Gitarre und Musiklehre, U. Meyer

Modulation mit der Variante

Mit Hilfe der Variante zu modulieren gilt eigentlich als ein bisschen einfach, obwohl dieses Mittel auch von großen Komponisten eingesetzt wird. Statt der bisherigen Tonika kommt plötzlich nach einer Dominante die Mollvariante, und schon ist man statt in C-Dur in C-Moll. Die direkte Nachbarschaft von Dur- und Mollvariante gilt wirklich nicht als große Kunst, obwohl - unerwartet kann das sehr wirksam sein!

Im Grunde genommen ist eine Modulation eine Art Betrug: Der Hörer wird durch eine Abfolge von Akkorden geführt, und plötzlich, durch unerwartete Umdeutung, Einfügen einer Sexte oder kleinen Septime, oder eben durch das Auftauchen eines Dur- statt eines Mollakkordes und umgekehrt, ist man ganz woanders, bekommt aber sofort vorgegaukelt, dass man sehr wohl zu Hause sei und es sich bequem machen solle. Probieren wir, den Betrug abzuwandeln!

Um die endlosen Möglichkeiten der Varianten anzudeuten greife ich im Folgenden auf je eines der vorigen Beispiele zurück und wandele sie ab:

Im Beispiel 2 weiter vorne geht es von C nach D-Dur über den G-Dur-Akkord mit sixte ajoutée. Probieren wir, diesen durch seine Mollvariante zu ersetzen. Über den G-Moll-Akkord kommt man flugs nach D-Moll, denn dort ist er die Subdominante:
Von C nach D, 2
Beispiel 25: Von C-Dur nach D-Moll, beginnend in der Oktavlage.
Von C-Dur nach D-Moll

Von Beispiel 8 ausgehend kann man einen viel weiteren Weg einschlagen: statt von C nach B-Dur geht es nach B-Moll.
Man muss im Vergleich zu Beispiel 8 natürlich die anderen Vorzeichen (5 statt 2 s) beachten - nach dem Dominantseptakkord kommt in der einen Fassung ein G-Moll-Akkord, also ein Trugschluss zur Tp der Zieltonart B-Dur, in der anderen Ges-Dur, der Trugschluss zur tG in B-Moll. Salmen / Schneider sprechen hier vom "Varianttrugschluss" oder "entlehntem Trugschluss".
Aber hoppla - ist das noch direkt und diatonisch moduliert? Eigentlich ja, denn es gibt keinen Zwischenschritt, der F-Dur-Akkord hat in beiden Tonarten eine Funktion, und es wird kein Ton chromatisch verändert.

Und - ist es eine Modulation mit Variante? Eigentlich nein, denn vor dem Vorzeichenwechsel bleiben alle Akkorde gleich, die Dominante nach dem Wechsel ist weiterhin ein F-Dur-Akkord, und Ges-Dur ist nicht die Variante von G-Moll, nur eben der "Varianttrugschluss". Abgeleitet von Beispiel 8:
Von C-Dur nach B-Dur
Beispiel 26 : Von C-Dur nach B-Moll, beginnend in der Oktavlage.
Von C-Dur nach B-Moll
Beispiel 16 wird nur geringfügig geändert, was allerdings statt zwei Quinten aufwärts deren fünf bewirkt: statt die Dominante von A-Moll als Mollakkord zu bringen belasse ich es bei E-Dur, hänge die sixte ajoutée an und dann eine Kadenz in H-Dur. Auch hier sehen die Noten des Beispiels 27 wieder fast so aus wie die der Nummer 16, die man per Mauszeigen erscheinen lassen kann, es sind eben nur 5 Kreuze zu lesen!
Allerdings könnte man sich hier die Frage stellen, "was Variante und was Original" ist, also ob der im reinem Moll leitereigene E-Moll-Dreiklang, oder der im harmonischen Moll leitereigene E-Dur-Akkord... Abgeleitet von Beispiel 16:
Von A-Moll nach H-Moll

Beispiel 27: Von A-Moll nach H-Dur, beginnend in der Oktavlage.
Von A-Moll nach H-Dur

Bei Beispiel 19 lande ich statt in G-Moll in G-Dur, wenn ich statt des Trugschlusses "D7 - Es-Dur", also zum Tonikagegenklang von G-Moll den "D7 - E-Moll" bringe. Damit habe ich die Tonikaparallele in G-Dur, und brauche nur noch zu kadenzieren.

Auch hier liegt wieder ein "entlehnter Trugschluss" vor, allerdings wird dadurch, dass ich die neuen Vorzeichen vor der "Umdeutungsstelle", also vor dem D-Dur-Akkord setze, der jeweils vorliegende Trugschluss als der eigentlich normale angenommen. Erst beim Vergleich, also der Abwandlung des Betruges, erscheint einer der Trugschlüsse als Variante. Abgeleitet von Beispiel 19:
Von A-Moll nach G-Moll
Von A-Moll nach G-Dur

Damit genug der Beispiele. Man kann alles Mögliche machen! Ich kann auch in A-Moll kurz G-Dur spielen, dominantisieren und einen Trugschluss nach As-Dur machen und in C-Moll kadenzieren - es ist alles eine Frage der Fantasie und des Willens.

Wobei Modulationen ja nur ein Mittel zum Zweck im Rahmen einer Form sind: der Hörer wird von A nach B transportiert und dann oft zurück, denn wenn es weiter nach C und D etc. geht, verliert man irgendwann die Spannung. Wenn ein Komponist das Formgefühl des Hörers überstrapaziert, läuft er Gefahr, ihn zu verlieren.

Beispiele als PDF für Klavier und Gitarre.

Modulation mit der Mollsubdominante

Modulation mit der Mollsubdominante

Die Mollsubdominante in einer Durtonart ist ein Akkord, der auch in Popsongs gerne mal gebracht wird, z.B. in "The voice within" von C. Aguilera oder "Wake me up when September ends" von Greenday (In beiden wird aber nicht mit der Mollsubdominante moduliert).

Da sie nicht wie die normale Subdominante nur eine, sondern vier Stellen im Quintenzirkel entfernt ist, eignet sie sich hervorragend, größere Strecken zu überbrücken. Die Grafik rechts verdeutlicht, dass die Mollsubdominante von C-Dur, der F-Moll-Dreiklang zum Bereich As-Dur / F-Moll mit 4 s gehört.

Die Tonikaparallele von C-Dur (oder die Tonika von A-Moll), der A-Moll-Dreiklang, ist in E-Dur die Mollsubdominante. In dieser Tonart hat man vier Kreuze.

Machen wir uns also zuerst auf von C-Dur nach E-Dur, danach von C-Dur nach As-Dur. Die Versionen in den anderen Lagen spare ich mir hier.

Beispiel 29: Von C-Dur nach E-Dur.
Von C-Dur nach E-Dur
Beispiel 30: Von C-Dur nach As-Dur.
Von C-Dur nach As-Dur

Im folgenden Notenbeispiel habe ich zunächst über den A-Moll-Akkord nach E-Dur moduliert, mich dort eine Weile aufgehalten und dann den selben Dreiklang für den Rückweg genutzt.

Beispiel 31: Von C-Dur nach E-Dur und zurück.
Von C-Dur nach E-Dur und zurück

Beispiele als PDF für Klavier und Gitarre.