Gitarre und Musiklehre, U. Meyer

Voraussetzungen für den Gitarrenunterricht

Wenn man darüber nachdenkt, in welchem Alter Kinder mit dem Gitarrenunterricht sinnvoll beginnen können, geht es um zwei Fragen: "Was bringt der Lernwillige mit, wie ist er vorbereitet?" Darauf möchte ich in diesem Abschnitt eingehen. Dabei geht es auch darum, wie Kinder heute aufwachsen.
"Was muss im Gitarrenunterricht bewältigt werden, welche Probleme stehen an?" Ist der zweite Fragenkomplex, um den es im Abschnitt "Einstiegsalter" gehen wird.

Voraussetzungen

Was verstehe ich hier unter "Voraussetzungen"? Wenn es um Schulkinder geht, scheint die Sache einfach: gleiche Klassenstufe, ähnliche Lesefähigkeiten, ähnliches Konzentrationsvermögen helfen enorm. Erstklässler, die noch gar nicht lesen können, sind Zweitklässlern sehr unterlegen. Wenn sie viel musikalische Begabung mitbringen, interessiert sind und die Gruppe und der Lehrer dies auffangen, kann es trotzdem gut laufen.

Aber man sollte über den Begriff noch anders nachdenken: die Fähigkeiten, die man zum Beginn eines Instrumentalunterrichts braucht, Auffassungsgabe, motorische Koordination, die Fähigkeit, zu beobachten und zu imitieren, Merkfähigkeit werden nicht erst in der Schule trainiert. Kinder kommen mit unterschiedlichen Vorraussetzungen zum Gitarrenunterricht, weil sie entweder viel oder wenig draußen gespielt, gemalt, gebastelt, gepuzzelt und vorgelesen bekommen haben, oder viel Zeit mit dem Smartphone, dem Laptop oder vor dem Fernseher verbracht haben.

Ob man es gerne hören mag oder nicht: gute Startbedingungen werden nicht in der Ganztagsbetreuung geschaffen, sondern mit den Familienmitgliedern (wie auch immer die Familie gebaut ist).

Technisierung und Sprachlosigkeit

Die Technisierung unseres Alltags entwickelt sich immer weiter: 2010 gab es so gut wie keine Erwachsenen, die einen Kinderwagen schoben und dabei auf ihr Handy schauten. 2017 sieht man einzeln radelnde Teenager ohne Handy in der Hand oder Stöpsel im Ohr praktisch nicht mehr. Alle verbringen deutlich mehr Zeit vor Bildschirmen und mit individueller Musikberieselung und damit weniger mit der direkten Wahrnehmung der Umwelt.

Grundlage aller Bildung ist das Gespräch, auch bevor ein Baby sprechen kann. Ich sage etwas zu dir, und signalisiere damit: ich nehme dich wahr, und ich erwarte eine Antwort! Der Lehrer im Gitarrenunterricht stellt eine Frage, und nach dem dritten Mal merken dann endlich alle "Ach, der will was."... Sofort reagierende Kinder werden immer seltener; dass man einem Gespräch folgen kann ist aber eine Grundvorraussetzung für Bildung.

Gitarrenunterricht als Therapie

In vielen Vorgesprächen zum Unterricht klingt an, dass der Nachwuchs eher zappelig ist, Konzentrationsschwierigkeiten hat und vielleicht sogar Ergotherapie eingesetzt wird. Also fragen sich Eltern "Wird Musikunterricht mein Kind ruhiger machen?"

Dass Kinder unruhig sind, ist ja an sich nicht schlecht. Aufgeweckte Kinder sind eben keine Trantüten, sie sind beteiligt, sie fragen, sie melden sich zu Wort. Aber mit Glück können sie sich auch mal konzentrieren, zuhören, an einer Sache arbeiten.

Die Frage wäre also eher "Warum wird mein Kind immer dann aufgedreht, wenn es um ruhige Beschäftigung geht?". Abgesehen von Vererbung, die immer "Schuld sein" kann, gibt es andere Faktoren. Zu wenig spielen und toben, zu viel passive Beschäftigung mit Medien, eventuell hoher Zuckerkonsum sind Tatsachen, die man kaum noch wegdiskutieren kann. Der Montagvormittag ist der härteste Tag in Schulen, weil die Kinder am Wochenende zu viel "zocken" und fernsehen. Das sagen gestresste Lehrer nicht aus Weinerlichkeit, es stimmt einfach.

In den Unterricht werden immer mehr Bewegungsphasen eingebaut, in Randstunden wird immer häufiger "Schulunterricht" durch Spielen ersetzt, in Betreuungsstunden wird, wenn es irgendwie geht draußen gespielt und gelaufen, statt zusätzliche Förderung anzubieten. Der Grund dafür ist, dass die Kinder am Wochenende viel zu wenig Bewegung haben.

Zu meinen Beobachtungen der letzten Jahre gehört erstens, dass ich älter werde, weniger geduldig und tolerant - nein, ich versuche mir dies immer wieder bewusst zu machen, aber ich glaube, dass ist nicht der entscheidende Faktor. Wichtige Beobachtungen sind,

  • dass die Kinder schlechter zuhören können. Viele Kinder (nicht die berühmten Einzelkinder) halten es kaum aus, mal nicht im Mittelpunkt zu stehen.
  • Dass die Kinder wenig gruppenfähig sind: Man hört maximal zu, wenn der Lehrer dies (laut) einfordert - wenn ein anderes Kind vorspielt, wendet man sich unbeteiligt ab, so wie die Erwachsenen es ständig vormachen: wenn gerade "nichts passiert" nimmt man das Smartphone und wischt und tippt. Es ist ja Pause! Dadurch lernen die Kinder nicht viel von einander.
  • Die Fähigkeit zu beobachten und etwas nachzuahmen hat eklatant abgenommen. Etwas zeigen, vormachen und zur Imitation auffordern reicht kaum mehr aus, ich muss zum Kind gehen, den Finger an die richtige Stelle schieben (und dann wird er sofort wieder weg genommen) - das Kind kann gesehene Bewegung nicht mehr in eigenes Körpergefühl und Handeln übersetzen.

Diese Defizite haben sich in den letzten Jahren verstärkt, und die Tendenzen werden nicht so einfach umzukehren sein. Dazu müssen wir etwas tun - vor dem Gitarrenunterricht!

Eltern als politische Macht

Eltern sind eine gesellschaftspolitisch äußerst relevante Gruppe. Sie sind eine inhomegene Gruppe, deren politische Ansichten von links bis rechts reichen. Sie sind eine benachteiligte Gruppe: die Nicht-Eltern können sich besser selbst verwirklichen und haben mehr Geld zur Verfügung.
Sie sind aber vor allem gesellschaftspolitisch wichtig: bei und von ihnen wird die nächste Generation geprägt!

Als Mediziner, Soziologen und Pädagogen in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg den Eltern einredeten "Wenn Ihr Kind schreit - lassen Sie es ruhig schreien. Füttern sie nicht nach Nachfrage, sondern nach Zeitplan. Seien Sie sachlich und relativ unbeteiligt bei der Versorgung." wurde eine Generation emotional unterkühlt und bereits im Babyalter diszipliniert aufgezogen, und zwar so gut wie von allen, von konservativ bis fortschrittlich.
Als die Gegenbewegung einsetzte, verwöhnen, kuscheln und gewaltlose Erziehung en vogue waren, hatten alle Kleinkinder es in emotionaler Hinsicht hoffentlich besser.

Bevor Schulen und andere staatliche oder religiöse Einrichtungen "Zugriff" auf die Kinder bekommen, hat die wesentliche Prägung schon stattgefunden, und auch danach hat die Gruppe der Eltern noch massiven Einfluss darauf, was für Menschlein heranwachsen.

Gesellschaftspolitische Experimente

Eigentlich finden so gesellschaftspolitische Experimente statt, ohne dass dies angekündigt oder ins Bewusstsein gehoben wird. Und die Menschen sind sich auch nicht bewusst, wer die Experimente steuert. Ist es das Bundesgesundheitsministerium, oder doch die Werbung, wegen der wir Pausensnacks und Softdrinks konsumieren?
Die Ergebnisse des derzeitigen Experiments in Sachen Ernährung sind am Gewicht ganz gut zu erkennen. Ob zu viel Zucker ein Grund für mehr Unruhe bei Kindern ist, werden die einen bestätigen und andere abstreiten.

Bewegungsmangel und Umgang mit Fernseher, Computer und Smartphone sind für mich das größte derzeit laufende "verdeckte Experiment". Existiert es überhaupt, also verändert es das Aufwachsen der kommenden Generation? Wie wirken sich diese Dinge aus?

Jedenfalls sind wir Eltern die politisch relevante Gruppe, die hier Einfluss hat. Wir lesen unserem Kind vor, oder es bekommt ein Smartphone mit einem Spiel in die Hand, damit es Ruhe gibt. Das sind - vereinfacht - die Alternativen.

Was diese Veränderung beim Aufwachsen von Kindern bewirkt, darüber wird es dann später einen wissenschaftlichen Diskurs geben. Im Moment reagieren alle nur: Inklusion ist das Allheilmittel, Sozialpädagogen werden in Schulen eingestellt, um der Probleme Herr zu werden, mehr und mehr Betreuung wird organisiert, Leute wie ich jammern unausgesetzt.
Die Kinder selbst können kaum aus den neuen Verhaltensweisen ausbrechen, sie werden darüber erst als Erwachsene reflektieren können und dann als neue Angehörige der Gruppe "Eltern" politisch handeln, ohne überhaupt zu merken, dass dies Politik ist.

Der derzeitige Diskurs in den Medien über den Umgang mit Computertechnologie läuft immer wieder darauf hinaus, dass Schulen die Kinder dafür fit machen sollen. Es wird wenig darüber geredet, wie viel Zeit die Geräte Menschen stehlen, die sie früher für spielen, Bewegung und Interaktion hatten, und ob die Eltern hier eingreifen müssen.
Dazu müssten sie reglementieren, Verbote aussprechen, Zeitrahmen setzen. Telefonierend Fahrrad fahren ist nicht erlaubt, aber - welche Mutter, die selber im Auto das Handy benutzt, kann ihren Kindern da glaubwürdig Vorschriften machen?

Können wir denn überhaupt noch zurück? Natürlich wird das Internet nicht wie eine Grippe vorbeigehen, es ist ja auch nützlich, aber jeder Mensch muss lernen, dass leben vielleicht auch noch außerhalb der social media stattfinden könnte. Wie soll ein Kind Zeit fürs Üben finden, wenn es nicht mehr weiß, dass Dinge wichtig oder unwichtig sind, und dass man - je nachdem, wie man sich entscheidet - ein unterschiedlicher Mensch ist und wird? Dass das wirkliche "liken" darin besteht, etwas zu tun, was man mag, und dass man dadurch eine komplettere statt eine ewig nur kommentierende Person wird?

Falls Sie dies gerade lesen und kleine Kinder haben, fragen Sie sich nicht, ob man die Entwicklungen umkehren kann! Fragen Sie sich lieber, wie lange und auf wessen Rat Sie noch warten wollen! Die Zeit für Ihr Kind ist jetzt!

Einstiegsalter für den Gitarrenunterricht

Nachdem der geneigte Leser den klagenden Ton des vorigen Textes über Voraussetzungen und Politik überstanden hat, soll es hier um Inhalte des Gitarrenunterrichts gehen. Die Frage "Gitarrenunterricht - ab welchem Alter?" lässt sich nicht pauschal beantworten, aber ich möchte versuchen, Aspekte zu beschreiben, an Hand derer man sich fragen kann "Wie sieht es in dieser Beziehung bei uns aus?"

Beginn mit Einzelunterricht

Der beste Zeitpunkt, mit dem Gitarrenunterricht zu beginnen ist relativ: im Einzelunterricht kann man sicher sehr früh anfangen. Noten kann man mit fünf Jahren lernen, auswendig lernen Kinder in dem Alter sehr gut, wenn man also eine wirklich ausreichend kleine Gitarre nimmt, kann es losgehen.

So früh werden die Fortschritte aber langsam kommen, und man wird beobachten, dass begabte Kinder, die später anfangen, den "Frühstarter" locker einholen. Das ist aber ja egal: was man früh lernt, lernt man besonders gründlich, und Zeit mit Musik ist nie verlorene Zeit.

Einstieg im Gruppenunterricht

Gibt es ein ideales Anfangsalter oder ein Mindestalter für den Beginn im Gruppenunterricht? Viele Eltern kommen sehr früh auf die Idee, ihr Kind ein Instrument ausprobieren zu lassen. Wenn die Kinder eine musikalische Früherziehung besucht haben, halten Eltern es oft für sinnvoll, dass sich der Instrumentalunterricht direkt daran anschließt. Je jünger ein Mensch ist, desto wahrscheinlicher ist es aber, dass der Unterrichtsanfang schwierig wird. Das hängt natürlich von der Vorbildung ab, und wenn der Unterricht in einer Gruppe startet, sollten die Mitglieder möglichst ähnlich alt sein.

Die ideale Unterrichtsform

Wenn man die ideale Unterrichtsform träumen dürfte wäre es sicherlich

  • Einzelunterricht, eventuell mit punktueller Zusammenarbeit mit anderen Schülern zum Ensemblespiel,
  • die Unterrichtsdauer wäre völlig frei, das heißt wenn der Schüler etwas gekonnt spielen kann, spielt er es vor und bekommt sein Feedback,
  • Unterricht wäre also nach Bedarf mehrmals in der Woche, das Dilemma, eine Woche warten zu müssen, ob man richtig oder falsch geübt hat wäre aus der Welt.

Das klingt sehr nach "Unterricht bei Mama oder Papa", denn solche Flexibilität bieten Musikschulen kaum an. Unterricht bei einem Elternteil ist aber in der Regel keine gute Idee!
Aber es lohnt sich immer, bei einer Musikschule anzufragen, ob Unterricht zwei mal in der Woche erteilt werden kann!

Im Folgenden ein Versuch, möglichst viele Aspekte des Gitarrenunterrichts zu beleuchten:

Haltung

Da man zum Gitarre spielen eine Gitarre benutzt, lernt man ganz am Anfang, wie man sie hält. Wie gut man spielen lernt, hängt wesentlich davon ab, wie geschickt man sich in dieser Hinsicht anstellt.

Die Gitarre steht nicht von alleine wie ein Klavier. Gutes Körpergefühl und die Fähigkeit, still zu sitzen sind extrem hilfreich. Pausen helfen gegen Zappeligkeit, aber wer mehrmals in der Unterrichtsstunde die Fußbank umkippt oder gar vom Stuhl rutscht, könnte vielleicht noch ein Jahr warten.

Denken Sie einmal kurz darüber nach, was alles unternommen wird, um das Schreiben lernen zu erleichtern: es gibt höhenverstellbare Schultische, die man außerdem kippen kann, mit Mulden für Stifte und Rändern, die das Heft stabilisieren helfen, höhenverstellbare Stühle mit und ohne Rollen, kippbaren Sitzflächen, "Wackelkissen", Sitzbälle, die das Sitzen an sich angenehmer machen sollen, Füller mit besonderen Griffmulden für die Finger, und alles nur, damit jemand einen Stift über Papier führen lernt...

Eine Gitarre wird schräg auf einem Bein balanciert, das durch eine Fußbank höher platziert wird, man muss die zwei Hände optimal an ihre "Arbeitsplätze" bringen und ziemlich verschiedene Dinge mit ihnen tun, wobei man nicht wirklich sehen kann, was man tut - das ist wesentlich komplexer als ein Stift auf Papier!

Im Stehen spielen

Tatsächlich denke ich immer wieder darüber nach, mit Anfängern im Stehen zu spielen, und tue es dann doch nicht, weil ich mich vor den Nachteilen fürchte. In kleinen Gruppen oder im Einzelunterricht könnte es funktionieren, aber man weiß vorher nicht, wie die Gruppe insgesamt sein wird. Blockflöte unterrichte ich viel lieber im Stehen, bis dann Gruppen mit überwiegend unruhigen Kindern kommen, die ständig mit ihren Flöten gegen den Notenständer stoßen, sich gegenseitig schubsen, und trotz vorhandenem Bewegungsdran nach kurzer Zeit jammern "Ich kann nicht mehr stehen".

Vorteile wären:

  • Einige Aspekte der Haltung wären leichter zu regeln:
  • man kann nicht zu weit hinten auf dem Stuhl sitzen,
  • die Höhe der Gitarre vor dem Körper wäre leichter festgelegt,
  • der Abstand zum Notenständer ist leichter wählbar.
  • Man kann sich etwas zur Musik bewegen, Takt wird erfahrbar.
  • Man kann mit Gurt bei Ermüdung auch in korrekter Haltung im Sitzen spielen.

Mögliche Nachteile:

  • Großer Aufwand zur Vorbereitung - Gurtpins und Gurte anschaffen und anbringen.
  • Man kann sich zu viel Bewegen - Zusammenstöße mit den Nachbarn sind vorprogrammiert.
  • Statt mit Fußbank oder Stuhl umzukippen kann man wunderbar mit der Gitarre Notenständer, Tische oder Kollegen stoßen.
  • Genau wie Kinder Fußbänke gerne auf die extremste Stufe stellen, kann man Gurte verstellen.
  • Beim Wechsel vom Stehen zum Sitzen und zurück muss man jedesmal die Notenständer neu einstellen - das kostet Zeit und Nerven.
  • Die Identifikation mit der "klassischen Haltung" ist erschwert.

Würde man in Kooperation mit den Eltern Gurtpins anbringen und Gurte anschaffen, müsste man von vornherein klarmachen, dass bei Scheitern des Experiments diese Ausgabe eben leider umsonst war.

Koordination

Selbstverständlich ist eine gut entwickelte Feinmotorik wichtig. Auch wenn es sehr modern ist, seinen Kindern im frühesten Alter alle kulturellen und sportlichen Angebote zu unterbreiten, sollte man gerade wegen dieses Aspektes Vorsicht walten lassen: wer sich in der ersten Klasse nicht wirklich geschickt mit Stift oder Schere anstellt, bei Bastelarbeiten eher grobe Ergebnisse abliefert, schnuppert vielleicht ins Gitarrespielen hinein, um festzustellen, dass das viel zu schwierig ist (ganz im Vertrauen: so einfach ist es wirklich nicht...), und dann war's das. Schade, wenn ein, zwei Jahre später das Ergebnis ein anderes gewesen wäre.

Die Koordination der Hände miteinander und mit dem Gehirn ist ein weiterer Punkt: ich muss nicht nur auf der richtigen Saite greifen, sondern diese auch noch anschlagen, und wenn ich die Nachbarsaite erwische, muss das Gehirn dies bemerken und korrigieren. Natürlich werden durch das Tun die Vernetzungen in der Denkzentrale hergestellt, früher Instrumentalunterricht ist eine tolle Förderung der Intelligenz; man sollte aber im Kopf behalten: je früher man anfängt, desto mehr Probleme und Frustrationen kann es geben.

Griffbrett und Noten

Die Töne auf dem Gitarrengriffbrett sind nicht so übersichtlich angeordnet wie auf einem Tasteninstrument, und den Vorteil der einmal gelernten Grifftabelle wie bei Blasinstrumenten hat man auch nicht, weil man immer wieder andere Finger nimmt, um die Töne in unterschiedlichsten Kombinationen zu greifen. Hierfür sind gutes räumliches Vorstellungsvermögen, Merkfähigkeit und überhaupt Intelligenz nicht schlecht. Wenn ein Kind Schachspielen begreift, also eine Vorstellung entwickeln kann, welche Felder der Springer bedroht, oder die Diagonalen der Läufer beachtet, sind ähnliche Fähigkeiten im Einsatz. Der Gitarren - Lehrling muss die Verbindung zwischen Zeichen (Note) und Aktion (was muss ich greifen und anschlagen) und die korrekte Bezeichnung (Notenname) auswendig lernen.

Noten sind eine grafische Benutzeroberfläche - je höher die Note im System, desto höher der Ton - die problemlos mit Vorschulkindern zu lernen ist. Bedingung: die Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit unserer Zeichen - Bedeutung - Welt ist gegeben. Irgendwann sind Kinder fasziniert von der Tatsache, dass man mit kleinen schwarzen Krakeln auf Papier und Bildschirmen Informationen transportieren kann und wollen lesen und verstehen und mitmachen.

Mit dem Schulbeginn lernen Kinder außerdem eine noch etwas andere Einordnung in Gruppen als im Kindergarten, trotz aller Relativierung des Frontalunterrichts: man hat einen Lerngegenstand, und den versuchen alle zu packen, und dafür ist man auch mal still und hört einem anderen zu - manchmal sogar dem Lehrer. Wenn dieses Verhalten eingeübt ist und das Interesse an unserer Schriftkultur geweckt, ist der Start mit einem Musikinstrument einfacher.

Arbeit und Entspannung

Mit dem Schuleinstieg wird eine weitere Kulturtechnik eingeführt, der zentrale Bedeutung beim Erlernen eines Musikinstrumentes zukommt: Hausaufgaben machen und üben. Üben, fleißig sein, etwas wiederholen, etwas wieder und wieder tun um sich darin zu verbessern - das sind Dinge, die in unseren Breiten gerade in Vergessenheit zu geraten drohen oder gar einen negatives Image haben. Es scheint selbstverständlich, das auch jüngere Kinder im Abendprogramm Actionfilme, Comedyshows und bis nach 23 Uhr "Wetten, dass" gucken, aber fünf Minuten täglich Gitarre üben? Muss das denn wirklich sein? Welchen Schlag "Schlag den Raab" dem Biorhythmus versetzt ist nebensächlich, aber - sonntags das Instrument anfassen? Undenkbar! Da muss man sich entspannen!

Ein gesundes Verhältnis zu regelmäßigen Übeprozessen geht in unserer Welt völlig verloren. Außerdem hat sich der unversöhnliche Gegensatz zwischen Freizeit und Arbeitswelt absolut fest in den Hirnen verankert. Freitags nach Schulschluss ist Schicht, danach werden bis Montag früh bestenfalls Hausaufgaben gemacht, nichts Sinnvolles zu tun ist Pflicht. Die sich in den Nachmittag ausdehnende Schule tut ein übriges: hohe Leistungen im Sport oder mit einem Musikinstrument sind nur noch bei Halbverrückten zu beobachten, erfolgreiche Teilnehmer bei "Jugend musiziert" sind Aliens.

Wie habe ich nur meine Schulzeit zugebracht? Mit Samstagunterricht, mittags gegen 14.00h zu Hause, Nachmittage und Abende voller Zeit, Verachtung für die bürgerliche Tätigkeit des Glotzens im Familienverbund, Carcassi auf dem Notenständer, die E-Gitarre am Röhrenradio angeschlossen, Keith Emerson und Jimi Hendrix als Vorbilder - da kann ja nichts aus einem werden! Üben war immer Entspannung, mit Ehrgeiz im Hintergrund, und freies Daddeln zur Entwicklung der Kreativität konnte einen breiten Raum einnehmen.
Das lateinische Verb "studere" bedeutet "fleißig sein, sich bemühen um". Das ist doch eigentlich hübsch!
Unter den fleißigsten Jugendlichen, die ich beim Gitarrenunterricht beobachten konnte waren... die Jungs mit ihren Skateboards auf dem Schulhof! Die üben!

Benehmen und Gruppenfähigkeit

Nicht wirklich altersabhängig, aber doch ein Thema, das einem spontan zu Schulkindern einfällt und auch ein Faktor beim frühen Instrumentalunterricht sein kann: Erziehung, angemessenes Benehmen. Eine gewisse Artigkeit, Respekt vor anderen, vielleicht sogar Lehrern und auch Sachen gegenüber (Behandlung des Instrumentes) zu nennen mag bieder erscheinen, aber die sprachliche Verrohung und die auch physische Distanzlosigkeit von mehr und mehr Kindern macht diese nicht sympathischer. Schon deshalb sollten sich Eltern trauen, zu erziehen!

Wenn der Lehrer sich nicht anders zu helfen weiß, als ein Kind zum Beruhigen vor die Tür zu schicken oder gar bei den Betreuungskräften der verlässlichen Grundschule abzugeben, damit der Unterricht weiter gehen und er sich auch den anderen Gruppenmitglieder widmen kann, dann muss irgendwo etwas schief gelaufen sein. Bei aller fröhlichen Diskussion über Schule, Lehrer, den Segen des Ganztagsunterrichtes und so weiter: der Mörtel für den schiefen Pisaturm wird in den Familien angerührt. Zu erwarten, dass die Grundlagen für freundliches zwischenmenschliches Verhalten von Menschen gelegt wird, die eigentlich damit befasst sind, Mathematik oder Grammatik zu lehren, ist vielleicht nicht der richtige Ansatz.

Motivation, Interesse

Dass die eigene Motivation, Gitarre spielen zu lernen ein absolut entscheidender Faktor ist, und nicht das Denken der Eltern "Das würde meinem Kind bestimmt gut tun" oder "Früher hätte ich das selber gerne gelernt, aber das ging nicht - jetzt soll mein Kind die Chance bekommen" sollte völlig klar sein.

Das Interesse der Eltern am Lernprozess des Kindes ist aber um so wichtiger, je jünger die Kinder sind. Nein, die Eltern müssen nicht Gitarre spielen oder Noten lesen können oder lernen. Andererseits stehen in der Gitarrenschule Grafiken, die erklären "wenn du diese Note siehst, musst du genau diese Saite in exakt dem Bund herunterdrücken". Vergleichbare Grafiken zu verstehen ist für Erwachsene Alltag. Die Aufbauanleitung der Ikea - Kommode funktioniert ganz ähnlich, und wenn der Vater mit dem Sohne über dem Lego - Technik - Raumgleiter brütet, macht er nichts anderes, als Grafiken in Handlungen umsetzen.

Vor allem können Eltern ihrem Nachwuchs vermitteln: wenn du etwas nicht weißt, kannst du dort im Buch nachschauen, da ist es erklärt. Die Kulturtechnik "Verwendung eines Lexikons", in der Grundschule mit dem "Schülerduden" eingeführt, unser ganzes Leben in Form von Vokabellisten, Gebrauchsanweisungen, Landkarten durchziehend - bei ihrer Vermittlung der Sicherheit "Wenn du etwas nicht weißt, gibt es immer eine Stelle, wo man Informationen finden kann" können Eltern entscheidend mithelfen. Und dazu, zum Geben von Sicherheit und zum freundlichen Begleiten haben Kinder schließlich Eltern.

Alle genannten Dinge, Koordination, Feinmotorik, Intelligenz, Lesewillen, Gruppenfähigkeit, Fleiß und angemessenes Verhalten greifen in einander und überschneiden sich. Alle beeinflussen sich gegenseitig, und können relativiert werden durch einen weiteren zentralen Faktor: Willen.

Willen

Wer etwas wirklich will, schafft auch etwas. Das Herunterdrücken der Saiten fällt kleinen Kindern anfangs doch ganz schön schwer - Kinder mit Biss machen das spielend. Willen, Hartnäckigkeit, sich etwas beweisen wollen, ehrgeizig sein, das sind Tugenden, die einen voran bringen, die Zappeligkeit ausgleichen können, die einen frühen Unterrichtsbeginn erfolgreich machen können. Bitte nicht verwechseln mit Wünschen und Hoffen der Eltern - das muss aus den Kindern selbst kommen.

Absichtlich nicht erwähnt habe ich bisher die Musikalität, weil ich diesen Abschnitt so schreiben wollte, dass er auch Gültigkeit für andere Bereiche haben könnte. Wer etwas lernen möchte, das nützlich ist, oder vielleicht zum Menschsein dazugehört (Nein, nicht jeder muss ein Instrument spielen können!) ohne dass es produktiv ist oder vermarktet werden kann, braucht gewisse Grundbedingungen. Für Musiker hilft natürlich Musikalität...

Jungen und Mädchen

Ja, Mädchen und Jungen sind unterschiedlich. Da Jungen, auch kleine, enorm damit befasst sind, "richtige Kerle" zu sein und zu werden und deshalb frech sein müssen, keinesfalls als Streber gelten dürfen und in diesem "Lernfeld" einem starken Gruppendruck unterliegen, verpassen sie oft sehr viel oder lernen Dinge unbemerkt und trotz allem.
Allerdings machen Jungs in der Pubertät häufig einen gewaltigen Sprung. Plötzlich wird Können in einem Bereich als Identifikationsmöglichkeit entdeckt, oder die Gitarre wird zum Ventil für Frustrationen aller Art, und die Jungs machen Fortschritte, die vor ein paar Jahren undenkbar schienen, während die Mädchen, eher brav und angepasst, kontinuierlich weiter arbeiten, aber die Aufgaben mit weniger (positiver) Aggressivität angehen.
Diese Rolle eines Ventils wir aber zunehmend von Computer- und Konsolenspielen übernommen.

Während die Jungen das eine Lernprogramm durchlaufen, haben Mädchen irgendwann die Phase, in der sie unheimlich mit schön sein befasst sind. Dann sind sie praktisch nicht davon zu überzeugen, dass man mit langen Fingernägeln an der Greifhand einfach nicht sauber greifen kann und fallen zurück. Dass gekonntes Gitarrenspiel auch sehr viel an Schönheit, Stimmigkeit und Persönlichkeit ausdrücken kann, ist in diesem Alter nicht zu vermitteln.

Altersunterschiede, Geschwisterdrama

Altersunterschiede in Gruppen müssen nicht, können aber ein Problem sein. Natürlich können jüngere Kinder mit schneller Auffassungsgabe mit älteren mithalten, und wenn man es schafft, in einer Unterrichtsgruppe ein tolerantes Klima herzustellen kann alles wunderbar funktionieren. Problematische Sprünge liegen zwischen Kindergarten- und Lesealter oder dritter / vierter Klasse und Jahrgang 5 und 6. Je mehr die Kinder mit der Sache Musik befasst sind, desto besser.

Geschwister in einer Gruppe zu unterrichten ist mir persönlich noch nie mit großem Erfolg gelungen. Obwohl ich selber ein Sandwich - Kind und Vater zweier Kinder bin, Geschwisterrivalität also aus vielen Perspektiven kenne, kann ich es schlicht nicht empfehlen, und würde immer dazu raten, die Kinder verschiedene Instrumente probieren zu lassen oder in unterschiedlichen Gruppen unterzubringen. Wenn die ältere Schwester auch im Gitarrenunterricht schneller voran kommt, hat das jüngere Kind "den selben alten Blues", der den Alltag zu Hause prägt. Wenn das jüngere Kind das ältere überholt ist die Lage noch ernster. Wenn Zwillinge sich gut verstehen scheint es aber funktionieren zu können.

Vertrauen in den Lehrer

Jeder Lehrer möchte guten, erfolgreichen Unterricht machen. Erfolgreicher Unterricht hat viel mit Nachhaltigkeit zu tun - man will erreichen, dass der Schüler wirklich Gitarre spielen lernt. Das bedeutet, dass das Können auf dem Instrument in kleinen, sinnvollen Schritten so entwickelt wird, dass man nicht irgendwann vor einer Wand steht, die man nicht mehr überwinden kann.

Häufig berichten Kinder von Freunden, die bei einem anderen Lehrer Unterricht haben, und schon "Smoke on the water" spielen können. Ok, sage ich mir, das Kind ist viel begabter, fleißiger, der Lehrer macht besseren Unterricht, was mache ich falsch?
Dann kommt es irgendwann zu einem Unterrichtsbesuch, und es stellt sich heraus, dass der Freund zwar die berühmte Tonfolge spielen kann, sonst aber noch nicht über die ersten fünf Töne hinaus ist und nicht mal die sicher unterscheiden kann. (Selbstverständlich gibt es auch den Fall, dass der Freund wirklich viel weiter ist!)

Vertrauen in den Lehrer, der dann hoffentlich auch etwas taugt, heißt also: die Unterrichtsschritte mitgehen, die er vorschlägt, das Können kontinuierlich aufbauen, warten können, bis man soweit ist, schwierigere Dinge anpacken zu können.

Komplizierte Rhythmen lernt man, wenn man die einfachen beherrscht, Barrégriffe, wenn man A-Dur und D-Dur wechseln kann, "Nothing else matters", wenn man die Angst vor höheren Lagen wegtrainiert hat. Genies dürfen natürlich sofort mit dem Schwierigsten beginnen - wenn sie technisch alles richtig machen, ist das in Ordnung. Ansonsten ist und bleibt Bescheidenheit eine Zier und ein guter Berater!

"Zu spät" ist es nie!

Grundsätzlich ist nach meiner Erfahrung ein guter Zeitpunkt für den Beginn die zweite Klasse. Die Kinder wissen, wo der Lehrer steht, lernen oder können lesen und haben gelernt, sich in einer Gruppe angemessen zu verhalten.

Kann man auch zu spät mit dem Lernen eines Instrumentes beginnen? Nein. Ältere Kinder und Jugendliche haben bei der Gitarre weniger Probleme mit der nötigen Kraft, dem Verstehen der Zusammenhänge zwischen Noten und Griffbrett, sind vielleicht selbst wirklich motiviert und haben klare Ziele.
Ältere Menschen, die ihre Finger nie zu so merkwürdigen Dingen wie Gitarrespielen eingesetzt haben, werden über die Schwierigkeiten bei den vertrackten Bewegungen staunen, beobachten, dass es für das Gehirn gar nicht so einfach ist, dem Ringfinger einen präzisen Befehl zu geben, während die anderen Finger brav stehen bleiben, aber - man tut ja schließlich etwas für sich und muss niemandem sonst etwas beweisen! Solange man weiß, was das Ziel ist, kann man die Frage "zu spät?" nur mit "nein" beantworten.

Gruppenunterricht

Die Gitarre gehört mittlerweile zu den klassischen Gruppenunterricht - Instrumenten an Musikschulen. Sie hat einige Eigenschaften, die sie dafür prädestinieren. Welche Vorteile hat Gruppenunterricht, was muss man beachten, damit er erfolgreich läuft?

Hier steht etwas über Einzelunterricht, und hier sind meine Regeln für Gitarrengruppen.

Die Gründe dafür, dass die Gitarre ein häufiges Gruppeninstrument ist, liegen auf der Hand: Gitarren sind vergleichsweise günstig, gut zu transportieren, brauchen zwar mehr Platz als Blockflöten, aber deutlich weniger als Klaviere oder Drumsets, sind nicht so laut, und geben erträgliche Töne von sich, wenn sie gut gestimmt sind.

Dass Gitarren für wenig Geld zu erwerben sind, man dabei aber gewisse Grenzen nicht unterschreiten sollte, habe ich an anderer Stelle breit diskutiert. Wenn man zu billige und damit schlechte Gitarren nimmt, ist die Sache mit der Stimmbarkeit ein ewiges Problem, und schräge Töne wirken sich auf die Motivation aus. Trotzdem muss der Geigenlehrer bei einer Vierergruppe wahrscheinlich mehr Dissonanzen ertragen als ich in gleicher Situation.

Leicht zu transportieren (im Vergleich zu Schlagzeug und Klavier) sind Gitarren allemal, wenn auch das Auspacken, Aufbauen von Stuhl, Fußbank, Notenständer und Noten sowie das Stimmen einiges an Zeit brauchen (je selbstständiger die Schüler, desto flotter geht es), und für größere Gruppen braucht man auch ganz schön Platz - die Arbeit in Schulräumen ist ein ordentliches Training für den Lehrer mit Tische schieben und Stühle tragen!

Dynamik am Anfang

Ein großer Vorteil des Beginns in einer Gruppe: auch wenn es am Anfang mal etwas rumpelt, weil die Mitglieder unterschiedlich viel Interesse haben - es ist die beste Chance, Partner zu finden, mit denen man längere Zeit zusammen arbeiten kann!

Andererseits sollte man nicht vergessen und bedenken: es ist sehr wahrscheinlich, dass in einer großen Gruppe sowohl begabte Kinder, als auch Kinder angemeldet werden, deren Eltern einen quasi therapeutischen Nutzen erhoffen. Es heißt ja, ein Instrument zu lernen bringe einen in Sachen Koordination, Konzentration oder gar überhaupt Intelligenz weiter. Das ist hoffentlich zum großen Teil richtig, aber wenn ein Kind z.B. Koordinationsprobleme hat, sollte man das vorher thematisieren und eventuell Absprachen treffen. Niemand ist gerne längere Zeit in der Situation, mit Schwierigkeiten zu kämpfen, die für andere normale Herausforderungen sind. Weder der Lehrer noch die anderen Kinder und Eltern rechnen damit, eine Art Ergänzung zur Ergotherapie zu machen, das sollte allen Beteiligten klar sein. Ein Musikinstrument zu erlernen ist nicht unbedingt einfacher, als sich Lesen, Schreiben und die Grundrechenarten anzueignen. Unzufriedenheit kann man vorbeugen, indem der Unterricht als "Schnupperangebot" startet, bei dem nach einer Testphase überlegt wird, ob Instrument und Gruppe so passen.

Vorteile beim Lernen

Viele Dinge lassen sich sehr gut in einer Gruppe erlernen. Die grundlegenden Lernfelder am Beginn des Gitarrenunterrichts - wo finde ich die Töne auf der Gitarre, wie schlage ich richtig an, mit welchem Finger muss ich greifen, wie sieht die zugehörige Note aus, wie heißt der Ton, wie lang sind Viertel und Achtel - kann man mit aufmerksamen Kindern gut gemeinsam erarbeiten. Kinder, die anfangs nicht so sicher sind, "schwimmen in der Gruppe mit" und profitieren vom gemeinsamen Musizieren. Dadurch kann das Gefühl für Rhythmus vielleicht entspannter aufgebaut werden als im Einzelunterricht, wo der Lehrer eher dazu neigt, das Ganze zu "verintellektualisieren". Das Kind wird früher aufgefordert sich zu äußern - wie zählt man da, klopfe mal mit dem Fuß den Taktschlag - wo es in der Gruppe mehr Chancen bekommt, durch Beobachtung und Nachahmung zu lernen. Durch dosiertes "in-Ruhe-lassen" von leicht gestressten Kindern kann man diese vorsichtig in eine Situation hineinwachsen lassen, vor der sie sonst zu viel Angst gehabt hätten.

Um Erfolg mit dieser Unterrichtsform zu haben, müssen die Schüler aufmerksam sein und beobachten. Viele Kinder passen aber nur noch auf, wenn sie direkt angesprochen werden; sobald die Gruppe als Ganzes gefordert ist, oder eine Frage an ein anderes Kind gerichtet wird, schalten sie vollkommen ab und sind, wenn man nachfragt, was sie gerade gehört oder beobachtet haben, nicht in der Lage sich zu äußern. Zu dieser Problematik steht einiges im Absatz über das Einstiegsalter.

Rolle der Eltern

Nicht nur die Kinder sind für den Erfolg des Gruppenunterrichts wichtig, sondern in besonderem Maße die Eltern. Sie sind dafür verantwortlich, bei versäumtem Unterricht nach den Hausaufgaben zu fragen (Die Sitte, mitzuteilen, dass und warum ein Kind nicht kommen konnte ist trotz E-Mail-Kultur akut vom Aussterben bedroht - ich weiß immer gerne, ob es "meinen" Kindern gut geht!). Fehlen in einer Gruppe die Mitglieder über Wochen umschichtig, ist ein Weiterkommen sehr erschwert, wenn niemand bereit ist etwas nachzuarbeiten. Das macht dann den Unterricht schnell langweilig, besonders natürlich für die begabteren Kinder. Diese Mitverantwortung jedes Einzelnen für das Gruppentempo ist ein ganz entscheidender Faktor. Musikunterricht ist ein Hobby, und man sollte seine Freizeitvergnügen nicht mit der Schule vermengen, aber ein bisschen Einsatz ist trotzdem nicht schädlich, denn Gruppenunterricht ist nun mal ein "Mannschaftssport".

Selbstverständlich sollte sein, dass man sich in der Gruppe verträgt. Niemand muss niemanden heiraten, aber Rivalitäten und Ablehnung, weil jemand aus dem anderen Ortsteil kommt, eine Schulklasse tiefer besucht, beim Fußball ruppt oder dergleichen haben im Musikunterricht für mich nichts zu suchen.

Wenn alles gut funktioniert, kann man mit Gruppen viel erreichen und viel Spaß haben (und mit Spaß erreicht man mehr!). Gesunder Ehrgeiz und Hilfsbereitschaft und gegenseitiges Unterstützen bringen gute Lernfortschritte und gute Ergebnisse bei Vorspielen.

Dynamik am Schluss

Dann muss man aber auch merken, wann die Geschichte vorbei ist. Wenn ein Kind besonders begabt ist und schneller vorankommen könnte als die Gruppenkollegen, muss der Lehrer die Eltern alarmieren, und die Eltern ihrerseits den Lehrer anrufen, wenn sie beginnende Unlust wegen Unterforderung bemerken. Dann ist Unterricht in kleineren Gruppen oder Einzelunterricht angezeigt, und die Diskussion über die Kosten des Musikunterrichts - siehe unten - kann beginnen.
Und man braucht natürlich - je älter und fortgeschrittener die Schüler sind - mehr Zeit für den Einzelnen, für die Hausaufgabe, für das Erarbeiten des neuen Stückes, für die Kreativität beim Austüfteln des besten Fingersatzes. Irgendwann ist die Form des Gruppenunterrichts nicht mehr die beste.

Die Geldfrage

Obwohl ich überzeugt davon bin, dass Gruppenunterricht in bestimmten Situationen eine sehr gute Unterrichtsform ist, hängt seine Verbreitung natürlich daran, dass er preisgünstiger zu machen ist. Wobei folgende Fragen kritisch zu beleuchten wären:

  • Kostet Musikunterricht heute im Verhältnis mehr Geld als etwa in den Siebzigern (in denen viele Musikschulen entstanden)?
  • Haben die Leute heute wirklich weniger Geld?
  • Haben sie mehr Kinder, also weniger Geld pro Kind zur Verfügung?
  • Geben wir alle mehr Geld für andere Dinge aus?
  • Gehen vielleicht mehr Kinder als früher zum Gitarrenunterricht?

Dass Instrumentalunterricht in den letzten Jahrzehnten unmäßig teurer wurde als Zigaretten, Kino oder die Dienstleistung an der KFZ- Zulassungsstelle bezweifle ich. Allerdings müssen Musikschulen mit öffentlicher Förderung, bei der die Angestellten von Kommunen oder Landkreisen bezahlt werden, zum Teil mehr Geld für Personalkosten aufwenden. Die Lehrer werden schon mal älter und verheirateter und bekommen Kinder. Dadurch steigen die Bezüge; erst wenn jemand in Rente geht und dafür eine neue Lehrkraft eingestellt wird, die jung, ledig und kinderlos ist, beginnt dieser Zyklus von vorne. Wenn ich mein Auto anmelde oder mein Kind in die Schule schicke ist dort vielleicht auch jemand tätig, der 58 Jahre alt ist und drei Kinder hat, aber das wirkt sich auf die Gebühr für den Führerschein nicht so aus. Hier werden diese Kosten aufgefangen. An der Musikschule fließen sie zumindest teilweise in die Entgelte ein. Essen zu gehen und die Markenjeans sind aber auch nicht wirklich billiger geworden.
Ob wir alle weniger Geld haben, führt direkt in eine politische Diskussion über Lohnzuwachs und Umverteilung - dafür ist hier nicht der Ort.

Mehr Kinder als vor 30 Jahren haben wir im Schnitt nicht, also müsste pro Kind mehr Geld da sein, aber daran schließt sich subito presto die Erörterung an, ob wir nicht auch mehr nach Mallorca fliegen, höherwertige Autos fahren, mehr Geld für (Unterhaltungs-) Elektronik ausgeben, mehr für angesagte Kleidung anlegen. Man hört als Lehrer, wenn man erwähnt, dass eine eigene Gitarre guter Qualität sich lohnen würde tatsächlich "Dafür haben wir gerade kein Geld, die Kinder haben gerade alle ein Handy bekommen.", was im Klartext ein Smartphone mit Obstlogo bedeutet.

Wir haben definitiv einen anderen Lebensstil, und der ist so selbstverständlich, dass er gar nicht mehr hinterfragt wird. Wir haben mehr Freizeit, die muss gefüllt werden, und wer füllt die schon mit Gitarre lernen, Yoga üben oder gar mit dem Erlernen einer Fremdsprache, um vielleicht ein Buch in der Originalsprache lesen zu können - alles Dinge, die in erster Linie Zeit und Mühe kosten, nicht Geld...

Trotzdem probieren derzeit viel mehr Kinder als früher, ein Instrument zu erlernen, und das ist gut so! Natürlich hören manche davon nach einiger Zeit wieder auf, weil Begabung, Lust oder Motivation nicht reichen. Ich meine auch, dass heute viel mehr Kinder Hobbies wie Reiten, Tennis und dergleichen (die früher als teuer galten) ausprobieren dürfen.

Wie man mit dieser Problematik umgeht ist jedermanns Privatsache. Der eine sucht sich die günstigste Unterrichtsmöglichkeit (immer wieder mit dem Ergebnis, dass die Geschichte in einer Sackgasse endet, das Kind vieles um- und neu lernen und sich an einen neuen Lehrer gewöhnen muss, damit emotional überfordert ist etc.), der andere kann's bezahlen oder sagt sich "das ist es mir wert". Zu hinterfragen, was die Dinge, die man so tut und kauft für einen Wert für das eigene Leben haben, ist sicher nicht schlecht. Eine gute Alternative ist der Start in einer Gruppe allemal. Wenn der Lehrer dem auch positiv gegenübersteht, im Gespräch mit den Eltern bleibt und aktiv an der Umstellung von Gruppen dran ist, kann man im Fach Gitarre durchaus weit kommen, bis irgendwann die Entscheidung über den klassischen Einzelunterricht ansteht.

Einzelunterricht

Im Gegensatz zum Gruppenunterricht hat der Schüler im Einzelunterricht den Lehrer für sich allein. Von Anfang an wird ein Mensch bestmöglich gefördert. Wenn Begabung, Intelligenz, Fleiß und Lernwille vorhanden sind, stellt nur das Können des Lehrers eine Grenze dar, auf langsamere Unterrichtspartner braucht man keine Rücksicht zu nehmen.
Aber auch der andere Fall sollte idealerweise Raum finden: Wenn ein Kind Begabung zur Musik hat, aber nicht so schnell begreift wie andere, sollte eine Einzelförderung ins Auge gefasst werden, weil sich Musikunterricht auf den Menschen insgesamt auswirkt.

Als Lehrer steckt man sofort in dem Dilemma, wie genau man sein will oder wie viel Spielraum man lässt. Das Kind hält die Gitarre nicht schräg genug, der Gitarrenkopf ist zu weit unten, dadurch wird die Greifhand beeinflusst. Oder die Beine stehen zu eng zusammen, die Gitarre wird deshalb nicht gerade vor dem Körper gehalten, dadurch wird die Wirbelsäule zwischen Becken und Schultergürtel in sich verdreht. Bemerkungen dazu kommen aber nicht an, der Schüler bleibt genau so sitzen - was tun?

Ein ständiger Balanceakt zwischen Strenge und Laissez-faire beginnt, der Versuch, den Schüler auf die Seite des Lehrers zu ziehen, der denkt "das und das müssen wir noch verbessern, da müssen wir noch dran arbeiten..."
Man muss also aufpassen, dass die Sache nicht zu stressig wird und ganz entschieden von Freundlichkeit geprägt ist. Nicht immer einfach, gerade bei jugendlichen Schülern, die häufig mit der Attitüde "Wieso soll ich das denn so machen?" in den Unterricht kommen.

Alles geht schneller im Einzelunterricht, oder jedenfalls im richtigen Tempo für den individuellen Schüler. Nun habe ich oben ausführlich zu beschreiben versucht, dass der Gruppenunterricht in der Anfangsphase durchaus angemessen sein kann und vielleicht auch schlicht mehr Spaß macht, und Spaß beim Lernen ist ein wichtiger Faktor! Trotzdem kommt irgendwann der Zeitpunkt, wo die Gruppe sich vom Lerntempo her auseinander lebt, oder, vielleicht noch später, wo das Besprechen der Interpretation des Schülers so viel Raum einnehmen muss, dass es in der Gruppe nicht mehr zu machen ist.

Spätestens dann ist der Zeitpunkt gekommen, an dem auch die Lernenden ein Recht auf individuelle Förderung anmelden sollten, die eines der "klassischen Gruppenunterrichtsinstrumente" (Gitarre, Blockflöte, Akkordeon, Keyboard) gewählt haben.
Sichtbare Lernfortschritte, Leistungen bei Vorspielen, großes Interesse an der Sache (lieber Gitarre üben als immer nur an der Spielkonsole sitzen) gehören durchaus zum Thema. Das sind Dinge, die Eltern und Lehrer wahrnehmen müssen, und die auch die Politiker in Betracht ziehen müssen, wenn sie wieder über Zuschüsse für öffentliche Einrichtungen wie Musikschulen zu entscheiden haben.