichkeiten

Wer sich heute für die Gitarre interessiert, kann dabei sehr unterschiedliche Motivationen haben. Es gibt so viele unterschiedliche Musikrichtungen, in denen die Gitarre eine Rolle spielt! Abgesehen vom klassischen Repertoire gibt es die Songs, die in den Charts laufen, und feine Abstufungen von Metal, Rap, Independent, Folk, Jazz... viele Varianten, deren Anhänger teilweise nur "ihre" Musik mögen und andere recht deutlich ablehnen.
Aber überall spielt die Gitarre eine Rolle! Und man kann sich alles in Videoportalen anschauen.

Man benutzt für verschiedene Stile verschiedene Typen des Instruments, und je nach den großen Vorbildern einer bestimmten Richtung hat der Mensch, der das auch lernen möchte bestimme Vorstellungen von Spielweise und Haltung. Schließlich möchte man sich als cool erleben.

Wege zur Gitarre

Gibt es einen "besten Weg" zur Gitarre? Ist es besser, mit der Konzertgitarre anzufangen, und hinterher auf etwas anderes "umzusteigen", oder kann man gleich mit two-hand-tapping auf einer E-Gitarre anfangen und sich später trotzdem erfolgreich mit Bach beschäftigen?

Für mich - und jeder Mensch ist ja von seiner Meinung überzeugt - ist die Konzertgitarre natürlich der Mittelpunkt des Gitarrenuniversums. Sie hat die längste Tradition, und zu ihr gibt es durchdachte Lern- und Unterrichtskonzepte.

Das ist das Entscheidende: ein Konzept, das es ermöglicht irgendwann schwierigste Werke bewältigen zu können ist etwas Feines. Weder Bach-Suiten noch Metallica-Soli sind einfach und mal eben so zu erlernen.
Erst mal irgendwie anzufangen, weil man ja immer noch alles umlernen kann - diese Einstellung lässt außer Acht, dass Lernen im Gehirn stattfindet, nicht in den Fingern. Wenn dort falsche Bewegungsabläufe solide verankert sind, ist es nicht so einfach, sie zu "überschreiben", denn das Gehirn ist eben kein Computer, Synapsen sind keine Desktop-Verknüpfungen!

Deshalb finde ich es gut, wenn man das Lernen mit einer Konzertgitarre beginnt. Außerdem ist für Anfänger, besonders für Kinder angenehm, dass die drei Nylonsaiten und die drei mit Metall umsponnenen Basssaiten des Instrumentes beim Greifen nicht so in die Fingerkuppen schneiden wie die Stahlsaiten auf Westerngitarre und E - Gitarre.

Wenn man an einen Lehrer gerät, der klassische Gitarre studiert hat, wird man bei ihm hoffentlich die entsprechende Haltung erlernen. Eine solche "richtige" Haltung existiert, genau wie bei Violine oder Violoncello, nur bekommt man von den Stars bekannter Bands permanent andere Haltungen vorgeführt. Wie schwierig die gespielten Stücke sind, ist für den Betrachter nicht ersichtlich, also bleiben Fragen offen: braucht man für diesen Musikstil überhaupt eine gut überlegte Haltung? Wie hat der Musiker, den ich beobachte selber spielen gelernt? Weshalb hält dieser Gitarrist die Gitarre so, während andere sie doch etwas anders halten? Spielt der immer so, übt der überhaupt noch jemals?

Welchen Weg man auch einschlägt - es ist gut, ein wenig bescheiden zu sein. Wer beim Erlernen der ersten fünf Töne merkt, dass man sich anstrengen muss, sollte nicht frustriert sein, wenn im Lehrbuch erst mal einfache Lieder mit fünf Tönen vorkommen.

Das Greifen auf der richtigen Saite an der richtigen Stelle, sowie das Anschlagen genau dieser Saite erfordert Geduld, und man sollte sich darauf einstellen, dass es durch Übung dazu kommt, dass die Bewegungen vom Gehirn aus gesteuert werden, nicht in erster Linie über die Augen.

Deshalb ist es gar nicht so wichtig, dass man bei der "korrekten" Haltung die Finger der Greifhand nicht gut sehen kann, und sie gar nicht sieht, wenn man aus Noten spielt: im Gehirn wird beim Lernen eine Art "Landkarte" des Griffbrettes erstellt, auf der sich die Finger weitgehend ohne die Augen orientieren können. Das scheint zunächst geheimnisvoll, aber es funktioniert! Alle Instrumente erfordern eine Entwicklung des Tastsinnes, und gerade bei der Gitarre, bei der die Finger direkt die Töne erzeugen, ohne Tasten und Klappen dazwischen, ist das doch der Spaß!

Erfolgsmodell Gitarre

Nicht erst seit den Beatles ist die Gitarre beliebt, obwohl man an ihr einige Nachteile entdecken kann: Gitarren sind leise, sie sind schwierig zu stimmen und sie kommen massenhaft vor - als Massenware oft in schrecklicher Qualität.
Kann man erklären, weshalb das "Modell Gitarre" dennoch seit der frühen Renaissance ein Erfolgsmodell ist?

Melodie- und Akkordinstrument

Die Gitarre ist eine merkwürdige Kiste! Erstens fällt auf: man kann auf ihr einstimmig spielen, sie ist also ein Melodieinstrument wie Bläser und Streicher. Tatsächlich KANN man auf ihr Melodien von epischer Länge spielen, das haben die Soli der E-Gitarristen der sechziger und siebziger Jahre gezeigt. Aber mit der Gitarre kann man mehr machen!

Melodie und Gegenstimmen sind auf Tasteninstrumenten natürlich viel bequemer zu spielen, aber es geht auch auf Zupfinstrumenten. Durch den direkten Kontakt der Finger mit den Saiten, der Möglichkeit, viele Klangfarben zu erzeugen, hat die Gitarre einen Charme, dem viele Menschen erliegen.

Man kann mit ihr auch Harmonien darstellen, Akkorde spielen, denn auf ihren sechs Saiten kann man mehrere Töne gleichzeitig spielen, was die Grundvorraussetzung für akkordisches Spiel ist. Gitarren und Lauten gehören deshalb seit Jahrhunderten zu den beliebtesten Begleitinstrumenten.
Moment: Violinen haben auch mehrere Saiten - was ist denn da anders? Und: Tasteninstrumente sind für Akkorde doch viel geeigneter: sie haben nicht mehrere Saiten, sondern für jeden Ton eine!

Struktur der Gitarrenstimmung

Saiten der Gitarre

Die sechs Saiten der Gitarre sind in Quarten gestimmt, mit einer großen Terz dazwischen. Wenn man die Saiten von unten nach oben durchgeht, bekommt man die Töne E, A, d, g, h, e' - die erste und sechste Saite sind beide auf e gestimmt.
Läge zwischen Saite 4 und 3 auch eine Quarte, wären die beiden höchsten Saiten auf c und f gestimmt, was das Spielen von Akkorden sehr viel komplizierter machen würde.

Ohne hier jetzt alles erklären zu wollen: die Stimmung der Gitarre (und der Laute und auch der Gambenfamilie) kommt der Struktur von Akkorden unseres dur-molltonalen Systems mit Grundton, Terz und Quinte sehr entgegen. Wenn man einen Dreiklang umkehrt, entsteht dabei ein Quarte im Akkordaufbau - auch das passt! (Mehr unter Notation und Griffbrett.)

  1. Wenn ich auf der A-Saite im 2. Bund greife, habe ich die Quinte zur E-Saite.
  2. Wenn ich auf der d-Saite im 2. Bund greife, habe ich die Quinte zur A-Saite und die Oktave zur E-Saite.
  3. Auf der g-Saite findet sich im 2. Bund die Oktave zur A-Saite bzw. die Quinte zur d-Saite;
  4. im nullten / ersten Bund der g-Saite sind die Terzen (Dezimen) zur E-Saite,
  5. Terzen (Dezimen) zur A-Saite sind auf der h-Saite im 1. und 2. Bund und so weiter und so fort, kurz:

Es finden sich überall benötigte Akkordtöne in Reichweite!

A-Dur-Kadenz auf der Gitarre

Auch wenn die Wege etwas verschlungen sind, was daran liegt, dass in den Noten die hohen Töne oben stehen, auf der Gitarre aber räumlich "unten" liegen: die Töne einer A-Dur-Kadenz lassen sich alle bequem erreichen, ähnlich wie auf dem Klavier (siehe Bild unten). Aber man kann auf einem Tasteninstrument natürlich mehr Töne, mehr Dissonanzen, mehr interessante Dinge wesentlich bequemer herstellen.

A-Dur-Kadenz auf Tasten
Saiten der Violine

Das ist bei Streichinstrumenten ein bisschen anders: Weil Violine & Co. in Quinten gestimmt sind, kann man schlecht Akkorde in enger Lage spielen. Das bedeutet:
Wenn man auf der tiefsten Saite den Grundton eines Akkordes spielt, käme auf der zweittiefsten die Quinte zu liegen (die Terz wird übersprungen), auf der zweithöchsten wäre dann die Terz (die Oktave wird übersprungen) und auf der höchsten Saite erklänge die Doppeloktave (die Quinte wird ausgelassen). Das ist ein Akkord in weiter Lage. Akkorde in enger Lage sind immer mit Überstreckungen verbunden.

Akkorde auf der Violine

An sich ist das nichts Schlimmes (auf Tasten oder Zupfinstrument spielt man aber eher enge Lage), aber vier- oder dreistimmige Akkorde auf der Violine sind sehr viel schwieriger zu realisieren als auf Gitarren, und ein Violoncello ist schlicht so groß, dass die benötigten Töne nicht gut zu erreichen sind.
Viel übler: Töne, die auf Nachbarsaiten auf "gleicher Höhe" zu greifen sind, sind extrem problematisch: zwei Finger an die gleiche Stelle auf dem Griffbrett zu quetschen ist unerfreulich, vor allem, wenn man dann noch einen dritten und vierten Ton weiter weg erreichen will, und einen Finger quer über zwei Saiten zu legen wie bei der Barrétechnik auf Zupfinstrumenten ist problematisch, weil es kaum sauber klingt: Streichinstrumente haben keine Bünde!

Außerdem ist da noch die Sache mit der Tonhöhe: in den kleinen Bildchen (weiter oben rechts) "Saiten der Gitarre" und "Saiten der Violine" ist unter dem Notenschlüssel ein rotes Kästchen, das bei der Gitarre eine "8" enthält, bei der Violine aber nichts. Das bedeutet: die Töne der Gitarre sind allesamt eine Oktave tiefer als sie aussehen. Damit befindet sich die Gitarre in einer Stimmlage, die sie als Begleitinstrument für die meisten Situationen sehr geeignet macht, während die Geige ziemlich hoch ist. Wer möchte als Soloinstrument oder Sänger schon eine Begleitung haben, die ständig über der Melodie liegt?
Das Cello ist ähnlich tief wie die Gitarre, aber zu groß, man erreicht die Akkordtöne nicht, und die Viola oder Bratsche hat sich als Begleitinstrument nicht etablieren können.

Instrument für Bearbeitungen

Nicht erst heute spielen Musiker und Instrumentalschüler gerne Bearbeitungen von "Hits": in der Renaissance wurden Bearbeitungen bekannter Stücke gerne für die Laute gesetzt. Egal ob geistliche Musik (wie im verlinkten Beispiel ein Satz des Agnus Dei) oder weltliche Chorwerke für 5 Stimmen: Die Musiker der Renaissance hatten daran genauso viel Spaß wie die Musikschüler heute an Stücken von Greenday.

Laute und Gitarre eignen sich mit ihrem Tonumfang sehr gut für solche Bearbeitungen, und man kann sie alleine spielen und muss sich nicht drei weitere Blockflötisten oder ein Streichquartett zusammen suchen.

Begleitung und Technik

Bestimmte Instrumente sind ein evolutionärer Erfolg als Soloinstrument (die Violine, obwohl sie nicht so gut "Akkorde kann", ist von Komponisten mit Unmengen toller Musik aller Genres bedacht worden), andere sind solistisch besonders gut einsetzbar, wie die Tasteninstrumente, aber die zum Begleiten besonders geeigneten Geräte sind auch eine eigene Gruppe.

Dazu zählen natürlich die Tasteninstrumente Cembalo (Clavichord nicht - zu leise), Klavier, Orgel (die kleinen für Kammermusik, Kirchenorgel mit vollem Register für den Gemeindegesang) und in bestimmten Stilen das Akkordeon (letzlich ein tragbares Orgel-Zungenregister). Nicht vergessen sollte man auch die Harfe und das Hackbrett, obwohl letzteres nicht wirklich oft als Instrument in der Continuo-Gruppe eingesetzt wird.

Umtata-Begleitung

All diesen Instrumenten ist gemeinsam: man kann auf ihnen Basslinie und Akkorde quasi getrennt wiedergeben. Auf allen kann man "Umtata"-Begleitungen wie im Bild rechts spielen.

Während man auf Tasteninstrumenten die Basstöne mit der linken, und die Akkorde mit der rechten Hand spielt, schlägt man als Gitarrist die tiefen Töne mit dem Daumen, die hohen mit den Fingern der Anschlagshand an. Das Greifen obliegt ja der anderen Hand.

Darin liegt auch die strukturelle Überlegenheit der Tastenspieler begründet: während der Lautenist nur einen Daumen zum Spielen der Basslinie hat, und bei schnellen Notenwerten an seine Grenzen stößt, hat der Cembalist eine ganze Hand für den Bass, und kann bei gutem Fingersatz fast alles spielen.

Händel, B.C.

Bei einer Basslinie wie dieser (G.F. Händel, Sonates pour un Traversiere un Violon ou Hautbois con Basso Continuo, 4. Sonate, 2. Satz) kann man als Lautenist kaum alle Noten spielen, wenn man auch noch eine akkordische Begleitung improvisieren möchte. Man braucht ein Violoncello, eine Gambe oder ein Fagott dabei, und spielt nur die Schwerpunktnoten des figurierten Basses.

Bauweise

Einen riesigen Vorteil haben Laute, Gitarre & Co gegenüber den Tasteninstrumenten aber: sie sind kleiner, besser zu transportieren, weniger aufwändig und billiger herzustellen. Es ist viel einfacher, für eine Barockoper zwei Lauten, zwei Barockgitarren und zwei Chitarronen herbeizuschaffen und zu verwalten, als sechs Cembali.
Beides schafft Arbeitsplätze für sechs Instrumentalisten, aber allein die Cembali (oder von mir aus Flügel) bei Stimmung zu halten ist doch etwas mehr Theater.

Außerdem kann man sich viele Zupfinstrumente mittels Gurten umhängen und damit durch die Gegend hüpfen und merkwürdige Verrenkungen machen, was - schließlich sieht es cool aus, wenn man es ordentlich macht - immer noch zum Erfolg der Gitarre beiträgt... In so mancher Band wird weniger innovatives musikalisches Material durch Show überspielt.

Tonerzeugung

Die Art der Tonerzeugung mag für die Attraktivität als Begleitinstrument auch eine Rolle spielen: Alle "klassischen Begleitinstrumente" (Orgeln und Akkordeon weniger, obwohl Akkordeon und Bandoneon sehr bissig gespielt werden können) haben einen eher perkussiven Charakter. Der Ton beginnt mit einem Anschlag oder indem er gezupft wird und verklingt dann. Er hat also einen präzisen Beginn, dann wird er entweder abgedämpft oder man lässt ihn ausklingen. Das sorgt für Unterstützung des rhythmischen Geschehens und ist ein guter Kontrast zu Sängern, Streichern und Bläsern, die allesamt Töne auch quasi aus dem Nichts lauter werden lassen können.

Auf Gitarren und Lauten kann man mit der Anschlagshand viel mehr Varianten bringen als nur das Argeggio, das Anschlagen der Töne nacheinander: man schlägt leise, laut, knackig, rasselnd, die Finger nacheinander "herausschiessend" wie ein Flamencogitarrist, mit weicher oder harter Klangfarbe, mit den Nägeln, der Daumenkuppe oder mit einem Plektrum, kurz auf alle möglichen Arten an.
Auch diese Vielfalt der Klangerzeugung lädt ein zum Experimentieren, zum Finden eines persönlichen Stils und macht damit die Gitarre besonders liebenswert!