Gitarre und Musiklehre, U. Meyer

Tabulatur

Musik schreibt man in Noten auf. Die Noten bedeuten einen bestimmten Ton, und der Spieler, der daraus spielen will, muss wissen, wie er den gelesenen Ton auf seinem Instrument herstellt. Noten sind für alle Musiker lesbar, wenn sie es gelernt haben.

Tabulatur ist sozusagen eine Behelfsschrift: Die Töne, die ein Musiker spielen kann, schreibt er in einer Form auf, die direkt die Herstellung auf seinem Instrument spiegelt. Spieler dieses Instruments können die Tabulatur nach kurzer Einweisung direkt umsetzen - das ist ihr großer Vorteil. Andere Musiker können mit ihr nichts anfangen - das ist ihr Nachteil.

Saiteninstrumente mit Bünden

Capirola

Die untere Linie entspricht der höchsten Saite.

de Visée

Hier ist die oberste Linie die für die höchste Saite. Der erste Buchstabe ist ein "e", also 4. Bund!

Bei Saiteninstrumenten mit Bünden ist das intabulieren, also das Setzen in Tabellenform, besonders naheliegend. Für Lauten, Gitarren und Gamben ist es seit der Renaissance üblich und wurde auch im Barock beibehalten. Ich weiß nicht, wie viel Musik es in deutscher Orgeltabulatur gibt, man kann theoretisch Noten für Flöten aufschreiben, indem man für jeden Ton den Griff hinmalt, was doch ziemlich aufwendig sein dürfte, aber für Griffbretter ist Tabulatur echt praktisch!

Es gibt für jede Saite eine Linie, und durch Zahlen oder Buchstaben wird angegeben, in welchem Bund gegriffen werden soll.
Der Rhythmus allerdings wird quasi als Summe für alle Stimmen über der Tabulatur notiert. Man kann nicht darstellen, wie lang genau eine Note in einer Mittelstimme gehalten werden soll. Solche Dinge muss man aus dem harmonischen Zusammenhang erschließen, und so kommt doch wieder nötiges Wissen über Musik"theorie" durch die Hintertür in die Tabulatur - oder es kommt komische Musik heraus.

Vor- und Nachteile

Der große Vorteil der Tabulatur ist, dass man sie direkt abspielen kann, wenn man ihren Aufbau verstanden hat. Was an tatsächlichen Noten dahintersteht, muss man nicht wissen.

Man braucht sich nicht die Bohne darum zu kümmern, ob die Gitarre normal gestimmt ist, oder auf D-A-d-fis-a-d'. Für Lautenmusik der Renaissance ist das eine große Hilfe: wenn man bei einem Duo für unterschiedlich große Lauten mal die Stimmen tauschen möchte, muss man nicht umlernen, weil die leeren Saiten statt G-C-f-a-d'-g' plötzlich F-B-es-g-c'-f' oder D-G-c-e-a-d' heißen. Man spielt den 2. Bund auf der dritten Saite, und je nach Instrument kommt ein h, ein a oder ein fis heraus, und das wird schon stimmen.

Gleiches gilt für Bass- Tenor- oder Diskantgambe, für die es ebenfalls Tabulaturen gibt, weiterhin für Cister, Orpheoreon oder Bandora.

Moderne Lautenisten

Menschen, die heute Laute spielen, beschäftigen sich oft nicht nur mit den Instrumenten einer Epoche, sondern auch mit Lauten in Barockstimmung, die komplett anders ist als die der Renaissance. Ein besonderes Problem stellt der Chitarrone oder die Theobe dar - auf diesen Geräten sind die beiden ersten Saiten nach unten oktaviert. So etwas in Noten zu übertragen ist ein komisches Unterfangen, das nur wenig Sinn ergibt.

Andererseits wollen moderne Lautenisten vielleicht aus bezifferten Bässen spielen können - dann müssen sie die unterschiedlichen Stimmungen schlicht beherrschen.

Im Zeitalter des Internet

Die Tabulatur-Schreibweise ist unglaublich beliebt, denn

  1. sie ist einfach und direkt zu verstehen, man braucht nichts zu lernen, sondern nur den Anweisungen zu folgen
  2. sie ist sehr Internet-freundlich: während Noten aufwändige Grafiken sind, kann man Tabulaturen im Textdateiformat aufschreiben, und eine Webseite ist bekanntlich im Prinzip eine große Textdatei.
Web Tabulatur

   Keine Rhythmuszeichen, keine Taktstriche - wie heißt das Stück?

Das ist allerdings etwas schwerfällig, und nicht gerade Platz sparend (man braucht ja für ein Tabulatursystem nicht eine Zeile, sondern 6, nämlich für jede Saite eine, und dann noch ein bisschen Zwischenraum zum nächsten System. Und man benötigt eine Schriftart, die jedem Zeichen, egal ob "." oder "m" exakt den gleichen Platz einräumt, weil sonst die Töne auf den Saiten nicht mehr übereinander bleiben würden. Das sind Monospace Fonts wie z. B. "Courier New" - eine Schrift, die ein bisschen nach Schreibmaschine und 50er Jahre aussieht...
Den Rhythmus kann man nur mit großer Mühe genau notieren, kurz: das Ganze sieht nicht wirklich elegant aus.

Freiwillig unwissend bleiben

Aber die "Tabs" haben eben diesen tollen Vorteil: man braucht keine Noten zu lernen!
Der entsprechende Nachteil: man lernt keine Noten!

Tabulatur

Diese Tabulatur hat mir mein Notenprogramm auf Knopfdruck erstellt. Sehr hübsch: man kann sofort abspielen, was da steht, nur den Rhythmus muss man erraten. Wenn ich im Ernst mit Tabulaturen unterrichten wollte, könnte ich natürlich mittels Rhythmuszeichen aus dem Grafikarchiv helfen.

Da Musiker untereinander über Noten kommunizieren, befindet man sich leicht im Abseits, wenn man "nur" nach Tabulatur spielen kann. Sie ist so stark auf Saiten und Bünde bezogen, dass sie nicht dazu taugt, die weite Welt der Musik abzubilden. Warum sollten Klarinettisten, Cellisten oder Pianisten Tabulatur verstehen?

Bedeutung hinter den Zeichen

In Tabulaturen kann man die rhythmische Struktur individueller Stimmen nicht darstellen, weil der Rhythmus für alle Stimmen über der Zeile steht. Schon um 1530 ein Problem bei Francesco da Milano: man spielt mehrere Takte, die aus fortlaufenden Achteln bestehen, und wundert sich über das klangliche Ergebnis: ein Kanon im Quintabstand nach einer Viertel, man spielt also gar keine Achtel, sondern Viertel punktiert und Achtel in zwei Stimmen gegeneinander versetzt.

DaMilano

Aus einem Ricercar von F. da Milano aus dem Siena-Manuskript (meine Abschrift). Bei der "italienischen Tabulatur" liegt die höchste Saite unten.

DaMilano

Ein Versuch, die Kanon-Stelle durch Farben deutlich zu machen... Übertragung in normale Gitarrenstimmung.

DaMilano

Eigentlich sieht die Passage zwischen den blauen Pfeilen > < in der Tabulatur ja nur wie oben aus, und es tobte lange Zeit ein Streit unter Musikwissenschaftlern, die die ersten Übertragungen von Lautentabulaturen publizierten, ob das Ergebnis in Noten ein Versuch sein solle, die Tondauern musikalischer Logik folgend darzustellen, oder nur wie hier nüchtern den Beginn jedes Tones darstellen dürfe.

Lernen und Umlernen

h,c,d in Tabulatur

h, c, d einmal in Tabulatur, einmal in Noten. Für kleine Gitarristen ziemlich gemein: 6 Saiten, 5 Linien, wie bitte?

Menschen, die nur nach Tabs spielen gelernt haben, sind oft der Meinung, dass Noten unglaublich kompliziert seien. Nun ja, ich würde behaupten, sie sind genau so kompliziert, wie Musik nun einmal ist! Die schriftliche Darstellung unserer Sprache braucht auch eine ganze Menge Zeichen, und niemand geht wirklich ernsthaft davon aus, dass das System grundsätzlich falsch organisiert sei, und dass ein Viertel der Buchstaben auch reichte. Sollte man wirklich b und p, g, k und ck oder e, ee, eh, ä und äh durch jeweils ein Zeichen ausdrücken?

Natürlich kann jeder immer beginnen, umzulernen. Mit Kindern im Grundschulalter ist das allerdings so eine Sache: Tabulatur (6 Linien) und Noten (5 Linien) sehen sich sehr ähnlich, aber plötzlich ist das h nicht mehr eine 0 auf der zweiten Linie, sondern ein rundes Etwas auf der mittleren Linie, das auch noch ausgemalt oder leer sein kann, und mit Hälsen und Fähnchen versehen! Eine Gemeinheit ist das! Und das c, bisher eine 1 auf derselben Linie, liegt plötzlich im Zwischenraum darüber - wer soll das denn verstehen?
Meine ersten Erfahrungen mit dem Umstieg von Tabs auf Noten mit (intelligenten!) Achtjährigen lassen mich vor allem einen Schluss ziehen: Man sollte sich das  gut überlegen!

Was denn? Ob man noch mal umsteigt? Nein: wie man einsteigt! Lern- und Bildungsziele nicht aus den Augen zu verlieren kann zwar anstrengend sein, aber wenn manche Dinge in einem bestimmten Umfeld nicht zu vermitteln sind, sollte man vielleicht auch das Umfeld hinterfragen, statt die Ansprüche immer weiter zu senken.

Man braucht sie doch!

Natürlich hat die Tabulaturschrift auch ihre Berechtigung: Wenn man sich mit Instrumenten wie Lauten beschäftigt, spielt man natürlich aus Tabulaturen. Dabei kann man den Anspruch durchaus hoch ansetzen: selbstverständlich sollte man die verschiedenen Systeme beherrschen, und aus Tabulaturen vom Blatt singen oder die Stücke innerlich hören können. Mit Sicherheit konnten das die Komponisten und guten Spieler in Renaissance und Barock auch.

Die E-Gitarre hat sich spieltechnisch so weit entwickelt, dass die Tabulatur als Ergänzung zur "normalen" Notation durchaus sinnvoll sein kann. Bei Ausgaben von Rockmusik ist häufig die Gitarrenstimme doppelt dargestellt, wobei eigentlich beides zusammengehört: in den Noten stehen die genaue Rhythmik und Tonhöhe, in der Tabulatur steht der genaue Ort auf dem Griffbrett, der Fingersatz, die Tonproduktion (normal, bending, slide etc.). Ein ordentliches E-Gitarrensolo ist oft so kompliziert, dass diese Darstellungsweise absolut gerechtfertigt ist.
Die Tabulaturzeile ist dabei aber ja immer noch einfach zu entziffern, vermittelt aber Informationen zum "Wo" und "Wie" der Töne, die in Noten nur mit sehr viel Aufwand darzustellen und im Ergebnis nicht immer übersichtlich wären.