Gitarre und Musiklehre, U. Meyer

Akkorde: Vorbemerkungen

Das Thema Akkorde / Dreiklänge umfasst die meisten Seiten im Bereich Musiklehre. Einige Abschnitte sind wahrscheinlich schwierig zu verstehen, wenn man sich mit Tonleitern und Intervallen noch nicht sicher auskennt. An den Akkorden zeigt sich ganz deutlich: entweder du weißt etwas, weil du es gelernt und eingeübt hast, oder du schwimmst... Besonders hart sind sicher die Abschnitte über das Aufbauen von Dreiklängen und Umkehrungen von Drei- und Vierklängen: sie sind auch in Musikklausuren immer wieder besonders beliebt.

Zwei Zugänge

Im Grunde gibt es zwei Wege, über Akkorde nachzudenken:

  1. Wie ist der Aufbau eines Akkordes, wie kann man ihn anhand von Intervallen analysieren?
  2. Wie entsteht ein Akkord aus den Tönen "seiner" Tonart und welche Rolle spielt er dort?

Bei der ersten Betrachtungsweise schaut man sich die Akkorde an sich an. Welche Akkorde gibt es, wie sieht ein Dur- oder Molldreiklang aus etc. Da sich die Töne eines Akkordes ja über ihre Abstände zueinander untersuchen lassen, sind hier die Intervalle der Schlüssel.

Die zweite Herangehensweise stellt das Verhältnis eines Drei- oder Vierklanges zu seinem tonartlichen Umfeld in den Mittelpunkt. Hier gibt es verschiedene Systeme für Beschreibung und Analyse: Stufentheorie, Funktionstheorie, Akkordsymbole oder Generalbassschrift sind Methoden, Akkorde zu analysieren oder einfach darzustellen, damit man Begleitungen improvisieren kann.

Nachdem man dann etwas Bescheid weiß über Akkorde und ihr harmonisches Umfeld, kann man darüber nachdenken, wie man mit Akkorden ein Stück begleitet, und wie Akkorde bei Modulationen eingesetzt werden.

Beide Wege beschreiten

Auf den folgenden Seiten möchte ich versuchen, beide Wege zu beschreiten: zunächst geht es ganz nüchtern um den Akkordaufbau aus technischer Sicht. Dabei gibt es jede Menge Nebenstrecken, die man teilweise überspringen kann. Man muss nicht über das Verhältnis des Durdreiklanges zur Obertonreihe Bescheid wissen, und wenn man für die Musikklausur morgen lernen will, man muss nicht wissen, was "Molldreiklang" auf englisch heißt (obwohl ich es für extrem hilfreich halte). Vorhalte als melodisches Geschehen innerhalb von Akkorden kann man auch erst mal auf Seite schieben.
Diese Nebensachen habe ich trotzdem einbezogen, weil ich eben glaube, dass die rein technische Beschreibung "So geht ein Durakkord - fertig!" einen vor der Tür lässt - so kommt man an den inhaltlichen Spaß nicht heran.

Ab der Seite "leitereigene Dreiklänge" geht es dann um die Betrachtung aus Sicht der Harmonielehre, die eben Fragen untersucht wie "Was haben dieser Dur- und dieser Mollakkord miteinander zu tun?". Es ist nicht immer einfach, hier einen geraden Weg zu finden, weil man auf Schritt und Tritt auf Abzweigungen stößt.

Beginnen wir ganz vorsichtig damit, dass wir untersuchen: was versteht man umgangssprachlich überhaupt unter einem Dreiklang?

Dreiklänge - Versuch einer Eingrenzung

Offenbar spricht man von einem Dreiklang, wenn 3 Töne gleichzeitig erklingen. Wenn die Töne nacheinander erklingen, aber zusammen gehören nennt man das auch einen Dreiklang, der zerlegt, gebrochen oder arpeggiert ist.

Dreiklänge 01

Irgendwelche Töne? Keineswegs! Man kann c, d und e gleichzeitig spielen, aber niemand denkt dabei an einen Dreiklang (hört man sie nacheinander, denkt jeder sofort "aha, da beginnt eine Tonleiter").

Normale Dreiklänge

C-Dur Dreiklang

Ein "normaler Dreiklang" hat eine Terzenstruktur. Es gibt einen Grundton, eine Terz und eine Quinte, oder auf deutsch den ersten, dritten und fünften Ton einer gedachten Tonleiter. Als Beispiel steht rechts ein C-Dur-Dreiklang.

Dreiklänge mit dieser Struktur sind nicht alle gleich, weil die Terz groß oder klein und die Quinten rein, vermindert oder übermäßig sein können. Es gibt Durdreiklänge, Molldreiklänge, verminderte und übermäßige Dreiklänge. Sie entstehen leitereigen in gängigen Tonleitern und werden in den folgenden Kapiteln untersucht.

Umkehrungen

C-Dur Umkehrungen

Dreiklänge können umgekehrt werden, was bedeutet, dass z.B. der tiefste Ton des vorigen Beispiels nach oben oktaviert wird. Die Grundstellung ist weg, die Terzenstruktur ist jetzt verschleiert. Wenn man herausfinden will, um was für einen Dreiklang es sich handelt, muss man ihn gedanklich wieder in die Grundstellung bringen. Eigentlich steht hier wieder der C-Dur-Dreiklang.

Vorhalte in Dreiklängen

C-Dur Quartvorhalt

Einem Dreiklang kann ein Ton vorenthalten werden. Die Terzenstruktur ist gestört, aber das geschulte Ohr hört schon, dass sich einer der drei Töne so bewegen wird, dass wieder ein normaler Dreiklang am Ende steht. Das f wird sich zum e auflösen, der Quartvorhalt in einen Durdreiklang münden, und zwar in den C-Dur-Dreiklang.

Quartklang

Natürlich gibt es auch völlig andere Dreiklänge, es gibt ja nicht nur alte Musik, sondern auch solche, die sich um unsere Hörgewohnheiten wenig schert. Ein Beispiel von vielen sei nebenstehender Quartklang. Kein C-Dur-Dreiklang!

Der Versuch einer Definition oder Beschreibung ist natürlich sauber daneben gegangen. Es ist schwierig, Definitionen zu geben, die alle Fragen schon beantwortet haben, bevor sie einer stellen kann. Die Musik ist eine Kunst, die ihrem Wesen nach immer wieder Grenzen berührt und überschreitet, das heißt, man muss immer darauf gefasst sein, dass Erklärungen nicht ausreichen, Vorbedingungen als bekannt vorausgesetzt werden (aber gerade mal nicht bekannt sind), Folgerungen nur angedeutet werden und man entsprechend weiter forschen und lernen ...darf!

Es gibt konsonante Dreiklänge, die entspannt in sich ruhen, und dissonante Akkorde, nach denen sich der Hörer eine Auflösung wünscht. Sie gruppieren sich zu Kadenzen, oder sind die Schaltstelle in einer Modulation.
Diese Thematik, das geheime Leben der Dreiklänge jenseits ihres eigenen Aufbaus ist ein Bereich, der immer wieder nur angerissen werden kann. Man kann mit der Erläuterung der C-Dur-Tonleiter ja auch nicht wirklich die erste Symphonie von Beethoven erklären...

Struktur der Dreiklänge

Akkordtypen

Nehmen wir uns die im vorigen Abschnitt erwähnten Akkordtypen Dur, Moll, übermäßig und vermindert vor, und beschreiben wir ihren Aufbau.

Durdreiklang

Ein Durdreiklang besteht aus einem Grundton, einer großen Terz, und einer reinen Quinte.

Der Durdreiklang existiert als physikalische Realität in der Obertonreihe. An Position 4, 5 und 6 der Partialtonreihe tauchen seine Töne auf.

Musik ist ja Kunst, und Kunst ist immer irgendwie etwas von Menschen gemachtes, bisweilen sogar "künstliches". Viele musikalische Phänomene sind von merkwürdigen Systemen abgeleitet. Der Durdreiklang aber ist in jedem Ton quasi enthalten, denn wenn man Töne hört, hört man fast immer (bei elektronische erzeugten Sinusschwingungen natürlich nicht) den Grundton und seine Obertöne. Durch sie entstehen erst Klangfarben, durch sie ist menschliche Sprache mit den Klängen ihrer Vokale und Konsonanten überhaupt möglich. Man kann die Obertöne mit Klavier oder Gitarre zeigen.

Obertonreihe

Der Durdreiklang (lila gefärbt) ist in der Obertonreihe enthalten.

Molldreiklang

Der Molldreiklang kommt nicht in der Obertonreihe vor, der verminderte Dreiklang findet sich an Position 5, 6 und 7, wobei die "Naturseptime" über einem Grundton deutlich tiefer klingt als die, die wir im Alltag in der gleichschwebend temperierten Stimmung nutzen. Den übermäßigen Dreiklang gibt es wie den Molldreiklang nicht in der Obertonreihe.

Trotzdem ist es sinnvoll, diese drei anderen Grundformen als Grundton, Terz und Quinte zu beschreiben:

Der Molldreiklang besteht aus Gundton, einer kleinen Terz, und einer reinen Quinte.

Verminderter Dreiklang

Der verminderte Dreiklang besteht aus einem Grundton, einer kleinen Terz und einer verminderten Quinte.

Die reine Quinte als prominenter Oberton läßt uns den Grundton eines Klanges überhaupt als solchen empfinden. Da der verminderte Dreiklang keine reine Quinte besitzt, wird der tiefste Ton nicht wirklich als Grundton gehört. Das tonal geschulte Gehör denkt sich unter der Terz des Klanges eine reine Quinte und damit einen (nicht vorhandenen) Grundton. Man empfindet den verminderten Dreiklang gerne als "Durakkord mit kleiner Septime ohne Grundton", auch als Dominantseptakkord ohne Grundton oder verkürzter Dominantseptakkord bekannt.
Mehr zum verminderten Dreiklang findet sich auf den Seiten zu leitereigenen Dreiklängen.

Übermäßiger Dreiklang

Der übermäßige Dreiklang besteht aus Grundton, großer Terz und übermäßiger Quinte.

Er ist noch komischer als der verminderte Dreiklang. Die übermäßige Quinte hat stark nach oben strebende Tendenz, der Akkord möchte also weiterführen, oder er wird umgehört und führt in einer Modulation woanders hin.

Sprachliche Entwicklungshilfe

Die deutsche Sprache ist in Sachen Musik bisweilen erstaunlich unpräzise oder jedenfalls wenig hilfreich. Unsere Begriffe Dur und Moll, die ja die beiden Tongeschlechter bei Akkorden und Tonleitern bezeichnen, kommen aus dem Lateinischen. Eigentlich gehen sie auf die mittelalterliche Hexachordlehre zurück, die auch für die Bezeichnungen des deutschen h und seiner Erniedrigung, des b verantwortlich ist.
Dur und Moll bedeuten übersetzt hart bzw. weich. Diese beiden Adjektive für die Tongeschlechter haben beschreibenden Charakter, genau benennen tun sie die Sache nicht. Das entscheidende Adjektiv, das die Terzen charakterisiert ist groß bzw. klein. Das sind deutsche Worte, die im Wort für die Dreiklänge mit der großen bzw. kleinen Terz nicht enthalten sind. Pech!

Da haben es unsere europäischen Nachbarn leichter: Die englischen Bezeichnungen für Dur und Moll haben quasi erklärenden Charakter: eine große Terz heißt major third, ein Durdreiklang major triad oder major chord, und eine Durtonleiter major scale. Kleine Terz heißt minor third, Mollakkord minor chord und Molltonleiter minor scale. Die Worte major und minor kommen ebenfalls aus dem Lateinischen und bedeuten größer bzw. kleiner und beziehen sich auf die Terz des Dreiklanges.

Das Adjektiv, das Tonleiter, Dreiklang und Terz in Dur und Moll unterscheidet, beschreibt vom Wortsinn her im Englischen, Französischen und Italienischen die entscheidende Eigenschaft: groß oder klein. Damit ist vieles gesagt, während "hart" und "weich" hübsch, aber ungenau sind.

Ich empfehle also ausdrücklich, sich die englische, oder die französische oder italienische Bezeichnung einzuprägen. Wenn man sich merken kann, was "major" und "minor" bedeuten, braucht man sich nie mehr zu fragen "Wie geht noch mal Dur?"...

Deutsch Englisch Französisch Italienisch
Durdreiklang
lat. durus: hart
major triad, major chord
lat. maior: größer
accord majeur accordo maggiore
Durtonleiter major scale gamme majeure scala maggiore
große Terz major third tierce majeure terza maggiore
Molldreiklang
lat. mollis: weich
minor triad, minor chord
lat. minor: kleiner
accord mineure accordo minore
Molltonleiter minor scale gamme mineure scala minore
kleine Terz minor third tierce mineure terza minore