Gitarre und Musiklehre, U. Meyer

Wie bestimmt man die Tonart eines Stückes?

Die Frage, in welcher Tonart ein Stück steht, ist gar nicht so einfach beantwortet. Hat man drei Kreuze hinter dem Notenschlüssel, handelt es sich wahrscheinlich um A-Dur, es kann aber auch Fis-Moll sein. Der Frage nach dem Tongeschlecht gehe ich auf der nächsten Seite nach.
Es gibt aber Ausnahmen zum Beispiel wegen der Kirchentonarten oder etwas abgelegeneren Musikkulturen. Drei deuten auf Es-Dur oder C-Moll hin, aber wenn F-Dorisch richtig wäre?

Bauernregeln helfen nicht wirklich weiter. Beginnt oder endet (bei drei Kreuzen) ein Stück mit der Note fis, macht das Fis-Moll wahrscheinlicher, aber ganz sicher ist das nicht. Ein a am Ende könnte auf A-Dur deuten, aber wenn das Lied doch in Fis-Moll steht und mit der Terz aufhört...? Solche Fragen kommen gerne gegen Ende einer Gitarrenstunde, wegen der Musikarbeit in zwei Tagen. Erklären Sie mal eben in fünf Minuten, warum ein Auto eigentlich fährt! Zylinder? Getriebe? Benzin? Fahrer?

Man braucht eine Analyse der vorkommenden Akkorde, besser noch der vorkommenden Kadenzen, d. h. man muss sich zunächst mal Kenntnisse dieser Themen aneignen (siehe die Seiten über Dreiklänge, Kadenz etc.). Wenn es sich um ein einstimmiges Stück handelt, das nicht harmonisiert ist, muss man es eben harmonisieren und nach sinnvollen Lösungen suchen. Damit wird auch klar: in welcher Tonart ein Stück steht, ist durchaus eine Meinungsfrage, eine Frage der Interpretation durch den Komponisten oder Bearbeiter. In den meisten Fällen findet man schnell heraus, was Sache ist, aber ein wenig Respekt vor der Frage schadet nicht.

Für die Analyse sind natürlich die ersten und die letzten Takte eines Stückes besonders aufschlussreich. In Barock und Klassik sagte man noch nicht "Das Stück steht in C-Moll" sondern "Das Stück geht aus dem C-Moll". Die ersten Takte sagen also Entscheidendes über die Tonart aus, und das Gleiche gilt für die abschließenden Kadenzen. Im Verlauf des Stückes kann - je nach Kompliziertheit - alles Mögliche passieren.

Grundsätzlich kann man an der Abfolge der Vorzeichen sehen, in welcher Dur- oder Molltonart man sich wahrscheinlich befindet - darum geht es im nächsten Abschnitt.

Vorzeichenreihe und Tonart bei Kreuzen

Aus der Vorzeichenreihe kann man sehen, in welcher Dur- oder Molltonart ein Stück wahrscheinlich steht. Wegen der unterschiedlichen "Konstruktionsprobleme" sind die Anzeichen bei Kreuz- und ♭-Tonarten allerdings verschieden.

Das letzte Kreuz der Reihe ist immer der Leitton einer Durtonart. Damit meint man den Ton, der zum Grundton hinführt, also die 7. Stufe. Diese Regel gilt auch für G-Dur, das ja nur ein Kreuz, und damit auch ein letztes Kreuz in der Reihe hat: Das fis ist der siebte Ton der Skala, danach folgt das g, also leitet man ab: die Tonart mit fis als letztem Kreuz ist G-Dur oder E-Moll.

Beispiele für Kreuztonarten:

In welcher Tonart steht ein Stück mit drei, in welcher eines mit 5 Kreuzen?

Vorzeichnung: letztes Kreuz / 7. Stufe: Tonart:
fis, cis, gis gis gis ist der Halbton unter a, also ist die Tonart A-Dur oder Fis-Moll
fis, cis, gis, dis, ais ais ais ist der Halbton unter h, also ist die Tonart H-Dur oder Gis-Moll.

Hier folgen die ersten Takte des Liedes "Alle Vögel sind schon da". Eigentlich sieht man die gesamte Melodie, denn Takt 7 und 8 sind eine Wiederholung der Takte 5 und 6, und die Takte 9 bis 12 wiederholen Takt 1 bis 4.

Alle Vögel sind schon da in G

Das letzte Kreuz ist das fis, also steht das Lied in G-Dur.

Alle Vögel sind schon da in E

Hier dasselbe Lied mit 4 Kreuzen. Das letzte Kreuz ist das dis, also steht das Lied hier in E-Dur.

Merkwürdigerweise kommt die siebte Stufe in dem Lied gar nicht vor, es kann also passieren, dass es mal mit einem Kreuz zu wenig notiert wird!

Vorzeichenreihe und Tonart bei ♭-Tonarten

In einer Reihe von ♭s gibt das vorletzte b schlicht die aktuelle Tonart an. Man braucht ja ein weiteres für die vierte Stufe...

Vorzeichnung: vorletztes ♭ / 4. Stufe: Tonart:
b, es, as es Es-Dur oder C-Moll
b, es, as, des, ges des Des-Dur oder B-Moll
Alle Vögel sind schon da in B

Wieder "Alle Vögel sind schon da", diesmal mit zwei ♭s, und da das vorletzte "b" heißt, muss es sich um B-Dur handeln.

Alle Vögel sind schon da in F

Hier ist das vorletzte ♭... nicht da! Was nun? Wir erinnern uns: das erste ♭ muss vor der vierten Stufe gesetzt werden, und jede neue ♭-Tonart bekommt vor der vierten Stufe das ♭, das sie vervollständigt und in Ordnung bringt. Also braucht man von dem letzten ♭ nur vier Töne herunterzählen: ♭ (1), a (2), g (3), f (4): wir befinden uns in F-Dur.

Beispiele in Frageform:

Vorzeichnung? entscheidender Ton: Tonart:
Welche Vorzeichen hat As-Dur? Quintenzirkel eine Stelle weiter als as zählen... as ist das vorletzte ♭, also: b, es, as, des.
Welche Vorzeichen hat Fis-Dur? 7. Stufe / Leitton zu fis ist eis. Vorzeichen: fis, cis, gis, dis, ais, eis.
halber Quintenzirkel

Um bei diesem Frage- und Antwortspiel immer zu gewinnen, muss man nur den halben Quintenzirkel auswendig wissen: die Reihe der Kreuze geht im Uhrzeigersinn bei F los: fis - cis - gis - dis - ais - eis - his .
Um die s herunter zu rattern fängt man - diesmal gegen den Uhrzeigersinn - bei H an: b - es - as - des - ges - ces - fes .

Selbstverständlich ist es auch erlaubt, den ganzen Quintenzirkel vor Augen zu haben.

Regel für Molltonleitern?

Kann man die beiden Regeln für # und bei Durtonarten - letztes Kreuz / vorletztes - auch für Molltonarten formulieren?

Klar könnte man, aber das ist für mich ein gutes Beispiel für eine Regel, die man sich nicht merken kann, weil sie eben keinen Sinn stiftenden Zusammenhang mit irgend einem Konstruktionsprinzip hat!

Natürlich stimmt es, dass das letzte Kreuz der Reihe die zweite Stufe einer gesuchten Molltonart ist. Bei "dis" als letztem Kreuz muss man einen Ganzton herunter rechnen und bekommt cis als Grundton. Toll!
Und das letzte ist die Sexte der Tonart - immerhin die kleine Terz der Subdominante, ein durchaus wichtiger Ton, der in dorischen oder melodischen Skalen hochalteriert wird!

Aber man hat nie die Erfahrung gemacht, dass diese zweite Stufe quasi der wichtigste Ton der Tonleiter ist. Klar, mit einer tiefen zweiten Stufe ist die Molltonleiter nicht richtig, aber wirklich spannend ist doch beim Tongeschlecht Moll, dass es in so vielen Varianten - rein, harmonisch, melodisch - auftritt, und dadurch kommen veränderte Töne ins Spiel, die wirklich für die Konstruktion entscheidend sind!

Der Leitton einer Durtonleiter als Terz der Dominante und zum Grundton hinführender Melodieton ist hingegen ein absolut prominenter Ton in dieser Skala - den kann man sich merken!
Außerdem sind Leitton und das letzte ♭ ja immer die Töne bei der Konstruktion der Durtonleitern, die bei der "Fehlerkorrektur" entscheidend sind.

Mein Ratschlag wäre, sich die Regeln für Durtonarten zu merken, und die Molltonleitern als Paralleltonarten abzuleiten. Das ist Wissen, das man braucht, und das man sich bitte schön merkt ohne langes Palaver - schließlich will man ja Stücke analysieren, begleiten oder gar selber schreiben.

Fehlende Vorzeichen

Ausgerechnet in Instrumentalschulen kann es passieren, dass mal Vorzeichen fehlen. Das Beispiel von oben

Alle Vögel sind schon da in G

sieht dann schon mal so aus:

Alle Vögel sind schon da falsch

Ich weiß nicht, ob es schon aufgefallen ist, aber - "Alle Vögel sind schon da" hat zwar einen ordentlichen Tonumfang, nämlich eine Oktave, aber die siebte Stufe kommt nicht vor!
Man kann das Lied von g aus beginnen lassen und die Vorzeichnung von C-Dur setzen: null Kreuze.

Tatsächlich sieht man so etwas eher bei Fünfton-Liedern wie "Summ, summ, summ", "Kuckuck" oder "Hänsel und Gretel", denn wenn nur die Stufen 1 bis 5 benutzt werden, braucht man das fis von G-Dur garantiert nicht. Bei den -Tonarten muss es schon ein pentatonisches Lied sein, aber... auch das passiert häufiger!
Und wie erklärt man das dann seinen Schülern?

Oft bemerken sie das gar nicht, viel eher fällt auf, wenn der Kuckuck auf g aus dem Wald ruft, und dabei ein Kreuz auf der obersten Linie steht: "Wieso steht da sowas Komisches?" ist meist die erste Frage, und dann: "Aber wenn der Ton doch gar nicht vorkommt?!"

Wenn man als Lehrer häufig mit Akkorden oder improvisierten zweiten Stimmen begleitet, kann man zum Glück schnell demonstrieren, dass die korrekte Vorzeichnung dafür sorgt, dass erfahrenere Musiker wissen, was zum Stück passt und was nicht.

Hier ein Beispiel für "falsche Vorzeichnung, richtige Akkorde":

Heile Segen falsch

Wenn man der Vorzeichnung "Null Kreuze oder s" aufsitzt, und glaubt, das pentatonische Liedchen "Heile, heile Segen" sei mit Akkorden aus der C-Dur - Umgebung zu begleiten, im ersten Takt zum Beispiel mit C C F G, bleibt man aber schnell stecken: das Lied bräuchte dringend ein , auch wenn es nicht vorkommt!

Heile Segen richtig

Schwierig tonal einzuordnen...

Mein Lieblingsbeispiel für ein tonartlich schwierig einzuordnendes Lied ist das wunderbare "Into white" von Cat Stevens. Die Akkordfolge einer Strophe geht vereinfacht etwa so:

C | D (4x) | G | C | D | Am 7 | Am 7 | C | G | D | E ||.

Den ersten Dreiklang als Tonika anzunehmen führt nicht weit: zu viele Akkorde, D, G und E enthalten Kreuze oder sind Kreuztonarten zuzuordnen. Der vorletzte Dreiklang, meist Dominante eines Stückes, führt auch nicht nach C-Dur.
Der Schlussakkord, E-Dur, kann auch nicht tonales Zentrum sein. E-Dur hat 4 Kreuze, dazu passen die anderen Dreiklänge nicht.

Da der vorletzte Akkord, D-Dur, die Dominante zu G-Dur wäre, nehme ich G als Tonart an. Dann sind die Funktionen:

S | D (4x) | T | S | D | Sp 7 | Sp 7 | S | T | D | TP ||.

Immerhin, die Tonika kommt zweimal vor, allerdings tut der Komponist dem Ratlosen weder den Gefallen, sie am Anfang noch sie am Ende des Stückes zu platzieren. Nach dem vorletzten Akkord, siehe da, einer Dominante, folgt ein Trugschluss, allerdings nicht zur Tonikaparallele, sondern zur Tonikadurparallele (die zum folgenden Akkord der nächsten Strophe im Verhältnis der Mediante steht)! Der schwebende Charakter des Songs hat in den das tonale Zentrum quasi vermeidenden Harmonien seine Entsprechung.

Warum gibt es so viele Tonarten?

Gute Frage, zu der es mindestens zwei Lösungsansätze gibt:
Erstens klingen in Stimmungssystemen, die früher benutzt wurden, die Tonarten wirklich unterschiedlich. Wenn man ein Instrument oder ein Ensemble mitteltönig stimmt, oder in einer der vielen gemäßigten, nicht gleichschwebenden Stimmungen (siehe eventuell auf der Seite "Gitarre, Stimmen"), gibt es ja einen Tonartenbereich, der sehr schön klingt. Je weiter man sich von diesem entfernt, desto relevanter werden die "Fehler", die in der heutigen, sogenannten wohltemperierten Stimmung auf alle Töne gleichmäßig verteilt werden. Dass die großen Terzen um das Zentrum C-Dur herum wunderbar klingen bezahlt man damit, dass sie in Tonarten mit vielen ♭s oder Kreuzen zunehmend charakteristisch und schließlich nicht mehr tolerierbar erscheinen. Die Sonate für Fagott und Basso Continuo (auch für Blockflöte und B.C.) von G. Ph. Telemann steht schon absichtlich in F-Moll, so klingt sie nämlich noch trauriger!

Die Tonartencharakteristik der Klassik, aufgrund derer die F-Dur-Sinfonie von Beethoven die "Pastorale", die in Es aber "Eroica" heißt, gehört auch zu diesem Thema. Da der Kammerton (festgelegte Tonhöhe, nach der alle ihre Instrumente stimmen) früher eine andere Frequenz hatte als heute, stimmen die Tonarten eigentlich nicht mehr wirklich. Barockensembles und Orchester, die sich mit "Originalinstrumenten" mit Musik der Klassik beschäftigen, führen die Stücke oft mit einem Kammerton a = 415 Hertz auf. Das ist ein Halbton unter den heute üblichen 440 Hz (moderne Orchester spielen eher auf 442 oder 443 Hz - je höher, desto strahlender), womit die Pastorale nach heutigen Maßstäben in E-Dur erklänge, und D-Dur die Tonart für Heroisches wäre! Für Bach, Mozart oder Beethoven waren die tieferen Kammertöne die Realität.

Zweiter Ansatz: Der Wille des Komponisten ist wahrscheinlich der ultimative Schlüssel zu der Frage. Wenn ein Chopin nun mal findet, dass das Klavierstück, an dem er gerade schreibt in Des-Dur stehen muss, dann ist das wohl so! Wer wollte ihm da Fesseln anlegen? Die Genialität großer Komponisten lässt sich für kleine Geister wie uns doch kaum erahnen! Komponieren ist ja für Leute, die es wirklich können nicht unbedingt eine Arbeit, die an ein vorhandenes Instrument gebunden sein muss. Natürlich ist es hilfreich, wenn die Klarinette nicht tiefer spielen soll, als sie kann, andererseits hört der Komponist mit seinem inneren Ohr etwas und schreibt es so auf, wie er es hört, und dann ist die Tonart vielleicht nicht unbedingt benutzerfreundlich.

Ein weiterer Grund für Tonarten mit Stapeln von Kreuzen oder s lässt sich in der aktuellen Popmusik gut beobachten: die Kids hören einen Song, sind begeistert und wollen den unbedingt so spielen. Da diese Stücke aber nicht abstrakt komponiert werden, also nicht von einem Komponisten für eine Oper, der denkt "das passt gut ungefähr in die und die Tonart", sondern ganz konkret für einen Star der Szene, werden sie vom Tonumfang her optimal an diese Stimme angepasst. Alles andere ist weniger wichtig; wenn ein Studiomusiker meckert, kann er ja gehen. Und dann haben harmlos klingende Songs schon mal sechs s...

Das ist bei den Liedern von Dowland oder Caccini anders: die Begleitung soll auf einer Laute oder einem Chitarrone schon spielbar sein.