Gitarre und Musiklehre, U. Meyer

Rhythmisch richtig notieren

Komponisten oder Bearbeiter eines Stückes haben die verantwortungsvolle Aufgabe, die Noten so zu setzen, dass die Ausführenden damit zurecht kommen. Besonders wichtig ist dabei eine vernünftige rhythmische Notierung. Die Betonungen, die sich vom Gefühl her ergeben oder von einem Liedtext her bestimmt werden, sollten sich organisch in den Takt einfügen.

Natürlich kann man hier nicht darlegen, wie allen Wechselfällen des Lebens zu begegnen wäre - um "lesbar" zu schreiben braucht man halt eine genaue Vorstellung und vor allem viel Erfahrung. Trotzdem möchte ich ein paar Beispiele anbringen, um für das Thema zu sensibilisieren.

Auftakte

Wenn ein auftaktiges Stück volltaktig beginnend notiert wurde, kann das mächtig irritieren, und ja: man merkt so etwas!

Lied mit Auftakt

Ein kleines Verkehrserziehungs-Kinderlied (Text geändert) haben wir immer auftaktig gesungen, sodass sich sinnvolle Betonungen (rot unterstrichen) ergaben.
Sehr überrascht war ich, als in einem Buch des Autors das Lied volltaktig stand (siehe Bild unten).

Lied ohne Auftakt

Wem dieses Beispiel zweifelhaft scheint, der ist vielleicht mit den unten stehenden Versionen von "Oh when the saints" zu überzeugen: Zunächst steht das Lied mit 3 Vierteln Auftakt da, wobei die betonten Silben auf die Taktschwerpunkte fallen, darunter habe ich es volltaktig notiert, und alles sieht doch deutlich komisch aus.

Saints

Wenn man ein Lied mit Akkorden begleitet, fängt man eigentlich erst mit der Eins des ersten Taktes an zu spielen. Den Auftakt singt man solo, und auch zwischen den Strophen darf die Gitarre mal abgedämpft werden oder ausklingen. Was man da "vom Gefühl her" macht, ist meist ein guter Hinweis zur Frage "Auftakt oder nicht?".

Stücke im Dreiertakt

dreiviertel oder sechsachtel

Stücke im Dreiertakt bieten viele Interpretationsmöglichkeiten; man könnte auch sagen: da macht man schnell mal etwas nicht ganz richtig. In einem ¾-Takt kann man die sechs enthaltenen Achtel in drei Gruppen zweier Achtelnoten, oder eben in 2 Gruppen dreier Achtel zusammenfassen. Ersteres ist ein wirklicher ¾-Takt, das andere ein 6/8-Takt, und von der Spannung zwischen diesen Polen leben viele dieser Stücke.

Mein Beispiel ist ein südamerikanisches Folklorestück. Als Taktvorzeichnung steht 6/8 da, und wenn man es konsequent mit einer Begleitung aus punktierten Vierteln (den Schwerpunkten des 6/8-Taktes) unterlegt, klingt das so: anhören.

Gato 1

Eigentlich bin ich aber der Ansicht, dass man bei dieser Passage viel besser fährt, wenn man einen Wechsel zwischen 6/8 und 3/4 Takt annimmt. Da ich die furchtbare Angewohnheit habe, mir absurde Texte zur Verdeutlichung auszudenken, steht unter der ersten Zeile etwas aus einer Unterrichtsstunde letzte Woche... mit Begleitung mit Taktwechsel anhören:

Gato 2

Die dritten Takte beider Zeilen sind so viel deutlicher als Gegenrhythmus zu erleben - nicht unbedingt einfacher, aber dafür mit mehr Spannung!

Aber vielleicht ist meine Idee auch falsch - machen wir die Gegenprobe und drehen die Taktangaben um:

Gato 3

Diesmal habe ich wieder ein paar Betonungsstrichlein unter den Text gesetzt, und hier kann man das Beispiel mit Trommelbegleitung anhören.

Natürlich finde ich diese Version noch falscher als die erste - die zweite würde ich für die "richtigste" halten. Aber wer hat schon die Wahrheit gepachtet?

Ein komplexeres Beispiel ist die erste Hälfte einer Courante von de Visée, die an anderer Stelle ganz zu sehen ist. Das Stück hat als Taktvorzeichnung 3/2-Takt (in der handgeschriebenen Tabulatur steht tatsächlich 2/3-Takt, was ich für einen Schreibfehler halte), wechselt aber zwischen 3/2 und 6/4 hin und her. Dadurch ergeben sich sozusagen Hemiolen innerhalb des Taktes. Meine Zähl-Interpretation steht in blauen Ziffern unter den Noten; hier kann man das Stück mit inegal gespielten Achteln mit einer Trommel zur Verdeutlichung anhören:

Courante

Im Abschnitt über die Hemiole kann man praktisch das Gegenstück zu dieser unterschiedlichen Binnenaufteilung der Achtelgruppen anschauen.

Jedenfalls kann man mit der Taktvorzeichnung Interpretationen suggerieren oder erschweren! Das wird auch bei der Notation von Popmusik deutlich:

Überbindungen / Ligaturen

In Jazz und Popmusik ist das Gegeneinander von Grundschlag und konkretem Rhythmus besonders wichtig. Während "Klassiker" eher zählen, orientieren sich "Popularmusiker" lieber am Beat; sie platzieren die Noten auf, vor oder hinter dem Schlag. Demenstprechend ist es in solcher Musik besonders wichtig, die Taktschwerpunkte nicht durch falsche Balken oder lange Notenwerte zu verschleiern.

Wegen des Copyright gibt es hier natürlich keine Auszüge aus bekannten Stücken, sondern nur "So-ähnlich-wie-Beispiele". Mein erstes Exempel ist so ähnlich wie der Anfang eines bekannten Bossa Nova:

Bossa Nova

Die obere Zeile enthält zwei böse Stellen: im ersten Takt ist der Balken zwischen den Achteln h und a natürlich schlecht, weil er die dritte Zählzeit verunklart. Im 2. Takt beginnt die Viertel b auf "2 und" und reicht bis zur "3". Dieser Rhythmus steht übrigens so im Real Book - gut zu lesen finde ich das nicht!
Deshalb habe ich im unteren Notensystem den ersten Takt geschrieben wie im New Real Book (jetzt sieht man die "3"!), und den zweiten so, wie ich es besser finde (auch da sieht man die dritte Zählzeit viel besser).

Man könnte natürlich auch die Viertel c und g im ersten, g und a im zweiten und das a im dritten Takt als überbundene Achtel schreiben (siehe Bild unten), aber so wie in der zweiten Zeile der oberen Grafik werden die Taktmitte und der Synkopencharakter verdeutlicht. Es klingt natürlich immer gleich, der Unterschied besteht nur in der "Benutzerfreundlichkeit". Anhören:

Bossa Nova 2

Das nächste Beispiel ist nach dem Anfang einer Milonga für zwei Gitarren konstruiert, wobei ich außer beim Rhythmus noch bei den Akkorden "Fehler" eingebaut habe.

Wenn man die ersten beiden Takte anschaut, könnte man die Frage stellen "Passiert so etwas, wenn 'Klassiker' Stücke schreiben, die eben nicht 'klassische Musik' im eigentlichen Sinne sind, sondern zum Beispiel auf lateinamerikanischer Folklore basieren?"
Ich hoffe, ich muss nicht langatmig erklären, dass und warum die "korrigierte Fassung" nach dem Doppelstrich besser zu lesen ist! Man könnte sich noch darüber unterhalten, ob der jeweils zweite Akkord eher als Achtel nach einer Punktierung (die dann verlängert wird) gehört wird, oder ob man die Akkorde zwei und drei jedes Taktes als "vorgezogene 3 und 4" erlebt. Anhören:

Milonga

Für unbefangene Betrachter sehen vielleicht die beiden vorderen Takte übersichtlicher aus - schließlich sind es deutlich weniger Noten, und diese ganzen komischen Bindebögen sind auch nicht da. Aber wehe, man soll so etwas vom Blatt spielen! Die Ziffern "1 - 2 - 3 - 4" stehen ja nicht unter den Noten! Für erfolgreiches vom-Blatt-spielen ist aber absolut wichtig, dass der Spieler die "Taktstruktur hinter den Rhythmen" spontan sieht!

Ein letztes Beispiel: der (so ähnlich wie...) Anfang eines Songs über das Woodstock - Festival. In der oberen Zeile beginnt in allen drei Takten auf "2 und" eine punktierte Viertel, die natürlich besser wie in der unteren Zeile als Achtel mit angebundener Viertel zu schreiben ist. Die Schreibweise ändert nichts daran, dass auf dem 3. Schlag kein Ton beginnt, aber unten kann man die dritte Zählzeit sehen. Anhören:

Woodstock

Wahl der Taktart

Beethoven

Wann setzt man ein Stück im 4/4-Takt, wann im 4/8-Takt? Welches Kriterium hilft bei der Entscheidung zwischen 3/2, 3/4 oder 3/8?

Keine Ahnung! Bauchgefühl?
Wenn man das Gefühl hat, ein Stück ist stressig und sollte auch so aussehen, dann wird das vielleicht durch einen 4/8-Takt mit vielen schwarzen Balken besser vermittelt als durch 4/4-Takt, der mit seinen Halben und den punktierten Vierteln doch immer recht luftig aussieht... Ein 3/8-Takt sieht per se hektischer aus, als ein 3/4-Takt, und bei einem 3/2-Takt denkt man sofort an Barock- oder gar Renaissancemusik und langsame Sarabanden oder Couranten.

Was man ruhig wissen darf: das "C" als Taktvorzeichnung ist ein Überbleibsel mittelalterlicher Notation. Damals galt ein Kreis als Symbol des "tempus perfectum", also des vollkommenen Taktes, und vollkommen war natürlich ein Dreiertakt, wegen der heiligen Dreifaltigkeit. Gradtakte hießen entsprechend "tempus imperfectum" und wurden durch einen Halbkreis dargestellt (Es ist also gar kein "C"!).

Tempus imperfektum

Es gab ein kompliziertes System von Zeichenfolgen, die je nach dem bedeuteten, dass der Grundschlag in zwei oder drei Einheiten aufgeteilt wurde (man konnte Triolen also quasi "vorzeichnen"), und die Temporelationen regelten. Wenn in den Canzonen des Frühbarock auf einen Dreier ein gerader Takt folgt oder umgekehrt, stellt sich ja immer die Frage "Gilt hier Halbe gleich Halbe oder Halbe punktiert gleich Halbe?" usw.

Ein letztes konkretes Relikt dieser Schreibpraxis ist das "Alla Breve"-Zeichen, das "durchgestichene C", das in Wirklichkeit, wenn es auf ein "C" folgt, bedeutet: "Ab hier bitte doppelt so schnell!" Meist ist es ein Hinweis für die Ausführenden, dass hier pro Takt nur halb so viele Schwerpunkte wie im 4/4-Takt zu denken sind, aber manchmal meinen es Komponisten oder Arrangeure auch Ernst: dann wird das Tempo plötzlich ziemlich flott!

Aber - warum der langsame Satz von Beethovens Sonate op. 10,1 (Bild oben rechts) von ihm im 2/4-Takt notiert wurde, und nicht... na ja, anders sähe er auch komisch aus, oder? Ich lasse es mal bei der These, dass Tradition, Einfluss der Lehrer und der kennengelernten Musik, und Gefühl wahrscheinlich für diese Wahl prägend sind.