Gitarre und Musiklehre, U. Meyer

Vorbemerkung

Das Wort "Intervall" bedeutet "Abstand". Vielleicht hast du schon mal den Begriff "Zeitintervall" gehört. In der Musik benutzt man dieses Wort, wenn man Abstände zwischen Tönen untersucht, und zwar von Tönen, die gleichzeitig oder nacheinander erklingen.

Wenn man sich vornimmt, die Intervalle zu erklären steht man vor einem Dilemma: einen Anfang finde ich wohl, aber dann würde ich am liebsten alles gleichzeitig erwähnen, weil man viele Dinge zum Gesamtverständnis braucht.

  • Die zwei Größen eines Intervalls,
  • welche Intervalle es überhaupt gibt,
  • dass es verschiedene Arten gibt, was wiederum die Größendiskussion beeinflusst, und
  • dass man sich mit den Komplementärintervallen das Leben leichter machen kann.

Ich werde mit einer Erklärung der zwei Rechnungen beginnen, die man bei Intervallen immer beide ausführen muss, und dann aber zunächst die Intervallnamen und damit die grundsätzliche Größe erklären und zum Üben einladen. Danach kommen die Feinheiten, die verschiedenen Arten, Tabellen, Umkehrungen, Fehlerquellen etc.

Du wirst teilweise hin- und herspringen müssen, und auf alle Fälle alles verstehen - oder gar nichts.

Abstände

Der Abstand zwischen 12.00h und 13.00h beträgt eine Stunde, der Abstand zwischen Start und Ziel beim 10km-Lauf 10 Kilometer. Das ist einfach.

Wenn man über den Abstand zwischen zwei Tönen nachdenkt, macht man etwas Komplizierteres: erstmal bekommt jedes Intervall einen Namen. Dazu zählt man den Abstand zwischen den Tonnamen ab. Von c nach e zählt man drei Töne, also ist das eine Terz.
Dann misst man die tatsächliche Distanz in Halbtonschritten um herauszufinden, was für eine Terz das ist. Dabei stößt man bald auf die Tatsache, dass ein und dieselbe "technische" Distanz in Halbtonschritten zwei verschiedene Intervallnamen haben kann:

Drei Halbtonschritte über c liegt der Ton es, und man nennt das Intervall c-es eine kleine Terz, die zum Beispiel im C-Moll-Akkord vorkommt. Anderthalb Tonschritte über c liegt aber auch der Ton dis, und man nennt das dann eine übermäßige Sekunde, die in einem H7♭9 vorkommen kann.

Es und dis sind nicht dasselbe, C-Moll und H7♭9 klingen total verschieden, und deshalb ist es gut, dass es zwei verschiedene Namen für das Phänomen "3 Halbtonschritte" gibt!

Um dies zu verstehen, brauchst du mehr Zusatzinformationen als für die Distanz von 12.00h bis 13.00h: Was bedeuten die Worte Tonschritt, Terz, Sekunde, klein, übermäßig...?

Begriffsfelder

Folgende Begriffsfelder betreffen die Intervalllehre:

  1. die Namen (Prime, Sekunde, Terz... ), die die grundsätzliche Größe benennen
  2. die genaue Größe in Halbtonschritten (sagt aus, ob die Terz vermindert, klein, groß oder übermäßig ist)
  3. die Intervallarten - es gibt Intervalle, die in der Form "rein" und solche, die "groß/klein" auftreten
  4. Komplementärintervalle oder Umkehrungen (sind logisch und hilfreich)
  5. die Klassizifizierung als konsonant und dissonant - gut zusammen klingend oder schlecht zusammen klingend hat sich im Laufe der Jahrhunderte stark gewandelt

Punkt 1 und 2 sind die, die für Verwirrung sorgen - Menschen können sich zu verrechnen, besonders, wenn die Logik nicht so extrem logisch ist, man eine Rechnung vergessen oder Töne verwechseln kann!

Punkt 3 ist lernbar: da es Ganz- und Halbtonschritte gibt, muss es verschieden große Abstände zwischen jeweils zwei Tönen geben. Und die Intervalle, die es dann doch zunächst nur in einer Form, nämlich "rein" gibt, kann man sich merken.

Die Punkte 4 und 5 sind leicht zu verstehen, bzw. bestehen aus musikgeschichtlichem Wissen.

Eine Name, mehrere Möglichkeiten

Grundsätzliche Größe und Name

Intervalle haben eine grundsätzliche Größe, die mit dem Namen ausgedrückt wird: Das Wort "Quinte" bedeutet: ein Abstand von 5 Tönen. Zum Beispiel

  • c - g: du zählst "c, d, e, f, g: fünf". Oder
  • ces - gis: du zählst "ces, d, e, f, gis: fünf". Oder auch
  • cis - ges: hier zählst du "cis, d, e, f, ges: wieder fünf."

Diese Quinten sind unterschiedlich groß, heißen aber trotzdem alle "Quinten". Eine sehr große Quinte kann so groß sein wie eine Sexte, aber wenn man beim Abzählen der Tonnamen als Ergebnis "5" bekommt, ist es eben eine Quinte, und keine Sexte.
Das ist das Wichtigste, was man erst mal akzeptieren und sich merken muss!

verschiedene Quinten
Beim Ermitteln eines Intervalls zählt man erst mal nur die Stammtöne.
Bei diesem Abzählen der Stammtöne für den Intervallnamen zählt man den Ausgangston mit!

Die Intervallnamen

Lernen wir also zunächst die Intervallnamen, um Sicherheit zu erlangen!

Die Intervallnamen sind sozusagen die Gattungsbezeichnungen, während die Größe in Halbtonschritten ein technischer Wert sind. Einige Intervalle sind vom technischen Wert her gleich groß, haben aber jedes ihren eigenen Namen und sind im emotionalen Ausdruck total unterschiedlich! Musik spielt sich in Beziehungen und Spannungsfeldern ab.
Dass man bei Musik von plötzlichen Wendungen, Umschwüngen oder emotionalen Eintrübungen total überrascht und eventuell begeistert wird, liegt genau daran, dass mehrdeutige Dinge, auch mehrdeutige Intervalle, mal so und mal so genutzt werden.

Die Namen sind von lateinischen Ordnungszahlen abgeleitet, und man macht so viel Aufhebens von ihnen und lernt sie sofort auswendig, weil man alles musikalische Geschehen außer Rhythmus als Intervall untersuchen kann (auch die Struktur der Akkorde). Wenn man die Intervalle nicht nur dem Namen nach, sondern auch vom Klang her kennt, bekommt man einen Zugang zum "inneren Ohr", zur Fähigkeit, sich Musik vorzustellen. Diese hat natürlich wieder einen direkten Bezug zur Praxis - nicht nur für Komponisten oder Chorsänger, die vom Blatt singen können sollten.

Intervallnamen
  1. Prime = Eins
  2. Sekunde = Zwei
  3. Terz = Drei
  4. Quarte = Vier
  5. Quinte = Fünf
  6. Sexte = Sechs
  7. Septime (Septe) = Sieben
  8. Oktave = Acht
  9. None = Neun
  10. Dezime = Zehn
  11. Undezime = Elf
  12. Duodezime = Zwölf (Oktavquinte)
  13. Tredezime = Dreizehn (Oktavsexte)

Übungen zu den Intervallnamen

Mein wichtigster Rat wäre jetzt, sofort diese Intervallnamen zu üben. So erkennst du schnell jedes Intervall, kann jedes korrekt benennen und vermeidest die Flüchtigkeitsfehler, die im Abschnitt "Fröhliche Fehler" beschrieben sind.

Dabei geht es erstmal wirklich nur um die richtigen Namen! Die Unterscheidungen "rein, groß, klein, übermäßig" heben wir uns für später auf!
Dass man auf die Frage nach einer übermäßigen Sexte unter es etwas überlegen muss ist wohl klar, aber es hilft, wenn man ahnt, dass die Lösung mit g zu tun hat! Um deine Geschwindigkeit bei den Übungen zu erhöhen, kannst du vielleicht noch den Abschnitt über die Umkehrungen der Intervalle durchlesen und vor allem die Stammtonreihe vorwärts und rückwärts aufsagen üben. Intervallnamen sicher zu wissen bedeutet nicht viel mehr, als die "Stammtonreihe mit Lücken" zu kennen!

Weitere Übungen zu den Intervallen mit allem Schnickschnack finden sich unten. Bevor du diese angehst, solltest du aber vielleicht die folgenden Abschnitte durcharbeiten.

Wenn du die Aufgaben zunächst im Kopf machst und "nur" die Notennamen nennst, übst du etwas abstrakter als im Notenbild. Es ist toll, wenn man sich mit einem Freund gegenseitig abfragen kann! Beim Üben auf Notenpapier wird dir irgendwann klar, dass z.B. eine Terz immer von einer Note auf einer Linie zu einer Note auf der nächsten Linie reicht, oder von Zwischenraum zu Zwischenraum. Ebenso prägen sich mit der Zeit die grafischen Abstände anderer Intervalle auf Notenlinien ein.

grafische Abstände

Terzen gehen immer von Linie zu Linie oder von Zwischenraum zu Zwischenraum, bei Quarten geht es von einer Linie zum übernächsten Zwischenraum oder umgekehrt, bei Quinten von Linie zur übernächsten Linie oder von einem Zwischenraum zum übernächsten Zwischenraum. Das kann man leicht visuell erfassen oder auch abzählen.

Aufgabe:

Nenne folgende Intervalle, bei denen nicht zwischen groß, klein oder rein unterschieden wird. Zeige mit der Maus auf die Frage, um die Antwort zu sehen. "Quarte ⇑ d" heißt: nenne die Quarte über d!

  • Quarte ⇑ d
  • Terz ⇓ f
  • Terz ⇑ a
  • Quarte ⇓ a
  • Sekunde ⇑ d
  • Quinte ⇓ e
  • Sekunde ⇓ c
  • Sexte ⇑ f
  • Quinte ⇓ d
  • Septime ⇑ h
  • Terz ⇓ a
  • Quarte ⇑ g
  • Oktave ⇑ g
  • None ⇓ f
  • Sexte ⇑ a
  • Quinte ⇓ h
  • Quarte ⇑ e
  • Septime ⇓ g
  • Sexte ⇓ e
  • Septime ⇑ f
  • Dezime ⇓ e
  • Quinte ⇑ h
  • Quarte ⇓ e
  • None ⇑ f
  • Sekunde ⇑ d
  • Oktave ⇓ a
  • Septime ⇑ g
  • Sexte ⇓ d
  • Terz ⇑ h
  • Quinte ⇓ g
  • Septime ⇓ h
  • Septime ⇑ e
  • Sexte ⇓ a
  • Quinte ⇑ d
  • Quarte ⇓ h
  • Terz ⇑ g
Übung:

Schreibe folgende Intervalle einfach, ohne zwischen groß, klein oder rein zu differenzieren, ohne Vorzeichen im Violinschlüssel in bequemer Lage, also ohne viele Hilfslinien. Jede Zeile der Aufgabe ist ein Takt.
Du kannst die gesuchten Töne natürlich zunächst auch ein paar mal nennen!

  1. Terz (3) über c; Quinte (5) unter f; Septime (7) über d; Quarte (4) unter h |
  2. Sexte über a; None unter h; Quarte über e; Quinte unter a |
  3. Sekunde unter f; Sexte über d; Septe unter f; Quarte über a |
  4. Quinte unter e; Terz über a; Septe unter d; Sexte über f |
  1. Quarte unter g; Sexte unter h; Dezime (10) unter f; Undezime (11) unter d |
  2. Duodezime (12) über h; Dezime unter a; Septe unter g; Sexte unter d |
  3. None unter d; Quinte unter h; Duodezime unter g; Undezime über h |
  4. Oktave über a; Septime unter f; Dezime über g; None unter d |
Lösung 01 Intervalle
Übung:

Benenne die Noten und die Intervalle (Intervallnamen ohne groß / klein / rein):

Intervalle benennen
Lösung 02 Intervalle
Übung:

Benenne diese Noten und die Intervalle im Bassschlüssel (Intervallnamen ohne groß / klein / rein):

Intervalle benennen Bassschlüssel
Lösung 03 Intervalle