Gitarre und Musiklehre, U. Meyer

Das Beispielstück

Obwohl Schüler unterschiedliche Ziele formulieren und Lehrer diese mit unterschiedlichen Materialien und Methoden zu erreichen versuchen, dürfte Unterricht im Fach "Konzertgitarre" doch gemeinsame Lerninhalte bedeuten.
Was also lernt man eigentlich in etwa, wenn man bei einem Lehrer wie mir mit Gitarrenunterricht beginnt? An dem englischen Weihnachtslied "We three Kings of Orient are" möchte ich versuchen, die Unterrichtsinhalte zu zeigen.

Der Christmas-Carol über die Heiligen Drei Könige ist sehr populär, man kann ihn auf youtube in künstlerischen Fassungen, als Kinderlied oder mit begeistertem Gemeindegesang finden. Das Lied wurde 1857 von Reverend John Henry Hopkins, Jr. geschrieben und ist für meine Zwecke gut geeignet.

Es besteht aus einer Strophe, die zu Anfang und am Ende von den Drei Königen gemeinsam gesungen wird, dann folgt ein Refrain, und darauf jeweils eine Strophe als Solo eines der Könige. Der Refrain wird in Gitarrenbearbeitungen schon mal weg gelassen, und ich lasse ihn auch erstmal beiseite.

Zeit

Viele Menschen möchten wissen, wie lange es dauert, bis man sich eine E-Gitarre umhängen und "so richtig abrocken" kann. Auf diese Frage gibt es keine vernünftige Antwort.

Eine durchschnittliche Gruppe von vier Zweitklässlern braucht vielleicht ein Jahr, um beim zweistimmigen Spiel anzukommen. Erstklässler brauchen etwa doppelt so lange, ein motivierter Zwölfjähriger im Einzelunterricht schafft das mit Glück in einem Vierteljahr, es kann bei ihm aber auch so lange wie bei den Zweitklässler dauern, wenn er sich zu viel mit seinem Smartphone beschäftigt. Die Antwort ist für jeden Menschen verschieden, hängt von Fleiß und Vorbildung ab, und hier zu schreiben: "nach einem Jahr kannst du ..." wäre unseriös.

Ein Musikinstrument zu erlernen ist ein Abenteuer, sowohl für junge als auch für ältere Menschen. Man lernt viele Dinge, die man so vielleicht noch nie gemacht hat, und niemand kann vorab wissen, wie lange diese Lernprozesse dauern werden. Und man sollte an die Sache auch nicht herangehen wie an den achtwöchigen Crash-Kurs in Business-Englisch, den man braucht, um sich für einen Job zu qualifizieren. Wenn man sich mit der Gitarre beschäftigt lernt man

  1. mit beiden Händen koordiniert merkwürdige Bewegungen zu machen,
  2. die Notenschrift zu verstehen, die Töne richtig zu identifizieren,
  3. sich zu merken, wo sich die Töne auf dem Griffbrett befinden,
  4. rhythmisch richtig zu spielen, zu zählen, den Takt zu empfinden,
  5. sein inneres Ohr zu entwickeln, vorauszuhören, was man liest, und zu überprüfen, ob man richtig gespielt hat,
  6. mit anderen zusammen zu musizieren,
  7. die Macht des regelmäßigen Übens zu entdecken.

Fleiß, Lernfähigkeit und Begabung

Einige Aspekte sind stark durch Fleiß zu beeinflussen. Dazu gehören die manuelle Geschicklichkeit, die Notenschrift zu lernen und sich die Töne auf dem Griffbrett zu merken. Wer viel übt, lernt die ungewohnten Bewegungen schneller, wer sich die Notennamen immer wieder vorsagt und sich um die Zusammenhänge kümmert (wie heißen noch mal die Töne auf der h-Saite?) und sich die Position der Töne auf dem Griffbrett einprägt kommt schneller voran.

Mit Lernfähigkeit meine ich hier etwas Komisches: Es gibt nicht wenige Menschen, die durchaus intelligent sind, aber Schwierigkeiten mit dem Annehmen von Informationen haben. Sie sind so von sich und ihrem Tun überzeugt, dass sie sich innerlich dagegen sperren, etwas ernsthaft auszuprobieren und zu überprüfen.
Der Lehrer sagt "Greife mit den Fingern mehr von oben, nicht so flach!" und der Schüler denkt "Warum das denn? Wie kommt der dazu, mir Vorschriften bezüglich meiner körperlichen Angewohnheiten zu machen? Das weiß ich besser, mir ist es so bequemer!" und macht die Fortschritte nicht, die so einfach zu erreichen wären.
Möglicherweise ist übergroßes Selbstbewußtsein ein Problem, oder die Tatsache, dass Kindern heute von Erziehenden weniger Vorschriften gemacht werden, jedenfalls ist die Fähigkeit, sich selbst in Frage stellen zu können, etwas nachahmen zu können und zu überprüfen, ob es vielleicht funktioniert nicht schlecht für das Erlernen eines Instrumentes.

Musikalische Begabung ist die große Unbekannte: wie musikalisch ein Mensch ist, wie schnell er lernen kann, etwas umzusetzen, das er vielleicht schon immer in sich trug, aber noch nie bewusst erlebt und formuliert hat steht nicht auf seiner Stirn geschrieben. Wie schnell jemand lernen kann, aus Noten zeitliche Abläufe, den Rhythmus eines Stückes umzusetzen weiß man nicht vorher.
Man kann in diesem Bereich durch Fleiß viel erreichen, aber man kann vor Unterrichtsbeginn nicht erraten, wie schnell es gehen wird.

Haltung am Anfang

Ein ganz wichtiges Thema zu Anfang des Gitarrenunterricht ist die Haltung. Bevor man mit den ersten Tönen beginnt muss der Lehrer erklären, wie man auf dem Stuhl sitzt, was die Fußbank soll, und wie die Hände an die Gitarre gebracht werden. Das ist wichtig, weil man ja beim Spielen mit den Fingern die Töne erreichen und treffen will, weil man nicht schnell ermüden und keine gesundheitlichen Probleme bekommen möchte, falls man zu den Schülern gehört, die begeistert sind und dann viel üben.

Im Fernsehen oder Internet hat jeder schon tausendfach Musiker gesehen, die mit ihrem Spiel außer der Musik auch Einstellung und Energiefluss vermitteln. Je nach Musikstil kann dabei die Haltung mehr als Show-Element oder eben als Grundlage gekonnten Spiels fungieren.
Auch ein unscheinbares Kind kann mit seiner Geige Bewegungen ausführen, die einfach stimmig und schön aussehen. Plötzlich hat ein Mensch eine Austrahlung, die man so nicht erwartet hatte, bevor man ihn mit einem Instrument sah.

Jungen Gitarrenschülern, die ihr Instrument "einfach irgendwie" auf dem Schoß halten, sieht man oft an, dass ein großer Teil ihrer Energie dafür verwendet wird, das Wegrutschen der Gitarre zu verhindern. Und schön spielen sollen sie dann auch noch!
Auch wenn manchen Leuten die Haltung bei der Gitarre ziemlich egal zu sein scheint - sie ist wichtig, und sie ist komplizierter als bei Instrumenten, die von alleine stehen! Deshalb braucht man hierfür Zeit, und muss immer wieder darauf eingehen. Das Erlernen fortgeschrittener Spieltechnik hängt immer wieder entscheidend von Aspekten der Haltung ab.

Melodiespiel

leere Saiten mit Daumenschlag

Jetzt geht es um die ersten Töne! Man beginnt mit dem Anschlagen leerer Saiten, entweder im Daumenschlag oder im Wechselschlag.

Wenn man mit dem Daumen beginnt, ist es sinnvoll, die Finger der Anschlagshand auf die hohe e-Saite zu stellen, damit man eine Stütze hat, die gleichzeitig der Orientierung dient. Der Daumen schlägt vor den Fingern an, also am Zeigefinger vorbei, sodass er nicht mit ihm zusammenstößt.

leere Saiten mit Wechselschlag

Beim angelegten Wechselschlag stellt man umgekehrt den Daumen auf die tiefe E-Saite als Stützfinger. Eine solche Haltung entspricht ja der, die man später für das mehrstimmige Spiel benötigt. Wenn man als Lehrer nicht auf dem Aufstützen von Fingern und Daumen besteht, gewöhnt sich der Anfänger schnell an, den Handballen auf die Decke zu legen, den Daumen unter die Saiten zu krallen oder die Finger beim Daumenschlag auf die Decke zu packen. Das sind großenteils Reflexe, um das Instrument sicherer im Griff zu haben, aber keine guten Gewohnheiten!

gegriffene Töne

Nun geht es an das Spielen gegriffener Töne. Außer den Zeichen für die Finger der Anschlagshand muss man nun die Nummerierung der Finger der Greifhand lernen, und sich am besten erstmal an einfache Regeln halten: ein Ton im 1. Bund wird mit dem 1. Finger gegriffen, im 2. Bund mit dem 2. Finger etc. Ausnahmen von diesen Regeln kommen früh genug, und die Angewohnheit, mit einem oder zwei Fingern hin und herzurutschen führt nur dazu, dass man die Töne nicht trifft und sich nicht merkt, welcher Ton wo ist!

Melodietöne des ersten Teils

Für die Melodie des ersten Teiles meines Beispiels braucht man sieben Töne auf den Diskantsaiten. Bis man die komplette Melodie spielen kann, spielt man also viele Töne auf leeren Saiten, viele Übungen und Liedchen mit zwei und drei Tönen, bis die Noten auf den drei hohen Saiten sicher gespeichert sind.

Außerdem muss man lernen, was ein 3/8-Takt ist, wie man unterschiedlich lange Notenwerte zählt, und was die Klammern in der ersten Zeile bedeuten.

Melodie des ersten Teils

Basstöne

Noten auf Hilfslinien

Mit den tiefen Tönen tun sich viele Anfänger aus verschiedenen Gründen schwer. Nach den ersten acht oder neun Tönen auf den hohen Saiten passt nicht mehr so viel ins Gedächtnis, und vor allem braucht man für die tiefen Töne Hilfslinien. Das ist visuell schwerer zu erfassen. Es ist zwar trotzdem praktisch, erfordert aber Motivation!

Die Basstöne werden in Lehrbüchern vor allem über zweite Stimmen zu Liedern eingeführt. Zweite Stimmen haben aber "keine schöne Melodie", man kann sie sich deshalb nicht gut einprägen. Also erstellt man als Lehrer Zusatzmaterial, einfache Lieder wie "A, a, a, der Winter, der ist da", und läßt die Schüler einige davon spielen um die tiefen Noten zu lernen.

Fünftonlied

Für eine Fassung der "Kings of Orient" für zwei Gitarren brauche ich eine ganze Reihe tiefe Töne, und der Spieler muss gut "zählen" können, denn der Rhythmus beider Stimmen ist verschieden.

Basstöne zum 1. Teil
Das Notenbeispiel zweistimmig auf zwei Gitarren zum Anhören.

Alterierte Töne

Insgesamt kann man auf den ersten Bünden 17 Stammtöne spielen. Das ist aber nicht mal die halbe Wahrheit: Bevor es mit dem mehrstimmigen Spiel losgeht, lernt man das Konzept der veränderten oder alterierten Töne kennen. Man kann jeden Stammton durch oder erhöhen und erniedrigen.

Man braucht diese Töne, weil man nicht immer nur in einer Tonart spielen möchte, und weil nicht alle Lieder so einfach sind, dass sie ohne alterierte Töne gespielt werden können. Beim zweistimmigen Spiel sind sie sogar besonders wichtig.

Zweistimmig mit leeren Bässen

Anschlagsübung zweistimmig

Nachdem man also einige Zeit Stücke mit und gespielt hat, beginnt man mit dem zweistimmigen Spiel. Dazu gibt es zunächst Trockenübungen mit leeren Saiten.

Diese neue Technik mischt Unterrichtsgruppen manchmal tüchtig auf. Plötzlich soll man mit den Fingern und dem Daumen gleichzeitig zwei Töne anschlagen! Dabei wird eine Spannung in der Hand aufgebaut, mit der nicht jeder gleich gut umgehen kann. Viele Schüler ziehen die Hand von den Saiten weg, rupfen also eher an den Saiten. Das klingt entweder sehr leise, wenn der Spieler eher vorsichtig ist, oder es knallt ordentlich, denn Saiten, die man hochzieht und dann loslässt klatschen auf die Bundstäbe. Es kommt auf die Bewegungsebene der anschlagenden Finger an!

Anhören: Ordentlich "gerupfter", danach etwas kultivierterer zweistimmiger Anschlag.

Außerdem wird die Handhaltung gerne instabil, die Hand "hüpft" und findet den nächsten Ton nicht. Wer sich früh eine gute Handhaltung angeeignet hat, ist deutlich im Vorteil!

Mit leeren Basssaiten kann man nur die erste Zeile dieses Liedes begleiten; danach wird das Lied harmonisch interessanter und benötigt gegriffene Bässe.

1. Zeile mit leeren Bässen

Natürlich spielt man im Gitarrenunterricht wieder viele Stücke, die mit leeren Basssaiten begleitet werden können, bevor man weiter fortschreitet. Die leeren Bässe d, A und E sind die Grundtöne der Akkorde D-dur, A-Dur und E-Dur, man kann also einfache Lieder in den Tonarten D-Dur und A-Dur spielen. (Sie sind auch die Gruntöne der gleichnamigen Mollakkorde, aber es gibt weniger einfache Lieder in Moll.) Da diese Tonarten zwei beziehungsweise drei Kreuze als Vorzeichen haben, muss man die oben erwähnten Kreuze und s beherrschen.

Lagenspiel

Sehr viele Lieder gehen bis zum fünften Ton der Tonleiter. Dies ist in D-Dur das a im fünften Bund der hohen e-Saite, das man auch benötigt, wenn man Stücke in A-Dur spielt, die bis zur Oktave reichen. Also nimmt man zu dieser Zeit auch das Lagenspiel durch.

In der zweiten Lage zu spielen ist eine Gemeinheit, die typisch für Saiteninstrumente ist. Bisher hat man das g im 3. Bund der e-Saite mit dem 3. Finger gegriffen - plötzlich muss man den zweiten Finger nehmen! Das führt natürlich zu großer Verwirrung bei den Kindern, die sich angewöhnt haben, nach den Fingersatzziffern zu spielen, statt die Noten zu lernen.

Kaum sehen sie die "2" beim g spielen sie ein ges, oft wird planlos auf dem Griffbrett hin- und hergerutscht!
Natürlich ist die Note die wichtigste Information, der Fingersatz ist nur eine Anweisung, wie der Ton zu greifen ist. Ein g bleibt ein g, egal welcher Fingersatz dabei steht!

Auch dies ist wieder eine Phase, in der es in der Unterrichtsgruppe oft drunter und drüber geht! Die einen verstehen es sofort, die anderen jammern.

Zum Glück steht mein Beispiellied in der Tonart A-Moll und begnügt sich mit dem Spitzenton g. Aber bevor wir gegriffene Bässe einführen, haben die Schüler etliche Lieder in der zweiten Lage mit verschiedenen Vorzeichen gespielt!

Zweistimmig mit gegriffenen Bässen

Gleichzeitig Melodietöne und Basstöne zu greifen ist ein weiteres großes Etappenziel im Gitarrenunterricht, denn ohne gegriffene Bässe kann man nur sehr einfache Lieder und Stücke spielen. Alles, was etwas interessanter klingt, hat an Harmonien mehr als Tonika, Subdominante und Dominante dabei - das gilt auch für Popmusik. Natürlich führt man das schleichend ein, erst kommt es nur vereinzelt vor, aber das Ziel ist doch, dass diese Erweiterung der Technik selbstverständlich wird.

Zweistimmig mit gegriffenen Bässen

Man muss lernen

  1. gegriffene Bässe für ihren vollen Notenwert zu halten ( Takt 10 und 11),
  2. in Ober- und Unterstimme gleichzeitig in gegriffene Töne zu springen wie in Takt 1,
  3. einen Ton zu halten, während sich die andere Stimme bewegt ( Takt 4),
  4. einen entstehenden Akkord zu halten ( Takt 4) oder vorbereitend hinzustellen.
  5. Passende Fingersätze zu entwickeln und zu nutzen. Um gebunden zu spielen, müssen in der Greifhand alle Finger eingesetzt werden.

Zu Punkt 1: Takt 9 - 12, zunächst mit "abgerissenen" Bässen in Takt 9 und 10, dann mit gehaltenen Basstönen.

Zu Punkt 3 und 4: Takt 4, erst mit losgelassenem a auf der g-Saite, dann mit gehaltenen Tönen.

Besonders das Halten der Basstöne ist anfangs ein wichtiger Aspekt. In den Takten mit leeren Basssaiten hört man punktierte Viertel, also Töne, die den ganzen Takt durchklingen; die Töne in Takt 10 und 11 jedoch werden häufig nur ganz kurz gespielt, weil der greifende Finger sofort wieder von der Saite genommen wird, besonders wenn sich die andere Stimme bewegt. Dafür müssen die Schüler sensibilisiert werden, und dann braucht man ordentlich Willen, diese Töne tatsächlich zu halten!

Akkorde arpeggiert

Carcassi, Gitarrenschule

"Zerlegte oder arpeggierte Akkorde" bedeutet, dass die Töne nicht gleichzeitig, sondern nacheinander angeschlagen werden. Häufig hat ein Stück dabei bestimmte "Anschlagsmuster". Dieses Stilelement kennt man besonders aus Werken der Klassik, also von den Zeitgenossen Mozarts und Beethovens, oder aus dem Folk, aus Fingerpicking-Stücken oder Liedbegleitungen. Ich möchte es hier an einer akkordischen Begleitstimme zeigen.

mit zweiter Gitarrenstimme

Bei Akkordzerlegungen lernt die Anschlagshand eine völlig andere Technik: Man macht nicht mehr systematisch Wechselschlag, sondern ordnet die Finger einzelnen Saiten zu. Beim Anschlagsmuster in Zeile 1 schlägt der Daumen jeweils den tiefsten Ton, der Zeigefinger die g-Saite, der Mittelfinger die h-Saite und der Ringfinger die hohe e-Saite an. Diese Zuordnung bleibt auch bei den anderen Mustern in Takt 9 und in Takt 11/12 bestehen; nur ist der Ablauf jeweils anders.

Man tut gut daran, jedes Muster erst mal für sich zu üben, am besten auf leeren Saiten.

Beim Akkordanschlag ist das Anlegen meist unerwünscht! Der freie Anschlag muss natürlich schon beim zweistimmigen Spiel gelernt werden, denn wenn man immer anlegt, dämpft man eventuell Saiten ab, die eigentlich länger klingen sollen. Auch wenn ich anlegen zunächst für sicherer halte, ist der freie Anschlag im täglichen Leben ab einem gewissen Spielniveau die wichtigere Technik.

Bei Zerlegungen ist er obligatorisch, weil man sonst ständig die jeweilige Nachbarsaite abdämpft. Spielt man aber frei, können alle Töne klingen, und man dämpft zum Beispiel vor einem Akkordwechsel gezielt ab, so wie ein Klavierspieler an solchen Stellen das Haltepedal loslässt.

Zerlegter D-Moll-Akkord, zunächst mit angelegtem Anschlag, wobei wird jeder Ton vom folgenden Finger abgedämpft wird, dann frei gespielt.

Hier ein Link zur PDF mit der gesamten Bearbeitung für zwei Gitarren.

Die Version mit Gitarre 1 und 2, und Akkordbegleitung.

Akkorde geschlagen

Wenn man beginnt, Lieder mit geschlagenen Akkorden zu begleiten, sollte man unbedingt dabei singen! Man bekommt dadurch viel schneller ein Gefühl dafür, wann der nächste Griffwechsel fällig ist, und vor allem lernt man rhythmisch begleiten, also vernünftig anschlagen. Man kann natürlich ein bestimmtes Schlagmuster vorschreiben, aber ich mag das nicht. Eigeninitiative und Kreativität finde ich hier besser.

Lied mit Akkorden

Am besten übt man zunächst jeweils zwei benachbarte Akkorde im Wechsel. Für die Griffwechsel gibt es einige "Grundregeln", und man sollte viel Zeit in das Beobachten der Bewegung investieren: Welcher Finger bewegt sich von wo nach wo? Je langsamer und gründlicher man anfangs vorgeht, desto schneller hat man Erfolg und desto leichter fallen einem die nächsten Akkorde, die man lernen möchte.

In den "Kings of Orient" kommen zunächst nur Standardakkorde vor, bis auf den Dm6, den man aber auch mit einem einfachen D-Moll-Akkord ersetzen kann.
Schwierig ist nur der F-Dur-Barrégriff im zweiten Teil. Barrégriffe brauchen ein bisschen Zuwendung, und man möchte vielleicht auch verstehen, wie sie funktionieren.

Man hat also auch in Bezug auf Akkorde schon einen fortgeschrittenen Status erreicht, wenn man dieses Weihnachtslied begleiten kann.

Zusammenfassung

Was ist der Stand der Dinge? Wer die hier beschriebenen Themen bewältigt hat, kann

  1. Melodien mit alterierten Tönen in den unteren Lagen spielen,
  2. einfache zweistimmige Sätze spielen,
  3. gleichzeitig Melodie- und Basstöne greifen,
  4. Zerlegungen im freien Anschlag spielen und
  5. eine Reihe Akkorde greifen und zum Begleiten einsetzen

und ist damit vorbereitet, verschiedene Musik von der Renaissancemusik bis zum Fingerpicking, von modernen "klassischen" Stücken bis zur Rockmusik anzugehen. Natürlich muss man weiterhin darauf achten, keine zu großen Sprünge im Schwierigkeitsgrad zu machen, aber die Fundamente sind gelegt.