Gitarre und Musiklehre, U. Meyer

Akzidentien / Versetzungszeichen / Vorzeichen

"Akzidentien" ist der Sammelbegriff für ♯, Doppelkreuz, ♭, Doppel-♭ oder Auflösungszeichen ♮, egal ob hinter dem Notenschlüssel als "Vorzeichen" oder direkt vor einem Ton mitten in einem Takt als "Versetzungszeichen".
Der Fachbegriff für das Erhöhen oder Erniedrigen von Tönen ist "alterieren".
Ein Abschnitt über die alterierten Töne auf dem Griffbrett der Gitarre findet sich hier.

Man kann jeden Stammton mit einem Kreuz um einen Halbtonschritt erhöhen, oder mit einem um einen Halbtonschritt erniedrigen. Am Ende der folgenden Grafik sieht man Beispiele für Doppelkreuz und Doppel-♭.

Zu den Namen: "eis" und "ais" werden zweisilbig ausgesprochen. Bei den s gibt es drei Ausnahmen. Eigentlich wird an den Tonnamen die Silbe "-es" angehängt; bei "e" und "a" hängt man einfach den Buchstaben "s" an. Und das erniedrigte "h" heißt "b", während das doppelt erniedrigte "h" "heses" heißt. Der Grund dafür liegt in grauer Vorzeit: die beiden Töne wurden mit "b quadratum" und "b rotundum" ("quadratisches b" für das h mit Auflösungszeichen und "rundes b") bezeichnet, und von letzterem ist die Kurzform wohl übrig geblieben.

Kreuze und bs

Vorzeichen werden hinter dem Notenschlüssel notiert und gelten für das ganze Stück oder bis sie aufgehoben oder durch andere ersetzt werden.

Geltung der Versetzungszeichen

Versetzungszeichen gelten normalerweise bis zum Taktstrich, allerdings gibt es auch hier Ausnahmen (zeitgenössische Musik). Die Notenzeile unten zeigt einige Beispiele für ihre Verwendung und die des Auflösungszeichens:

Gebrauch des Auflösungszeichens

1): Da vier Kreuze, fis, cis, gis und dis vorgezeichnet sind, muss ein Auflösungszeichen vor das dis, um ein d zu erhalten.
2): Das Auflösungszeichen gilt wie die anderen Versetzungszeichen nur bis zum Taktstrich. Eigentlich heißt die Note bei 2) also wieder dis; dass ich trotzdem ein Kreuz vor das dis gesetzt habe ist ein freundlicher Hinweis zur Erinnerung. Man nennt das " "Warnakzidens".
3): Für das eis muss ich natürlich ein Kreuz setzen.
4): Da das Kreuz bis zum Taktstrich gilt, ist diese Note ebenfalls ein eis.
5): Wieder die freundliche Erinnerung: wir hatten einen Taktstrich, hier gilt wieder e...
6): Ganz normales Auflösungszeichen für ein d.
7): Ebenfalls ein völlig normales Versetzungszeichen. Da es sich um einen Leitton zum cis handelt, setze ich natürlich ein his, keinesfalls ein c!
Die Melodie hat sich am Ende nach Cis-Moll bewegt. Dem entspräche in A-Moll (keine Vorzeichen) der Schluss "gis - a". Niemand käme da auf die Idee "as - a" zu schreiben. Beim "his" fragen alle sofort "Warum kann man da nicht "c" schreiben?"...
Das "his" ist nunmal die Terz der Dominante zu Cis-Moll, Gis-Dur, so wie "gis" die Terz des E-Dur-Akkordes ist, der Dominante zu A-Moll.

Akzidentien und Logik

Das Doppel-♭ und das Doppelkreuz bieten logisch denkenden Menschen immer wieder Anlass zu Fragen. Abgesehen davon, dass man besonders bei modernerer Musik nie sicher sein kann, ob ein Versetzungszeichen nur für eine Note, oder für eine Tonhöhe im Takt (also mehrere Noten gleicher Höhe) oder für alle Noten gleichen Namens im Takt gelten, und davon, dass Menschen Fehler machen - kann man sicher sein, dass sich Versetzungszeichen nicht addieren?

Versetzungszeichen addieren sich nicht!

Nehmen wir an, ich schreibe ein Stück in Des-Dur, das bekanntlich die "b, es, as, des, ges" als Vorzeichen hat, und brauche irgendwo ein heses. Das gibt es ja schon - muss ich dann vor die Note auf der h-Linie ein weiteres ♭-Zeichen setzen um zwei zu haben, oder doch zwei?

Im Beispiel unten habe ich versucht, verschiedene Möglichkeiten zu zeigen. Dabei wurde die Setzung der Akzidentien nicht von mir, sondern vom Notenschreibprogramm entschieden. Sie wird also richtig sein - sonst wäre das Programm wohl nicht mehr auf dem Markt...

Gebrauch des Doppel-b

Takt 1: Auf ein folgt ein heses, das zwei s bekommt. Das danach wird durch ein angekündigt - kein Auflösungszeichen, und auch nicht Auflösungszeichen plus .
Takt 2: Auf heses und folgt hier noch ein h, das nur ein Auflösungszeichen bekommt.
Takt 3: Hier kommt nach dem heses direkt ein h, für das wieder ein Auflösungszeichen ausreicht, und dann ist die Reihenfolge umgedreht: auf h folgt und dann heses, aber auch hier addiert sich nichts.

In gewisser Weise sind diese Schreibkonventionen für logisch denkende Menschen vielleicht problematisch: warum steht nach dem heses vor dem nicht ein Auflösungszeichen plus ? Und müssten vor einem h nach heses nicht zwei Auflösungszeichen stehen?

Einfache Regeln für schnelle Entscheidungen

Die Antwort auf diese Fragen ist damit fast schon gegeben: man müsste bei jeder Stelle quasi erstmal nachprüfen "Was war vorher, was ist vorgezeichnet?". Das wäre aber für den ausführenden Musiker wenig wünschenswert. Er ist in einer schwierigen Situation - und damit meine ich nicht den Gitarristen, der zu Hause ein Stück Phrase für Phrase auswendig lernt, sondern eher den Orchestermusiker bei Probe oder Aufführung: er muss jede Note sofort beurteilen können, und zwar nach möglichst einfachen Regeln, die keine Abwägung mehrerer Faktoren nötig machen:

  • 5 s sind vorgezeichnet - Tonart ist Des-Dur! Damit sind viele Entscheidungen mitgefällt: man denkt in bestimmten Kategorien, weiß um harmonische Wendungen etc.
  • 1 vor einer Note, die eigentlich schon ein hat: das muss ein Warnakzidens sein, kurz vorher war die Note wahrscheinlich verändert.
  • ♭♭ vor einer Note: das ist dann eine doppelt erniedrigte Note wie heses oder eses.
  • Auflösungszeichen nach einem oder ♭♭, auch nach einfachen Vorzeichen vorne: das ist der Stammton.
  • Möglichst keine Mehrdeutigkeiten zulassen. Logik ist egal, sofortige Entscheidungen müssen möglich sein.

In Lead-sheets für Jazzstücke steht bisweilen (RealBook) nur vor der ersten Zeile die Vorzeichnung für die Tonart. Wenn plötzlich komische Töne kommen (in Jazzarrangements werden gerne mal bequeme enharmonische Verwechslungen geschrieben) fragt man sich beim Spielen schon mal "Äh, hatten wir drei oder fünf s?", schaut schnell zur ersten Zeile, findet seine Stelle nicht wieder, übersieht ein Segno-Zeichen, ach... Noten sollten für die Praxis gemacht und lesbar sein!

Gebrauch des Doppelkreuzes

Das obige Notenbeispiel mit Doppelkreuzen erklärt die Sache vielleicht noch anders: ein Doppelkreuz ist EIN Zeichen, nicht die Summe zweier Kreuze, und das gleiche gilt für das Doppel - . Man setzt ein Kreuz oder ein Doppelkreuz, aber man addiert oder subtrahiert nicht.

Braucht man das Auflösungszeichen?

Aus ähnlichen Gründen kann man folgern, dass man bestimmte Dinge NUR mit einem Auflösungszeichen schreiben kann:

Gebrauch des Auflösungszeichens

Takt 1: Wenn ich in G-Dur nach einem fis ein f haben möchte, muss ich ein Auflösungszeichen setzen.
Takt 2: Hier habe ich probiert, das fis durch ein um einen Halbton zu erniedrigen, aber das klappt nicht: das Programm schreibt ein fes, was zwei Halbtöne tiefer als fis ist. Es wird nicht subtrahiert! Und das fes hat dann auch dieselbe Tonhöhe wie das nachfolgende e.
Takt 3: Auch hier bewirkt das Auflösungszeichen keine "Subtraktion" um einen Halbton: nach dem fisis erhalte ich ein einfaches f.

Links zu weiteren Textstellen

Die Versetzungszeichen sind kompliziert, gehören aber in dem Sinne zu den Grundlagen, als sie das Notensystem logisch erweitern. Deshalb folgen hier einige Links zu Stellen, an denen ich versuche, ihre Herkunft und Zusammenhänge zu erläutern. Weshalb es Kreuze gibt, lässt sich gut bei der Entwicklung der Tonleiter erklären. Das Thema ist für einen kurzen Abschnitt hier einfach zu umfangreich.

  • Warum kam das erste Kreuz auf die Welt und welche Funktion hat es?
  • Warum braucht man unbedingt ein Zeichen zum Erniedrigen von Noten und kommt nicht mit einem Erhöhungszeichen aus?
  • Warum benötigt man unbedingt die Note "eis", wo doch das "f" offenkundig im gleichen Bund, auf der gleichen Taste etc. herstellbar ist, und warum ist es nicht nur schade, sondern verwirrend und unlogisch, wenn ein Komponist oder Bearbeiter an einer Stelle ein "g" setzt, wo ein "fisis" nötig wäre?
  • Warum kann in einem Dreiklang ein Ton mit Doppel-♭ oder Doppelkreuz nicht durch einen "normalen Ton" ersetzt werden?
  • Warum erleichtert es das Notenlesen, wenn man die richtigen Versetzungszeichen statt scheinbar "einfacherer" Töne setzt?
  • Warum verwirren enharmonische Verwechslungen?

Die Antworten auf diese Fragen sind jemandem völlig klar, der unser Notensystem grundsätzlich verstanden hat, während dem Unkundigen natürlich erst mal komisch vorkommt, dass die leere h-Saite der Gitarre auch ces-Saite heißen könnte. Man braucht das doch nicht wirklich, oder? Sagen wir mal so: Alles an Spitzfindigkeiten braucht man natürlich nicht im Alltag, aber soll man etwas für Unsinn erklären, nur weil es selten bis nie vorkommt, wenn es total sinnvoll und normal wäre, wenn es vorkäme?

Übung: Akzidentien

Eine kleine Übung zu den Versetzungszeichen: Schreibe die folgenden Noten in den angegebenen Tonarten mit Akzidentien, diesmal ohne "Warnakzidentien" zu setzen (In der Lösung sind die möglichen Warnakzidentien grün formatiert.). Jede Note als Viertel, nach vier Vierteln kommt ein Taktstrich (|).

E-Dur: cis' - fis' - d' - ais' | a' - gis' - g' - dis' | As-Dur: es' - a' - as' - ges' | d' - e' - g' - heses' |

D-Dur: ais' - a' - as' - gis' | g' - c'' - cis' - cis'' | B-Dur: h' - h - b' - b | es' - e' - es'' - e'' ||

Lösung 30 Grundlagen

Mehr Übungen mit Versetzungszeichen beginnen hier...