Gitarre und Musiklehre, U. Meyer

Verwandte Instrumente und das Repertoire

Barockgitarre nach Sellas

Barockgitarre nach Matteo Sellas von R. Lechner

Nach welchen Kriterien wählt man ein Instrument aus, um mit dem Lautenspiel zu beginnen? Da ich Laute an der Musikhochschule Rheinland in Köln studiert habe, und viele ausgiebigen Diskussionen mit dem Lauten- und Gitarrenbauer Renatus Lechner geführt habe, erlaube ich mir, ein paar Hinweise zu geben.

Die Verwandtschaft der Gitarre ist groß, unübersichtlich und eine Wissenschaft für sich. Wenn man die Musik "original" spielen will, muss man sehr viele Instrumente kaufen. Ansonsten spielt man sie auf der Gitarre, mehr oder weniger stark bearbeitet.

Unterschiedlicher Tonumfang

Bei Gitarren in Renaissance und Barock war jede Saite doppelt vorhanden, wie heute noch auf Mandolinen oder 12-saitigen Westerngitarren. Sie hatten 4 oder 5 "Saitenchöre" und sehr unterschiedliche Stimmungen. Wenn man Kompositionen für diese Instrumente auf der modernen Gitarre spielt, kann man bei Bearbeitungen überlegen, ob man Töne hinzufügt oder oktaviert, um den größeren Tonumfang der heutigen Gitarre zu nutzen.

Ciacona Foscarini

Die erste Zeile einer Ciacona aus "Li cinque libri della chitarra alla spagnola", Rom, 1640, von G.P. Foscarini. Als Stimmung ist angegeben, den 4. und 5. Chor wie auf der modernen Gitarre tief zu stimmen. In Takt 3 habe ich allerdings in grau die Oktavsaite mit in die Übertragung geschrieben, um anzudeuten, das das d auch als Ton der Oberstimme angenommen werden kann. Bei Musik für Barockgitarre ist es nicht immer ganz einfach, sich einen Reim auf die Tabulatur zu machen...

Ciacona Foscarini Übertragung
Ciacona Foscarini Corrente

Beginn einer Corrente von Foscarini mit Tabulaturbuchstaben, den großen Alfabeto - Buchstaben, die einfach Griffe aus einer Grifftabelle darstellen - das große "H" steht kurioserweise für den B-Dur-Barrégriff - und den nach oben und unten zeigenden Strichlein, die die Anschlagstechniken andeuten. Eine Welt für sich!

Renaissancelaute nach Venere

Siebenchörige Laute nach Venere von R. Lechner

Bei Stücken für Laute hat man das umgekehrte Problem: ab etwa 1580 ist die Laute in der Regel siebenchörig, und die Entwicklung geht schnell weiter bis zu 10 Saitenchören um 1620; dann wird mit der Stimmung der sechs hohen Saiten experimentiert und das Instrument bis zu 13 Chören erweitert. Der Tonumfang der meisten Lauten ist also größer, deshalb muss man in Bearbeitungen für Gitarre tiefe Töne nach oben oktavieren. Musik für sechschörige Laute oder für die spanische Vihuela de mano kann man allerdings direkt aus den originalen Tabulaturen spielen.

Nach 1800 wird die Gitarre dann sechssaitig. Aber einige Gitarristen der späten Klassik und der Romantik suchten wieder nach Erweiterungsmöglichkeiten und spielten zum Teil Gitarren mit zusätzlichen Basssaiten. So braucht man für die Kompositionen Napoleon Costes manchmal eigentlich eine sieben- oder achtsaitige Gitarre; Mertz verlangt gar 10 Saiten; die Kompromisslösung ist wieder das Oktavieren tiefer Töne.

Riesiges Repertoire für Lauten

Ab etwa 1530 gibt es eine gewaltige Menge sehr guter Musik für Zupfinstrumente, die längst noch nicht ganz ins Repertoire eingegangen ist. Allein das Werk von Sylvius Leopold Weiss für Barocklaute umfasst so viele Suiten, dass man es mit Beethovens Sonaten für Klavier vergleichen kann. Und so wie man heute in Heften für Keyboard die neusten Popsongs kaufen kann, wurden die Hits der Renaissance von Lautenisten für ihr Instrument z.T. in äußerst virtuosen Fassungen bearbeitet.

Barocklaute nach M. Hoffmann

Barocktheorbe nach Martin Hoffmann von R. Lechner

Natürlich wurde auf Barockgitarre, Laute, Theorbe und Arciliuto in Ensembles der Barockzeit nach beziffertem Bass (basso continuo) begleitet; es ist also legitim, die Gitarre in Kammermusik dieser Zeit einzusetzen. Aus Klassik und Romantik gibt es neben der umfangreichen Sololiteratur eine Menge Kammermusik mit Gitarre. Und natürlich gibt es viele Stücke für zwei oder mehr Gitarren aus verschiedenen Epochen.

Leider sucht man bei den meisten "großen Komponisten" vergeblich nach Originalwerken für unser Instrument. Beethoven und Mozart haben nun mal nicht für Gitarre komponiert; sicher auch, weil man ohne genaue Kenntnis der spieltechnischen Besonderheiten schlecht für das Instrument schreiben kann.
Viele bekannte Werke des 20. Jahrhunderts für Gitarre sind in Zusammenarbeit mit namhaften Gitarristen wie Segovia, Bream oder Williams entstanden, deren Einrichtung für das Instrument oft erst für die Spielbarkeit sorgte.

Welche Laute zum Einstieg?

Wer sich für die Laute zu interessieren beginnt, steht anfangs vor der Frage: Womit beginnen? Abgesehen davon, dass die Fragen nach Noten oder Tabulaturen oder auch einer Schule nicht so einfach zu beantworten sind, ein Lehrer nicht so einfach zu finden ist, und Lauten eine ganze Menge Geld kosten, bleibt die Frage, womit man den Einstieg wagt.

Oder anders formuliert: welches sind die wichtigsten Instrumente der Lautenfamilie? Was sind die schlauesten Kompromisse, um mit möglichst wenigen Instrumenten möglichst viel Musik spielen zu können?

Stellen wir erstmal fest: es gibt wirklich viele verschiedene Typen von Lauten, was sowohl den Einsteiger als auch den Menschen, der sich mit wenig zufrieden geben will, vor schwierige Rätsel stellt.

Als ich gerade mit dem Abitur beschäftigt war, kam das "Consort of Musicke" mit Renaissancelauten aller Größen in die Nachbarstadt, und obwohl ich die Musiker ein bisschen kennenlernen durfte und gute Ratschläge bekam, habe ich viele Fehler gemacht, die dann durch mehr oder weniger glückliche Verkäufe wieder ausgebügelt werden mussten, nach dem Motto "Von der 8-Chörigen zur kleinen 7-Chörigen zur mittleren und zu einer mit 64er Mensur (Zu groß für Dowland und meine Finger!) wieder zurück zur kleinen 7-Chörigen...

Grundsätzlich gibt es zwei Lösungswege für den besten Kompromiss:

Entweder man wählt die "kleine Lösung", also eine Laute mit eher wenig Saiten, und verzichtet auf die Literatur, die mehr Chöre verlangt,
oder man wählt die "große Lösung", eine Laute mit möglichst vielen Chören, auf der man dann hoffentlich alles spielen kann. Diese Hoffnung erweist sich aber leicht als trügerisch: nicht alles, was theoretisch geht, geht auch praktisch gut.

Und selbstverständlich kann man auch eben keine Kompromisse eingehen und einfach viele Lauten kaufen, aber die muss man auch pflegen, spielen und keinesfalls vernachlässigen: ich habe das Gefühl, dass Lauten sehr eifersüchtig sind und sich mit schlechter Stimmung rächen, wenn man sich eine Zeit weniger um sie kümmert...

Beginnen wir mal damit, nach Stimmung einzuteilen:

Zwei Hauptstimmungstypen: Renaissance- und Barockstimmung

Renaissancestimmung

Die ursprüngliche Lautenstimmung ist im Prinzip die, die wir heute noch auf der Gitarre haben: die Saiten sind im Quartabstand gestimmt, mit einer Terz dazwischen, damit die erste und die sechste Saite den gleichen Ton haben. Von der höchsten zur tiefsten Saite nimmt man für eine 6chörige Laute für Solomusik meist g', d', a, f, c, G als Stimmung an. Im Bild in Violin- und Bassschlüssel und rechts im nach unten oktavierenden Violinschlüssel zu sehen. Darunter die entsprechene Gitarrenstimmung mit dem fis auf der dritten Saite.

Diese Stimmung verwendet auch die Gambenfamilie, und da der Kontrabass der Gambenfamilie entstammt, ist er in Quarten gestimmt, nicht in Quinten wie Violine, Viola und Violoncello, die ja auch sehr anders aussehen.

Bis in die ersten Jahrzehnte des siebzehnten Jahrhunderts wurde diese Stimmung benutzt und deshalb wird sie häufig "Renaissancestimmung" genannt. Kurz nach 1600 begann vor allem in Frankreich eine Phase wilden Experimentierens, bei der am Ende die "Barockstimmung" herauskam.

Beide Begriffe taugen nicht wirklich viel, denn auf den italienischen Arciliuti und Chitarronen, sowie auf der Theorbe in Frankreich wurde die alte Stimmung immer beibehalten - bis zum Ende des Barock. Zeitgleich wurde aber in ganz Europa (ohne Italien) die neue Stimmung gespielt. Sehr verwirrend. Ich fange mit den Lauten in Renaissancestimmung an:

"Renaissancestimmung"

Renaissancestimmung mit Oktavsaiten

Für die ganz frühe Musik nimmt man 6chörige Lauten in G-Stimmung an, aber da es kleine und große Instrumente gibt, und viel Musik für Lauten im Sekund- und Quartabstand, sollte man sich diese Stimmung immer auch auf a, d oder c vorstellen. Eigentlich ist jeder Ton denkbar, aber man möchte ja mal mit Anderen zusammen spielen, also kauft man seinen Saitensatz so, dass man zum Beispiel eine Kopie der kleinen Jacob Hes mit ihrem Mensur von 56,5 cm auf a stimmen kann.

Im Bild sieht man die g-Stimmung mit Oktavsaiten: Während der erste Chor fast immer eine einzelne Saite ist (es gibt Lauten mit zwei Wirbeln für den ersten Chor!), hat man auf d und a zwei gleichgestimmte Saiten, und ab dem vierten Chor ist immer eine Oktavsaite dabei.

Stimmführung mit Oktavsaiten

Da haben wir den ersten Unterschied: während man da Milano eher mit Oktave auf dem vierten Chor spielen sollte, kann man bei Dowland f und c unisono besaiten. Das klingt durchaus anders, und führt uns gleich zu den ersten Streitigkeiten à la "Du kannst doch keine frühen Italiener auf 'ner 8chörigen spielen!"...

In frühen italienischen Lautenstücken hat man schon mal eine Stimmführung wie rechts: Die zweite Stimme muss sich eigentlich in ein f auf dem zweiten Chor auflösen, aber die Note steht nicht in der Tabulatur (ich habe sie in hellgrau angedeutet). Der Ton erklingt aber trotzdem, da der vierte Chor als Basston angeschlagen wird, und die Oktavsaite die Auflösung für die zweite Stimme liefert. Hat man seine Renaissancelaute gestimmt wie um 1580 üblich, fehlt der Ton komplett.

6-chörige Laute

Georg Gerle, original

Die 6chörige Georg Gerle ist sehr kostbar durch das ganze Elfenbein, wirkt aber ohne Randspan und Griffbrettspitzen streng und fast archaisch.

Es gibt Unmengen Musik für 6chörige Laute, allerdings ist diese frühe Musik oft nicht die große Liebe der Gitarristen, die beginnen, sich für die Laute zu interessieren.
Einige Vihuelastücke von Luys Milan - die Vihuela ist das spanische Pendant zur Laute, in Spanien als Instrument der arabischen Besatzungsmacht nicht beliebt - werden zwar gespielt, aber die Fantasien von Capirola, da Milano oder Casteliono, ihre Intavolierungen von geistlichen und weltlichen Vokalwerken oder ihre Tänze sind doch nicht so verbreitet. Ebenso sieht es mit den frühen Franzosen wie Paladin, Le Roy oder de Rippe aus, und die deutsche Literatur der Renaissance, Newsidler oder Judenkunig, ist vor allem ein Buch mit sieben Siegeln, wenn man nur die Tabulatur vor sich hat.

Die deutsche Lautentabulatur ist nicht ganz einfach zu lesen! Der erste Akkord im "Wascha Mesa" ist - von tief nach hoch: 4. Chor leer, 3. Chor im 3. Bund, 1. Chor 1. Bund, danach leerer 1. Chor, wieder erster und dann dritter Bund, dann folgt der 2. Akkord. Man muss auswendig wissen, welcher Buchstabe welche Stelle auf dem Griffbrett bezeichnet.

Darstellung des Griffbrettes bei Hans Newsidler, 1536. Um die Buchstaben lesen zu können, muss man das Bild um 90° im Uhrzeigersinn drehen.

Lautenkragen Newsidler
Wascha Mesa

Der Beginn des berühmten "Wascha mesa" von Newsidler - ein Schelm, wer behauptet, die deutschen Musiker hätten um 1536 noch auf Bäumen gehockt... gemeint ist mit dem Titel natürlich ein Passamezzo.

Es gibt zwar ein gerüttelt Maß einfachere Stücke, aber ein Großteil der Fantasien und Intavolierungen vor allem aus Italien spielt sich auf höchstem Niveau ab! Diese Werke repräsentieren eine voll entwickelte Kultur! Und dann sind die Ricercare auch noch polyphon konzipiert, enthalten zwar Diminuitionen, also Verzierungen aus schnellen Umspielungen, aber noch nicht das freundliche Laufwerk der folgenden Epoche.

Für die 6-chörige Laute als ein Hauptinstrument spricht,

dass man ein sehr umfangreiches Repertoire spielen kann. Man sollte aber die frühe Literatur wirklich mögen!
Dagegen spricht, dass alles, was mehr als 6 Chöre braucht natürlich nicht geht.

jacob hes, Renatus Lechner

7-chörige Laute

Als nächstes bekommt die Laute einen siebten Chor, der in der elisabethanischen Zeit in England die Musik prägt. Er wird auf d gestimmt, die Laute gewinnt also eine Quarte im Umfang nach unten - ein ungeheurer klanglicher Gewinn!

Für Dowland, Robinson, Holborne, Johnson und Kollegen braucht man so eine Laute, die großartige Welt der englischen Lautenlieder erschließt sich, und - man kann die 6-chörige Literatur auf so einer Laute spielen!

Na ja, wenn man extrem puristisch veranlagt ist, stört einen das Mitklingen des siebten Chores durch Resonanz, aber ehrlich gesagt... ich finde das Problem mit den oktavierten Bässen ist das größere, wenn man auf einem Instrument Bacheler und Bianchini spielen will. Aber man kann ja für spezielle Gelegenheiten oder Übephasen andere Saiten aufziehen - so etwas gehört zu den einfachsten Kompromissen.

Für die 7chörige Laute spricht,

dass es viel Musik für dieses Instrument gibt und dass man 6-chörige Stücke auch sehr glaubwürdig spielen kann, eventuell mit Umbesaiten bei den Oktaven. Stücke für 8 oder 9 Chöre gehen auch - wenn sie gehen!
Englische Lautenlieder brauchen häufig 7 Chöre, italienische frühbarocke Lieder (Caccini!) und instrumentale Kammermusik lassen sich sehr gut mit 7 Chören realisieren.
Gegen eine 7-chörige spricht nach meiner Ansicht nicht viel.

8, 9 und 10 Chöre

Leider verharrt die Entwicklung nur kurz bei der 7-chörigen Laute, und dann wird die Sache noch hakeliger: schon Thomas Robinson nutzt in seiner "School of Musicke" neben sieben auch acht Chöre. Das d bleibt der tiefste Ton, nunmehr auf Chor 8, und es wird ein f eingeschoben.

Ja, man kann die leeren siebten Chöre, also die Fs, im dritten Bund auf dem auf D gestimmten 7. Chor einer 7-Chörigen greifen, aber man bricht sich je nach Größe der Laute die Finger dabei. Dowlands sehr schöne Galliarde zur Pavane Lachrymae ist für 9-chörige Laute. Auch das ist auf einer 7-Chörigen spielbar, aber es gibt auch die Situation, dass man wegen hoher zu greifender Töne nicht gleichzeitig ein tiefes f auf dem achten Chor greifen kann. Wenn man eine 10-chörige Laute hat, die ja über ein tiefes c verfügt ist spätestens Schluss: man kann Stücke für 8, 9 oder 10 Chöre nicht immer auf einer 7chörigen Laute spielen.

Molinaro, Fantasia XII

Der eingekreiste 4. Bund auf dem 7. Chor in der Fantasia XII von S. Molinaro ist ein tiefes A. Auf einer 7-chörigen Laute müsste man diesen Ton auf dem 7. Bund des 7. Chores (auf D gestimmt) greifen, oder auf dem 2. Bund des 6. Chores. Beides ist mit den Oberstimmen zusammen kaum machbar. Der beste Kompromiss wäre wohl, den Ton zu oktavieren und auf dem 4. Bund des 4. Chores zu greifen, aber - wirklich spielen möchte man diese Fantasie auf einer 7-chörigen Laute eher nicht...
Unten habe ich die ersten 4 Takte übertragen; das graue fis stammt aus der vorigen Zeile, die den Anfang des Taktes enthält.

Molinaro, Fantasia XII, Übertragung

Im folgenden Beispiel aus John Dowlands 9-chöriger "Galliard to Lachrimae" habe ich mir eine Stelle mit drei problematischen Bässe herausgegriffen:

Dowland, Galliard to Lachrimae

Der Tabulatur-Buchstabe "f" auf dem 8. Chor ist ein B, das also im 5. Bund gegriffen wird, um die darüber liegenden Töne im siebten Bund zu ermöglichen. Auf einer 7-chörigen Laute muss man ihn auf dem 6. Chor im 3. Bund greifen.
Das folgende leere F - siebter Chor - muss auf auf dem siebten auf D gestimmten Chor im dritten Bund, und das folgende Es, das auf dem leeren 8. Chor erklingt im 1. Bund des 7. Chores gegriffen werden. Die Passage ist auf einer 7-Chörigen machbar, aber nicht gerade einfach! (Der letzte Takt der Zeile ist nicht übertragen.)

Dowland, Galliard to Lachrimae, Übertragung
Für eine 8-chörige Laute spricht

selbstverständlich, dass man die Musik dafür spielen kann, ebenso viele 7-chörige Stücke.
Kontra: siebenchörige Stücke können problematisch sein, wenn viel auf dem siebten Chor gegriffen wird. Die Töne sind manchmal schwer zu erreichen. Eine 8-chörige Laute ist für 6-chörige Musik schon nicht mehr ideal. Trotzdem gibt es viele Leute, die sich 8-chörige Instrumente zum Anfangen besorgen. Ich selbst habe das auch gemacht, obwohl mir damals zu einer 7-Chörigen geraten wurde, und ich habe die Laute auch ziemlich bald verkauft.

10chörige Laute
Für eine 10-chörige Laute spricht,

dass man mit ihr alles machen kann... denkt man. Natürlich kann man auch ganz frühe Stücke darauf spielen, aber... dieses breite Griffbrett, die vielen mitschwingenden Saiten - wirklich authentisch ist das nicht mehr! Außerdem haben die überlieferten 10-chörigen Lauten fast alle recht große Mensuren, die virtuose frühe Stücke sehr erschweren.

Was man tatsächlich mit einer 10-Chörigen machen kann: man kann sie in eine Barocklaute oder einen Arciliuto umbauen, so wie das in der Vergangenheit gemacht wurde. Deshalb vor den Barocklauten noch ein Blick auf...

Arciliuto, Liuto attiorbato, Chitarrone, Theorbe

Chitarrone, R. Lechner

Der Chitarrone nach Railich ist recht bequem mit 82 und 167 cm Mensur.

Arciliuto 2, R. Lechner

Gleiche Muschel wie beim Instrument links mit anderer Rosette und Mensuren von 65,6 und 125 cm - gut für Continuo.

Arciliuto 1, R. Lechner

Arciliuto mit einer Muschel nach Burk- holtzer mit 65,5 und 104 cm Mensur, sehr bequem zu stimmen. Mein Arciliuto war ursprünglich eine Laute mit 10 Chören.

Christoffolo Koch, original

Liuto attiorbato von Christoffolo Koch, original. Eine kleine Sololaute mit Mensuren von 57 und 85 cm. Sowohl die Spielchöre als auch die Bässe sind doppelt.

Um 1600 fingen die Lautenbauer in Italien an, noch mehr Bässe anzufügen, und da längere Saiten besser klingen, wurden die Hälse verlängert, zweite Wirbelkästen eingebaut, und schon hat man Liuto attiorbato, Arciliuto und Chitarrone.

Die ersten beiden - und man kann sich trefflich streiten, wann etwas wie zu nennen ist - funktionieren im Prinzip immer noch wie eine 10-chörige Laute, nur dass die Bässe garantiert nicht mehr gegriffen werden können, und dass man unter dem c noch h, a und g hat, und manchmal auf dem letzten Chor die gleiche Saite wie auf dem siebten, sodass ein Stück ein tiefes f und auch fis enthalten kann.

Achtung: Die abgebildeten vier italienischen Lauten der Barockzeit sind in Wirklichkeit sehr unterschiedlich groß! Die Länge der Bässe ist von links nach rechts 85, 104, 125 und 167 cm. Der optisch kleine Korpus rechts ist am größten!

Arciliuto

Ein Arciliuto hat ab Chor 7 oder 8 lange Bässe, die neben dem Griffbrett laufen und nicht mehr zu greifen sind. Auf dem 14. Chor ist oft dieselbe Saite wie auf dem siebten.

Chitarrone oder Théorbe

Die Spielmensur eines Chitarrone, auch Tiorba oder Théorbe genannt, ist so groß, dass die beiden ersten Saiten oder Chöre nach unten oktaviert werden müssen: der dritte Chor ist der höchste.

Chitarronen werden in der Regel auf a gestimmt und haben damit eine gewisse Ähnlichkeit mit der Barockgitarre, außer dass sie viel mehr Saiten haben. Die "théorbe des pièces" in Frankreich stimmt man eine Quarte höher. Die Instrumente sind entsprechend kleiner, aber die eigentümliche Stimmung - Chor 1 und 2 nach unten oktaviert - bleibt. Es ist halt ein Instrument für virtuose Solomusik, während die großen Chitarronen gerne für Continuo genutzt werden.

Man könnte also - auch dies ein machbarer Kompromiss - für seinen Arciliuto einen alternativen Satz Saiten haben und das Instrument mal als Chitarrone auf d stimmen. Auf meinem Arciliuto bräuchte ich für die höchste Saite, das e des dritten Chores, eine Nylonsaite mit 0,50 mm Durchmesser für eine Saitenspannung von 3,8 kp - das ist ein brauchbarer Wert.

Chitarrone

Chitarronen sind auf a gestimmt. Wegen ihrer großen Mensur sind die beiden ersten Saiten nach unten oktaviert. In Stücken für dieses Instrument gibt es oft merkwürdige Stimmführungen.

Bei diesen Instrumenten ist man mit vielen Fragen konfrontiert: sollen die Bässe möglichst lang sein, um diesen hellen, obertonreichen Klang zu geben, oder möchte ich es beim Stimmen und beim Reisen bequemer haben? Welche Spielmensur vertrage ich auf Dauer bei einem Chitarrone? Was machen meine Schultern mit? Will ich nur begleiten, oder auch mal mehr solo spielen? Möchte ich Basso Continuo in A-Stimmung oder in G-Stimmung spielen können, oder doch beides?

"Barockstimmung"

11chörige nach Hans Frei, R. Lechner

11chörige Laute nach Hans Frei, R. Lechner

Die Experimente mit Stimmungen der Spielsaiten nach 1600 mündeten in der A-d-f-a-d'-f' - Stimmung. Das ist insgesamt ein geringerer Umfang als bei der alten Stimmung: die höchste Saite ist einen Ganzton tiefer, die tiefste einen Ganzton höher gestimmt. Folglich geht die 10-chörige Laute auch im Bass noch nicht bis zum c, sondern nur bis zum d.

Was macht man? Man baut bei der 10-chörigen Laute, die ja 19 Wirbel hat, oben am Wirbelkasten einen "Reiter" an, dann hat man zwanzig Wirbel, und dann besaitet man auch den zweiten Chor als Einzelsaite. Der "Reiterwirbel" ist für das hohe f, der bisherige erste Wirbel für das d, den zweiten Chor, und die verbleibenden 18 Wirbel sind für die weiteren neun Chöre da - die 11-chörige Barocklaute ist geboren!

11-chörige Laute

11chörige Barocklaute

Für diesen Typ Laute wurde ein Großteil der barocken Literatur geschrieben. Die gesamte französische Musik, die frühe deutsche, und auch sehr vieles aus dem umfangreichen Werk von Weiss, der seine 11-chörigen Suiten zum Teil später zu Stücken für 13 Chöre umarbeitete.

Die Spielmensuren dieser Lauten sind im Vergleich zu denen der Renaissance eher groß, gerne um die 70 cm. Wenn man eine gute Laute mit, sagen wir 8 Chören besaß, und dieses umbauen ließ zu einer vielleicht zunächst 10- und dann 11-Chörigen, um im "Accord nouveau" spielen zu können, musste eine neuer, breiterer Hals angesetzt werden. Dabei wurde ein Stück von der Muschel oben weggenommen, der Oberklotz bearbeitet, und der Hals so lang gemacht, wie es richtig schien. Da die höchste Saite einen Ganzton tiefer gestimmt wurde, konnte die Mensur also länger gewählt werden.
Die andere Stimmung mit ihren engeren Intervallen führt zu völlig anderen Akkordgriffen, und nachdem man sich vom ersten Schrecken erholt hat merkt man, dass die großen Mensuren gar kein Problem darstellen.

13-chörige Laute

Leopold Widhalm, MIR 903, Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, Foto: G.Kühnel

Leopold Widhalm, MIR 903, Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, Foto: G.Kühnel

13chörige Barocklaute
13-chörige Laute, R. Lechner

13-chörige Laute mit Bassreiter, Muschel nach Burkholtzer, Renatus Lechner.

Während eine 11-chörige Barocklaute ein eher intimes Instrument ist, mit einem zwar großen, aber nicht überbordenden Tonumfang, und die Saitenabstände für die Anschlagshand noch ganz bequem sind, ist die 13-chörige Laute schon wieder ein Grenzfall: mit einem Reiter auf der Bassseite wird Platz für zwei weitere Chöre geschaffen, die neben dem Griffbrett laufen. Die Abstände am Steg sind aber doch drastisch enger, denn die Anschlagshand kann nicht mehr als ihre Spanne bewältigen!

Bei der traditionellen Technik stellt man ja den kleinen Finger der Anschlagshand neben der höchsten Saite auf die Decke, und muss dann mit dem Daumen in der Lage sein, den letzten Chor auf 10-, 11- 13-Chöriger oder Arciliuto zu erreichen. Daher ist die Gesamtspanne der Saiten relativ ähnlich weit, aber innerhalb dieser Spanne gibt es mehr oder weniger Gedränge.

Man gewinnt zwei Töne im Bass, und erkauft sich diesen Vorteil mit vielen Unbequemlichkeiten und dem üblichem Effekt des Verlustes an klanglicher Klarheit beim Spielen von Musik für weniger Chöre.

Barocktheorbe

Die neben der Barocklaute mit Bassreiter ganz rechts abgebildete Theorbe von Leopold Widhalm aus dem Germanischen Nationalmuseum Nürnberg stellt einen Instrumententypus dar, der für die letzten Komponisten des Barock relevant war. Da die Chöre 9 - 13 länger sind, verzichteten die Musiker darauf, Töne zu schreiben, die man auf Chor 9 oder 10 greifen müsste, was bei früherer Musik durchaus mal vorkommen kann. Solche Basstöne muss man dann oktavieren und schauen, ob "der Rest der Stelle noch geht."
Die Spielmensur der Widhalm ist mit 74 cm 4,5 cm länger als die der Laute daneben, und für eine Barocklaute wirklich groß. Es fragt sich, ob die höchste Saite mit Darm auf f überhaupt klingt, und ob sie nicht ständig reißt.

Oktavieren, greifen oder lassen

Es folgen einige Tabulaturbeispiele für Probleme, denen man mit einer nicht genau den Stücken entsprechenden Barocklaute begegnet. Man steht dann immer wieder vor der Frage, ob man Stellen oder einzelne Noten irgendwie bearbeitet, oder doch lieber ein anderes Stück wählt.

Weiss, Allemande B-Dur

Der Anfang einer Allemande in B-Dur von S.L. Weiss aus dem Londoner Manuskript. Das Stück liegt sehr tief, und alle blauen Basstöne in der Übertragung unten müssten auf einer 11-Chörigen eine Oktave höher gespielt werden, was dem Charakter des Stückes nicht gerecht würde.

Weiss, Allemande B-Dur, Übertragung

Aus der folgenden Courante habe ich mir eine Stelle herausgefischt, die eine sehr hohe Passage mit einem tiefen Basston enthält, Übertragung der Stelle darunter. Die umkreiste "5" bedeutet den leeren 12. Chor - was, wenn man nur eine 11-chörige Laute hat?

Wenn man den Ton oktavieren möchte, hat man ein Problem: es gibt ihn im 1. Bund des sechsten, im 3. Bund des siebten, im 5. Bund des achten, und im 7. Bund des 9. Chores - kann man dann die hohen Noten in der 7. Lage noch greifen? Im 8. Bund des fünften Chores findet sich die doppelte Oktave des tiefen B, und tatsächlich springt Weiss selbst bei Bedarf mit dem Bass schon mal zwei Oktaven nach oben, wenn es anders nicht geht.
Man muss immer abwägen, ob es sich lohnt, eine Suite auf einem 11-chörigen Instrument zu üben, die häufig mehrere solche Stellen enthält.

Weiss, Courante B-Dur
Weiss, Courante B-Dur, Übertragung

Aus der zur gleichen Suite gehörenden Gigue stammt der folgende Ausschnitt. Die Übertragung beginnt mit dem Takt, der das blau umkreiste "d" auf der 3. Linie enthält, kurz vor dem unvermeidlichen Einsatz des Themas im Bass. Die eingekreisten "b" unter zwei Strichen bedeuten, dass der 1. Bund des 9. Chores zu greifen ist. Weiss hätte gerne ein tiefes E, der Chor ist aber auf Es gestimmt. Das geht auf einer Laute mit Bassreiter, aber auf einer Barocktheorbe ist der 9. Chor der erste mit langen Saiten. Auf so einem Instrument lässt sich das Stück also nicht spielen.

Weiss, Gigue B-Dur
Weiss, Gigue B-Dur, Übertragung

Die drei Beispiele mögen dem Leser "sehr gesucht" erscheinen - sie sind völlig gängige Münze. Lautenmusik wurde in aller Regel von Lautenisten komponiert, und die haben immer für das Instrument geschrieben, das sie gerade spielten. Trotzdem noch eine Gegenüberstellung der "Pro und Kontra - Argumente":

Für eine 11-chörige Laute spricht

ihre Handlichkeit und ihr intimerer Chrakter. Die tiefen Bässe, die die späten deutschen Komponisten schreiben, geben der Musik eine deutlich andere Klanglichkeit. Die Eleganz der Gaultiers, Moutons oder Bittners haben diese Werke nicht.
Gegen die 11-Chörige spricht einfach, dass Stücke, die 12 oder 13 Chöre brauchen nicht gehen. Man kann allerdings versuchen, die fehlenden tiefen Töne zu oktavieren und sich in Bescheidenheit üben, was sicher viele Besitzer eines solchen Instrumentes in irgendwelchen mittleren Städten des internetfreien Europa damals auch getan haben.

Für eine 13-chörige Laute spricht,

dass man darauf die späten und zur Not die frühen Werke spielen kann, wobei eben auch eine Form von Bescheidenheit sein kann, sich einzugestehen, dass Denis und Ennemond Gaultier auf dem großen Instrument zwar spielbar sind, aber eben nicht so toll klingen.

Für eine 13-chörige Barocktheorbe spräche

eine entsprechende Affinität zu den späten Werken etwa Hagens und Falkenhagens. Das ist eine ganz eigene Klangwelt, in der die Frühklassik mit Empfindsamkeit, Sturm und Drang und... das Ende der Laute zu hören sind.

Bei den spät gebauten 13-chörigen Instrumenten (man sollte immer daran denken, dass die Lautenisten gut klingende Instrumente, derer sie habhaft werden konnten, skrupellos umbauen ließen) kommt noch ein weiterer Aspekt hinzu: Die Muscheln der späten Lauten sind oft deutlich tiefer als die früherer Modelle.
Sehr tiefe Muscheln sind weniger bequem, zumal nicht alle Menschen nach der Hälfte des Lebens noch so schlank sind wie mit Dreißig. Generell gilt: Lauten sind von der Haltung her nicht unbedingt einfacher als Gitarren.

Kostbar oder einfach

Bevor man also entschlussfreudig einen Lautenbauer kontaktiert und nach einer Widhalm - Barocktheorbe verlangt, sollte man darauf gefasst sein, dass man mit der Zeit mehr und mehr Gefühl für die Musik und die Kultur einer Epoche gewinnt, während man sich damit beschäftigt.

Die heutige, recht rationale Sichtweise des "Klar, wenn eine Laute 10 Saitenchöre hat, kann man doch wohl Musik für 6 Chöre darauf spielen!" relativiert sich. Abgesehen von spieltechnischen Problemen bekommt man ein Gefühl für die Instrumente, für die spezifische Ästhetik einer Zeitspanne, und irgendwann fühlt man sich einfach unwohl, wenn man auf einem "unpassenden" Instrument spielt. Der erste Schritt "Ich probiere mal, diese Sachen nicht mehr auf der Gitarre, sondern auf einer Laute zu spielen." kann der Beginn einer längeren Reise sein.
Dabei sollte man den ersten Schritt mit einer Billiglaute aus dem Internet besser gleich überspringen!

Analog zur Beschränkung auf bestimmte Ausschnitte der Lautenliteratur und bestimmte Instrumente gibt es auf der ästhetischen Ebene auch die Diskussion über "einfache oder luxuriöse Version".

Viele Instrumente, die heute "unterwegs sind", sind vergleichsweise opulent ausgestattet. Neben den "Basics" wie Randspan und Griffbrettspitzen gehören erlesene Hölzer und Intarsien in Hals und Griffbrett fast selbstverständlich dazu. Die "Alltagslauten" der Vergangenheit wird weder das eine noch das andere geziert haben. Das ist natürlich nicht so einfach zu belegen, denn von sehr einfachen Instrumenten sind nicht so viele überliefert. Die Elfenbein- und Schlangenholzmuscheln der Fürstenhäuser wurden vererbt und aufbewahrt.

11-Chörige nach Frei, Renatus Lechner

Lauten werden auf Bestellung gebaut, und bei den Vorgesprächen mit einem Lautenbauer gibt es immer wieder Fragen wie "Muschel aus Ahorn, Zypresse oder zweifarbiger Eibe? Bekommt man überhaupt noch zweifarbige Eibe? Was zahlt man dafür? Möchte ich auf dem Griffbrett florale Intarsien aus kontrastierendem Material haben? Und wenn man das Griffbrett nicht aus makellosem Ebenholz nimmt?"

Wenn man einmal auf einer einfach gemachten Laute gespielt hat, die vom Äußeren ohne Schnickschnack auskommt, dabei aber großartig klingt, erlebt man die Ästhetik von Lauten noch von einer anderen Seite: es kommt nicht auf Materialkosten und Design unserer Zeit an, sondern auf den Klang und eine Herstellung, die sich von der der Originale nicht allzu weit entfernt hat.
Schönheit kann auch auf Einfachheit beruhen, wenn das Ganze stimmig ist.