Gitarre und Musiklehre, U. Meyer

Warum stimmt die Gitarre nicht? - Psychologie.

Man gibt sich wirklich Mühe, man stimmt so genau man kann, man benutzt ein Stimmgerät, und trotzdem denkt man nach drei Akkorden "Au Mann, das hält man nicht aus!"
Hier folgt eine unendliche Liste von Faktoren und Gründen, die dafür sorgen, dass das Ergebnis des Stimmens unbefriedigend ist! Ich versuche, sie ein bisschen zu gruppieren: es gibt Gründe, die mit genauem Zuhören und gutem Benehmen zu tun haben, Gründe physikalisch-technischer Art, und die, die mit schlechter Grifftechnik zusammen hängen. Einige kann man ganz gut abstellen.

Es ist zu laut.

Beim Stimmen spielt man zuerst einen Ton, den man als richtig setzt, und dann den Ton, den man stimmen möchte. Dann vergleicht das Gehirn. Damit die Wahrnehmung funktioniert, muss es leise sein.

Richtige Stille ist in unserer Gesellschaft ein Luxusgut! Im Gruppenunterricht ist es oft laut, und es gibt viele Lärmquellen außer den fröhlichen Kinderstimmen: ein Buch wird unleise auf den Notenständer gestellt, ein Stuhl über den Boden geschrammt, die Klettverschlüsse der Schuhe auf- und zu (und auf- und zu...) gemacht etc.

Ich gebe freimütig zu: die Gitarren im Gruppenunterricht sind bei mir oft nicht sehr gut gestimmt. Das hat damit zu tun, dass gutes Benehmen nicht immer selbstverständlich ist, und damit, dass ich vor allem auch unterrichten möchte.
Stimmgeräte halte ich in der Situation für keine so große Hilfe: erstens sind sie vergleichsweise langsam, und zweitens "hören" auch sie die Störgeräusche, arbeiten dann also nicht richtig.

Man kann im Garten Gitarre spielen, während der Nachbar Kaminholz mit der Kreissäge macht, aber stimmen ist schwieriger.


Das Stimmgerät ist schuld.

Stimmgeräte sind toll. Ein Zeigerchen oder ein grün aufleuchtendes Display zeigt an: der Ton ist exakt richtig, und damit ist alles fein. Viele Gitarreros haben diese kleinen Dinger ständig am Gitarrenkopf klemmen, und sind so immer aus dem Schneider.

Stimmgeräte sagen einem nicht viel über gleichschwebend temperierte Stimmung und reine Obertöne, über in sich verstimmte Saiten und schiefe Töne in der Lage. Stimmgeräte sagen nicht "Hej, du hast eine Saite einen Ganzton herunter gestimmt, kneif die mal ein bisschen!"
Außerdem muss man immer lesen: ich stimme meine d-Saite - wieso steht da eigentlich "c" im Display, und "zu hoch"?

Stimmgeräte verhindern, dass man Stimmen lernt, dass man im Training bleibt, dass man sich im Sinne von Roland Dyens verbessert von jemandem, der mechanisch einige Bewegungen ausführt zu jemandem, der die Stimmung einem Stück anpasst, der nachstimmt, weil seine Sensibilität über viel Übung geschult wurde.

Trotzdem sind sie natürlich ein moderner Segen: wenn man die Stimmung damit so einigermaßen in Ordnung bringen kann, ist doch schon viel gewonnen!

Warum stimmt die Gitarre nicht? - Physik.

Die "physikalischen Problemfaktoren" werden nicht genug beachtet.

Wenn man nach der "5. Bund-Methode" stimmt, muss man immer darauf achten, dass man die gegriffenen Töne nicht verzieht, sonst wird die zu stimmende Saite zu hoch. Passiert dies mehrmals nacheinander, addieren sich die Fehler, und das Ergebnis kann ziemlich schaurig werden.

Bei der "Oberton-Methode" sollte man sich der Diskrepanzen zwischen den reinen Obertönen und den immer dazu etwas verstimmten Tönen der gleichschwebenden Stimmung bewusst sein. Reine Quinten sind zu hoch, große Terzen viel zu tief im Vergleich zu den temperierten Bünden. Man muss wissen: wenn ich die hohe e-Saite nach dem Quintoberton über dem 7. Bund der A-Saite stimme, und danach die A-Saite und dazu ein cis im 9. Bund der e-Saite anschlage, wird das cis grässlich hoch klingen.

Diese Faktoren muss man einkalkulieren und ein bisschen "schummeln". Man sollte nicht nur bestimmte Flageoletttöne vergleichen, sondern auch Töne in unterschiedlichen Lagen, und den Klang verschiedener Akkorde überprüfen. Roland Dyens gibt zu jedem der "20 Lettres pour guitare solo" einige Töne und Akkorde vor und schreibt im Vorwort:

So let us stop thinking of tuning up as some sort of punishment to be inflicted on others and on the guitarist, and try to turn this compulsory act into something voluntarily artistic, even mystic.
Also lasst uns aufhören, das Einstimmen als eine Art Strafe zu betrachten, die den anderen und dem Gitarristen auferlegt wird, und lasst uns versuchen diese verpflichtende Arbeit in etwas freiwillig künstlerisches, ja sogar mystisches zu verwandeln.

Das Instrument ist zu schlecht.

Billige Instrumente sind billig, weil bei der Herstellung alles so schnell und so billig gemacht wird wie möglich. Wenn eine ordentlich gemachte Kindergitarre zwischen 300 und 400 Euro kostet, muss an einer Supermarktgitarre für 40 Euro, auch wenn sie in einem Billigstlohnland hergestellt wurde etwas anders sein, denn auch an ihr möchte jemand verdienen. In dem Preis stecken die Materialkosten, der Lohn des Arbeiters, der Herstellerprofit, die Transportkosten, die Zwischenhändlergewinne und die Gewinnspanne des Verkäufers!

Man sollte sich also nicht wundern, wenn

  1. die Bundstäbe nicht korrekt sitzen - dann kann die Gitarre in den Lagen nicht stimmen!
  2. die Stegeinlage einfach gerade ist - dann stimmt die Mensur für die hohen und die tiefen Saiten nicht, die muss nämlich unterschiedlich lang sein,
  3. die Saitenlage so hoch ist, dass man die Saiten enorm weit herunterdrücken muss - das wirkt sich nicht nur auf die Spielbarkeit sondern auch auf die Stimmung aus, denn je mehr die Saite ausgelenkt wird, desto höher wird der Ton.

Diese Dinge habe ich versucht, in den Abschnitten über die Qualität von Gitarren zu beschreiben.

Zur Verbesserung der Intonation von Gitarren gibt es den Ansatz von Dyens - nochmal aus dem Vorwort:

A guitarist should, like a flamenco guitarist, lutenists in previous centuries or north Indian sitar-players today, make a veritable prelude out of this fine tuning...
Ein Gitarrist sollte wie ein Flamencogitarrist, Lautenisten in vergangenen Jahrhunderten oder heutige nordindische Sitarspieler aus dem Feinstimmen ein veritables Präludium machen...

Andererseits gibt es beeindruckend komplexe technische Lösungen mit verschiebbaren Bundsegmenten, oder segmentierten Stegeinlagen.

Bevor man sich durch solche wissenschaftliche Texte arbeitet und dann ein vielleicht nicht ganz billiges Instrument erwirbt, könnte eine gut gemachte Gitarre und das Üben des Stimmens, dass die genannten Faktoren mit einbezieht schon sehr gute Dienste leisten! Ein letztes Zitat aus Dyens' Vorwort:

This method of searching out the best possible intonation could be defined as a 'positive compromise', always admitting in the end that the guitar can never be perfectly in tune.
Diese Methode, die bestmögliche Intonation herauszufinden könnte als 'positiver Kompromiss' definiert werden, wobei man am Ende immer zugeben muss, dass die Gitarre niemals perfekt gestimmt sein kann.

Der Sattel ist schlecht gearbeitet, die Mechanik läuft nicht glatt.

Schlechte Mechaniken, die knacken und springen, können einen musikalischen Menschen zur Verzweiflung treiben. Suchen Sie den Fehler nicht immer bei sich!

Wenn die Saiten nicht sauber durch den Sattel laufen, kann das Probleme machen: manchmal ist besonders bei den Bässen der richtige Ton nicht zu treffen, weil die Saite im Sattel klemmt. Abhilfe: wenn Werkzeug und handwerkliches Geschick vorhanden sind: entsprechend nacharbeiten, aber Obacht: ist die Rille im Sattel zu tief, wird die Saite scheppern, frei nach dem Motto "Dreimal abgesägt und noch zu kurz!". Wenn man keine Erfahrung hat, geht man am besten zum Gitarrenbauer.


Die Gitarre hat einen Wolf.

Vielleicht hat die Gitarre aber auch einen "Wolf", also die Eigenschaft, dass das Instrument bestimmte Frequenzen besonders verstärkt. Es ist nicht wünschenswert, wenn ein Ton immer deutlich lauter ist als andere, und wenn dieser Ton knapp neben der Standardstimmung liegt, braucht man eventuell die Hilfe professioneller "Wolfsjäger".

Auf einer bestimmten Sorte Leihgitarren unserer Musikschule gibt es einen Wolf auf e, was dazu führt, dass die leere hohe e-Saite praktisch nicht zu stimmen ist. Man hört immer ein ganzes Rudel Töne, auf allen Gitarren dieser Sorte, und auch auf der vierten frisch aufgezogenen e-Saite.


Das Instrument ist sehr klein.

Auf kleinen Gitarren ist die Saitenspannung sehr viel geringer, wenn normale Saiten aufgezogen sind, und das ist meistens der Fall. Dadurch verstärken sich alle negativen Effekte, die weiter unten beschrieben sind und alle mit Verziehen der Saite oder zu starkem Drücken beim Greifen zu tun haben.

Kleine Gitarren können gut gemacht sein (leider gibt es viel zu viele Billiggitarren), aber die niedrige Saitenspannung bleibt, außer man stimmt die Gitarren so viel höher, dass die Spannung ähnlich der auf einer großen Konzertgitarre ist.


Die Saiten sind alt oder schlecht.

Saiten werden alt, und bevor sie reißen stimmen sie in sich häufig nicht mehr. Wenn man eine Saite anschlägt und sie sichtbar unsauber schwingt, wenn sie schneller als normal auf die Bundstäbe aufschlägt, oder wenn man gar zu hören meint, dass man mehrere, ganz viele oder jedenfalls keinen präzisen Ton mehr hört, wenn man den Oktavflageolett und den gegriffenen 12. Bund vergleicht, und der gegriffene Ton ist deutlich zu hoch oder tief, dann ist die Saite in sich nicht mehr sauber.
Man kann dann noch so sorgfältig stimmen - sobald man etwas weiter in der Lage spielt, klingt es schief. Dagegen ist das Mittel das Aufziehen neuer Saiten.

Schlechte oder falsche Saiten kommen auch schon mal frisch aus der Packung - man hat auch mal Pech - und auf billigen Gitarren sind zuweilen spürbar minderwertige Saiten drauf - auch da kann man ein paar Cent sparen.


Die Saiten sind schlecht aufgezogen.

Wieder: bei billigen Gitarren aus dem Supermarkt sind die Saiten manchmal auf den Wellen der Mechanik einfach ohne jede Überschneidung parallel aufgespult. Das hatte ich auch schon mal bei einem Musikhaus in der nächsten größeren Stadt, wo der Lehrling an die Arbeit gesetzt wurde, die ich dann noch einmal gemacht habe.

So aufgespulte Saiten geben endlos lange nach, und wenn man sie fest genug dehnt, damit sie die Stimmung schneller halten, zieht sich eine blanke Nylonsaite auch schon mal ganz aus der Befestigung.


Die Saiten verstimmen sich nach Skordatur.

Wenn man für ein Stück die tiefe E-Saite auf D umstimmen muss, sollte man sich nicht nur bemühen, den Ton zu treffen, sondern dafür sorgen, dass sich die Saite setzt. Dieses Problem hat man auch mit frisch aufgezogenen Saiten besonders stark und lang anhaltend.
Der Klassiker: ein Schüler stimmt bei seinem Auftritt bei "Jugend musiziert" mit Hilfe des Stimmgerätes die Saite vorsichtig herunter, spielt los, und natürlich wird die Saite im Verlauf des Stückes immer höher. Beim nächsten Stück, für das er wieder auf E zurück stimmt, sackt die 6. Saite dann wieder ab.

Man sollte immer, wenn eine Saite merkbar hoch oder herunter gestimmt wird, etwas zu weit und dann zurück drehen, und dann energisch, mit Daumen und Finger die Saite entlang fahrend diese dehnen, damit sie sich sicherer setzt. Das gilt auch für das folgende Thema:


Die Saiten verstimmen nach wildem Verstimmen zu Hause.

Der kleine Bruder, der einfach mal wild an den Stimmwirbeln dreht, oder die große Schwester, die mit einem youtube-Video üben möchte und die Saiten hochdreht, bis es klingt, weil sie nicht weiß, dass es Kapos gibt, um Gitarren höher zu machen, haben zugeschlagen: danach dauert es schon mal, wieder Ordnung in die Stimmung zu bringen, und man darf wieder die Saiten "kneifen", damit sie sich setzen.

Warnung an die Unbefugten: Saiten reißen irgendwann, wenn man sie einfach immer höher dreht, und wenn man alle immer schön gleichmäßig hochstimmt, fliegt im Extremfall der Steg ab. Dann bitte das Gesicht aus dem Weg, und viel Glück!
Ich finde, der Gitarrist der Familie darf über die Eltern diese Späße streng verbieten lassen!


Die Saiten verstimmen sich wegen Temperaturänderung.

Besonders im Winter sind Temperaturschwankungen ein Thema: die Gitarre lag zwei Stunden im kalten Auto, und wird zum Unterricht ausgepackt. Der Lehrer stimmt, und nach fünf Minuten fragt man sich "Was ist hier los?"

Die Nylonsaiten verstimmen sich immer am gründlichsten. Die g-Saite ist die dickste Plastiksaite, besteht also aus mehr von diesem Material, dass durch Temperaturschwankungen so schön beeinflusst wird, und ist deshalb am stärksten betroffen. Und da bei ihr das Verhältnis Oberfläche zu Masse am ungünstigsten ist, dauert das Verstimmen bei ihr auch länger an. Oben kühlt der Auflauf am schnellsten ab - wenn man einen Löffel von unten nimmt, kann man sich noch lange die Zunge verbrennen!

Stimmen hat also nicht nur mir Können, Genauigkeit und günstigen Vorraussetzungen zu tun - die Zeit ist auch ein Faktor! Also: nicht Verzagen, noch ein bisschen spielen und nachstimmen.!

Warum stimmt die Gitarre nicht? - Grifftechnik.

Der Spieler zieht die Saiten wie beim Bending.

Wenn man beim Greifen die Saiten seitlich verzieht, also unabsichtlich das macht, was bei der E-Gitarre "bending" heißt und dort mit Absicht und möglichst sauber gemacht wird, wird der Ton natürlich zu hoch. Welcher Gitarrenlehrer kennt das nicht: man hat die g-Saite, die immer zu hoch ist, absichtlich etwas tief gestimmt, das Kind geht beim Vorspiel auf die Bühne, und beim ersten gegriffen a im zweiten Bund der g-Saite zieht es einem die Schuhe aus.

Je kleiner das Instrument, je schlaffer gespannt die Saiten, desto stärker wirken sich Verziehen oder zu kräftiges Drücken aus.

Auch das muss der spielende und stimmende Nachwuchs wissen: nicht immer ist das missglückte Stimmen Schuld! Man sollte die Saiten weder in das Griffbrett bohren, noch seitlich verziehen, dann werden die gegriffenen Töne zu hoch. Und wenn man nach so gegriffenen Tönen richtig stimmt, wird die leere Saite schief klingen!


Der Spieler zieht die Saiten wie beim Vibrato.

Beim Vibrato auf der Gitarre wird die Saite längs geschoben und zurück gezogen. Der Finger drückt auf die Saite und bewegt sich hin und her, und dadurch bewegt sich die Saite in Längsrichtung über den Bundstab, das kann man bei den umsponnenen Saiten besonders gut sehen.

Man kann also durch ein "erstarrtes" Vibrato, also durch schieben oder ziehen der Saite ohne die Bewegung zurück zu machen, einen Ton höher oder tiefer intonieren.

Schlage den Oberton kurz vor dem 4. Bund auf der A-Saite an - du hörst ein zwei Oktaven höheres cis. Spiele dann das cis im neunten Bund der hohen e-Saite. Dieser Ton ist deutlich höher. Wenn du ihn mit der leeren A-Saite zusammen spielst, hörst du, dass diese Terz zu groß ist.
Wenn du die e-Saite jetzt wie beim Vibrato etwas Richtung Steg schiebst, kannst du eine reine Terz zum tiefen A erzeugen: klingt das angenehm!

Umgekehrtes Szenario: du machst einen Lagenwechsel abwärts, landest auf dem 9. Bund mit Schwung und ziehst die Saite mit Kraft in Richtung Sattel, dann wird das cis noch höher, als es ohnehin schon wäre.

Auch das ist ein Phänomen, das die korrekte Antwort auf die Frage "Habe ich wirklich so schlecht gestimmt?" liefern kann: Nein, nur nicht so geschickt gegriffen.