Gitarre und Musiklehre, U. Meyer

Überblick

Rhythmus ist die Basisebene der Musik, sozusagen ihre erste Dimension. Es kann riesigen Spaß machen, sich mit dieser keineswegs einfachen Thematik zu befassen. Man muss kein Instrument dazu spielen: der eigene Körper als Rhythmusinstrument reicht aus. Zunächst ein kleiner Überblick über die folgenden Seiten:

  1. Zuerst werden die Oberbegriffe Rhythmus, Takt, Metrum, Tempo behandelt.
  2. Darauf folgen die Notenwerte mit Punktierungen, Überbindungen, Triolen etc.
  3. Besonderheiten wie Hemiole, Synkope und Swing, die man zur Not überspringen kann schließen sich an.
  4. Rhythmen sollten so notiert werden, dass man sie schnell erfassen kann.
  5. Schließlich gibt es Hinweise, wie man sich der Sache praktisch nähern kann.

Komplexe Thematik

Auch wenn Rhythmus die "erste Dimension" der Musik ist, ist die Thematik komplex: der Takt strukturiert die Notenwerte, die Notenwerte gruppieren sich zu einer Synkope, die man richtig notieren muss... jedes Element beeinflusst das andere! Wenn man versucht, das alles zu beschreiben, fragt man sich ständig "Muss ich nicht erst Tempo erklären, bevor...?" - es scheint keine eine richtige Reihenfolge zu geben!
Eventuell muss man erst mal alles durchlesen, nach Möglichkeit aktiv nachvollziehen, dann vorne wieder anfangen, damit man irgendwann Land sieht: ah, das ist also die unterste Ebene, die die obere zusammensetzt, von ihr aber strukturiert wird!

Strukturen

Links: verschiedene Notenwerte strukturieren die Zeit. Mitte: die Taktvorzeichnung strukturiert die Notenwerte. Rechts: die zu lange Note am Ende des ersten Taktes macht die Taktstruktur kaputt: in beiden Takten ist eine Achtel mehr, als in den 4/4 - Takt passt. (Das Notationsprogramm setzt einen roten Taktstrich als Warnung).

Rhythmuselemente

In den folgenden Abschnitten geht es zunächst um die verschiedenen Parameter musikalischer Zeiteinteilung, Rhythmus, Takt, Metrum und Tempo. Bevor man sich Gedanken darüber macht, welche Notenwerte es gibt und wie man mit ihnen umgeht, sollte man ungefähr wissen, mit welchen Begriffen die rhythmische Ebene der Musik zu beschreiben ist.

Musik passiert in der Zeit. Die Zeit ist eine Dimension, die insofern Probleme macht, als man sie nicht anfassen oder festhalten kann. Ein Maler kann nach zwei Wochen an einem Gemälde etwas verändern, wenn es ihm nicht so gelungen scheint; ein Musiker spielt eine falsche Note, kann sie aber nicht korrigieren, weil seine Kollegen ja weiterspielen.

Zeit verstreicht in freier Wildbahn relativ unbemerkt, wobei man natürlich merkt, wenn der Sommer oder der Tag vorbei ist. Menschen teilen sie mit Uhren und Kalendern ein. Uhren haben einen festen Pulsschlag: ein Schlag pro Sekunde, davon 60 in der Minute!

Wenn Musiker die zeitliche Ebene von Musik beobachten, tun sie dies auch mittels regelmäßiger Schläge, deren Tempo allerdings frei gewählt werden kann, schneller oder langsamer als Sekunden vergehen, und sie fassen sie meist zu sinngebenden Einheiten zusammen, den Takten. Ein Takt enthält zum Beispiel 4 Viertel, und die tatsächlichen Töne darin dauern dann so lang wie ein "Schlag", oder länger oder kürzer. Danach werden sie beurteilt und benannt. Schon ist man mitten drin in diesem Wirrwar der Begriffe "Takt", "Metrum", "Rhythmus", "Notenwerte", die alle miteinander sehr verwoben und schwer auseinander zu halten sind.

Rhythmus

Die Dauer der Töne, die unterschiedlich lang sind, ergibt eine Bewegung in der Zeit, die meistens attraktiver ausfällt als das gleichförmige "tick tack" einer Wanduhr. Sie wird Rhythmus genannt.

Uhr-Rhythmus

Was soll das sein, wenn nicht ein Rhythmus, auch wenn er völlig gleichförmig ausfällt? Eine Abfolge von Viertelnoten im luftleeren Raum, ohne Text, Betonung oder Tempoangabe, aber doch eine Strukturierung der Zeit...


Uhr-Rhythmus 2

Hier gibt es immerhin einen Text, der suggeriert: es könnte mehr als nichts sein, was hier aufgeschrieben wurde. Aber Musik ist das doch noch nicht?!


Feuerwehr-Rhythmus 1

Fortschritte im dritten Beispiel: der "Rhythmus" besteht zwar immer noch aus Vierteln, aber es gibt einen spannenden Text (tatsächlich macht eine Uhr nur in der Babysprache "tick-tack", und dies auch nur in der vordigitalen Zeit, und ein Feuerwehrauto macht auch nicht wirklich "ta-tü-ta-tü")!


Feuerwehr-Rhythmus 1

Dass ich den Rhythmus in einen Takt eingeordnet habe, löst die nächste Frage aus: Ist eigentlich "ta" oder eher "tü" betont? Schon erfinden wir außer dem Takt den Auftakt, der die Betonungsstruktur notfalls korrigiert! Ich finde jedenfalls "tü" betont, aber darüber kann man natürlich streiten...


Kommentatoren bei Musikveranstaltungen äußern sich oft begeistert über mitreißende Rhythmen, während man tatsächlich gerade ein eher simples "umpf - umpf - umpf - umpf" hört. Womöglich ist man da auch sehr geprägt von der Kindheit und Jugend: wer mit Techno groß geworden ist, kann mit klassischer Rockmusik nichts anfangen und umgekehrt.

Viele Bewohner höherer Intelligenz dieses merkwürdigen Planeten mögen den rhythmischen Aspekt der Musik sehr und tanzen zum Beispiel zu Musik oder wippen beim Hören mit dem Fuß; in unserem Kulturkreis gerne zu relativ einfachen Takt- und Rhythmusstrukturen wie Polka oder Walzer. In der indischen Kunstmusik zum Beispiel ist die Ebene des Rhythmus viel höher entwickelt als in der europäischen. Ähnlich ist es dort mit der Melodik mit den unglaublich komplizierten Skalen der Ragas, die Intervalle benutzen für die wir teils nicht mal Namen haben. Dafür wird vergleichsweise wenig Wert auf harmonische Organisation gelegt.

Takt

Fast immer ordnet man Rhythmen einer höheren Ordnung unter, die Takt heißt. Wenn offenkundig immer wieder nach je vier gleichlangen Zeitabständen eine Betonung kommt, beschließt der Komponist, dass sein Werk im 4/4 Takt steht, setzt Taktstriche und ordnet das Ganze damit. Das ist für den Musiker, der es spielen soll durchaus erfreulich.

falsche Takte

Richtige und falsche Takte: so einfach der erste Takt ist, so komplex ist der Rhythmus in Takt zwei. Im dritten Takt habe ich einen Fehler eingebaut: er ist eine Achtel zu lang. Mein Notenschreibprogramm weist mich mit einem roten Taktstrich darauf hin. Auch der folgende Takt, der aussieht wie der erste, wird deshalb als falsch gekennzeichnet.
Natürlich sollte man solche Fehler auch mit Papier und Bleistift bemerken!

In sehr alten Noten fehlen Taktstrich überhaupt, was das Musizieren nicht unbedingt erleichtert! Wenn beim gemeinsamen Musizieren einer der Musiker herauskommt, sagt man "Lass uns bei Takt 37 noch mal anfangen." Das ging im 16. Jahrhundert so nicht.

Es gibt in den Lautentabulaturen der Renaissance viele Stücke, die anscheinend im geraden Takt notiert sind, also Striche nach je zwei Schlägen haben, bei denen man aber jeweils sechs Schläge zu einem Takt zusammenfassen sollte, damit das Stück so klingt, wie es gedacht und für den zeitgenössischen Lautenisten selbstverständlich war. Wenn man das aus Titel, eventuell Tempovorschlag (was heißt denn "compas apresurado?") und Struktur nicht errät, findet man das Stück vielleicht nicht hübsch und verpasst etwas...
Besonders in frühen Lautentabulaturen sind die Striche also eher Ordnungsstriche, nicht wirkliche Taktstriche.

Metrum

Metrum ist ein Begriff, der auch in der Poetik gebraucht wird. Er meint ein grundsätzliches Schema von Länge und Kürze oder Betonung und Nichtbetonung von Silben. Gedichten ordnet man diese grundsätzlichen Schemata zu; eine Liedzeile wie "Kommt und lasst uns tan-zen, sprin-gen, kommt und lasst uns fröh-lich sein." spricht man ja unweigerlich in einer bestimmten Form. Musikstücken lassen sich solche Metren auch zuordnen, allerdings ist es hübsch, wenn ein Stück ein gleichförmiges Schema dann irgendwann auch verlässt oder variiert - mittels unterschiedlicher Rhythmen eben.

Metrum

Über diesen Kanon kann man sagen, dass er im 3/4 Takt steht, das Metrum ein Trochäus (lang - kurz oder schwer - leicht) ist und der Rhythmus aus der Abfolge Halbe - Viertel besteht. Rhythmus und Metrum stimmen so sehr überein, dass man nicht über zu viel Abwechslung klagen kann. Damit macht dieses Beispiel auch deutlich, warum es manchmal schwer fällt, Rhythmus und Metrum sauber zu trennen.

Tempo

Jedes Musikstück hat ein eigenes Tempo. Eine Viertelnote ist nicht immer gleich lang: ihre objektive Länge hängt vom Grundtempo ab, das mit Glück am Anfang mehr oder weniger objektiv angegeben ist. Ein Komponist kann über ein Stück "Allegro", "Vivace" oder "Allegro vivace", schreiben, und der Spieler fragt sich dann: Was ist schneller, "munter", "lebhaft" oder "munter lebhaft"?
Oder es steht "Vite", "Very agitated" oder auch "langsam, mit inniger Empfindung" über den Noten. Mit all diesen Bezeichnungen ist natürlich die Geschwindigkeit, in der das Stück zu spielen ist, nicht wirklich präzise genannt. Man muss andere Parameter berücksichtigen: die Taktart, die kleinsten Notenwerte, Teile der Komposition davor und danach, die Epoche, aus der das Werk stammt, die sonstigen Gewohnheiten des Komponisten. Viele dieser Bezeichnungen sollen nicht nur das Tempo, sondern darüber hinaus den Charakter des Stückes erläutern.

Metronom

Um 1816 erfand auf Anregung Beethovens Johann N. Mälzel das Metronom (in einem Rechtsstreit wurde erklärt, dass Dietrich Nikolaus Winkel der Ruhm des Ersterfinders gebührt, namentlich hat sich aber Mälzel durchgesetzt). Man kann an einer Skala mechanisch oder digital einstellen, wie viele Schläge pro Minute erklingen. Tempoangaben wie "Allegro MM 132" bedeuten "nach Mälzels Metronom 132 Schläge pro Minute". Das ist eine konkrete Angabe!

Also: in einem Stück mit einem Tempo dauert die Halbe Note immer länger als die Viertel, aber da Musikstücke unterschiedliche Grundtempi haben, können die Viertel eines langsamen Stückes länger dauern, als die Halben in einem sehr schnellen Stück. Das Tempo ist relativ, dementsprechend variiert die Dauer der Notenwerte!

Agogik - Tempoveränderungen

Natürlich wird auch gebremst und beschleunigt in der Musik: mit Begriffen und Abkürzungen wie "accelerando, rit., ritardando, slargando, allargando, tenuto, tempo rubato" deutet der Komponist an, dass der Ausführende das Tempo anziehen oder verlangsamen, auf Tönen quasi innehalten oder insgesamt sehr frei spielen soll. Der Oberbegriff für diese gewollten Veränderungen des Tempos ist "Agogik".

Zuweilen steht am Ende einer Komposition eine Zeitangabe. Die Nummer 2 der "Études Simples" von Léo Brouwer für Gitarre, "Coral", hat die Tempoangabe Lento und die Zeitangabe 2'00. Bei 14 Takten à 4 Vierteln, also 56 Vierteln muss man das Metronom auf etwa 30 stellen (bei mechanischen Metronomen unmöglich). Anders ausgedrückt: jede Viertelnote dauert etwa 2 Sekunden - unglaublich langsam! In schnellen Technostücken mit 180 bpm (beats per minute) dauert die Viertel eine Drittel Sekunde!

Anders als erwartet kommen die kleinen (schnellen) Notenwerte, Zweiunddreißigstel oder gar 64tel eher in langsamen Sätzen vor, und beim Mitlesen einer Partitur staunt man, wie schnell man blättern muss, wenn am Anfang Ganze und Halbe, aufgelockert durch einige Viertelnoten das Notenbild einer Symphonie prägen.