Gitarre und Musiklehre, U. Meyer

Haltung der Gitarre

Es gibt viele verschiedene Arten von Gitarren und viele Musikstile, bei denen sie eingesetzt werden. Alle spielen unterschiedlich, der Folkgitarrist, der Grundschullehrer, der E-Gitarrist, der Pastor, aber fast keiner von Ihnen spielt in der Haltung, die ein klassischer Gitarrist nutzt. Das ist bei Klavier oder Violine anders. Es gibt kaum ein Instrument, bei dem die Haltung für "klassische" Musik so wenig Akzeptanz hat wie bei der Gitarre. Auch deshalb steht die Gitarre immer wieder in der Ecke der "volkstümlichen" oder "nicht so seriösen" Instrumente.

Optimale und gesunde Haltung

Natürlich gibt es eine optimale Haltung mit einem Instrument. Es wird über Jahrhunderte gespielt, Stücke mit immer neuen technischen Problemen werden dafür komponiert, und die Spieler versuchen die Handhabung so zu verbessern, dass auch die schwierigsten Passagen zu schaffen sind. Außerdem sollte es die Haltung ermöglichen, längere Zeit zu spielen ohne zu ermüden oder einen Arzt zu brauchen.

Geiger spielen mit Kinn- und Schulterstütze, Saxophonisten mit Haltegurt, da das Instrument schlicht zu schwer ist, Cellisten mit Stachel, und Pianisten sitzen, und zwar gerne in der richtigen Höhe, wozu der höhenverstellbare Klavierhocker erfunden wurde.

Die Haltung hat einen Zweck

Jeder Aspekt der Haltung sollte einen Zweck haben, etwas, womit man begründen kann, weshalb das Spielen so besser, ermüdungsfreier und leichter geht. Die Zwecke, das was man mit einem bestimmten Aspekt erreichen will, hinterlege ich in den folgenden Abschnitten in diesem Rosa.
Manche Dinge versteht man erst, wenn man schwierige Stücke oder mal mehrere Stunden spielt, oder sich dieses zumindest vorstellt.

Einen interessanten und detaillierten Artikel von Michael Koch, Mainz, der die Zusammenhänge von Gitarrengröße, Haltung, Spiel mit Fußbank, Stütze oder mit Gurt genau beschreibt, gibt es auf der Webseite des Verbandes deutscher Musikschulen.

Ein sehr interessanter Text über Haltung namens "Über das Marionettentheater" findet sich bei Heinrich von Kleist - man kann ihn im Projekt Gutenberg lesen.

Vorbilder

Nachwuchsgitarristen suchen sich ihre Vorbilder unter Leuten aus dem Pop- oder Folkbereich, also aus den Medien, oder aus ihrer unmittelbaren Umgebung. Eric Clapton spielt in der MTV - Unplugged - Show seine Akustik lässig auf dem rechten Oberschenkel, die Erzieherin im Kindergarten und der Grundschullehrer spielten die einfache Liedbegleitung irgendwie. (Nur der renommierte Jazzgitarrist Ralph Towner, der unter anderem bei Karl Scheit in Wien studiert hat, spielt mit Fußbank, als wäre es das Natürlichste von der Welt...)
"Muss ich echt mit Fußbank?" jammern also die Schüler, und der brave Gitarrenlehrer seufzt wegen der vertanen Zeit. Sind die schlechten Gewohnheiten erstmal drin, ist es schwierig, umzulernen.

Deshalb unterrichte ich die normale klassische Haltung - an einer VDM-Musikschule finde ich das angesagt. Wer seine Gitarre nur alle drei Tage für fünf Minuten hervorholt, braucht sich um so etwas natürlich nicht zu kümmern, und motorische Hochbegabungen spielen eben auf dem Einrad...

Die Haltung im Sitzen

Hier ein Versuch, die "anerkannt richtige" Haltung für die Gitarre vom großen zum kleinen zu beschreiben. Linkshänder müssen die Begriffe "links" und "rechts" immer entsprechend austauschen. Es gibt viele Links zur Seite über Haltungsfehler, auf der ich weniger gelungene Gewohnheiten zusammenfasse.
Beginnen wir mit dem Stuhl...

Stuhl und Sitzhöhe

Oberschenkel waagerecht

So sieht es einigermaßen vernünftig aus.

>> Der Stuhl sollte so hoch sein, dass die Oberschenkel ungefähr parallel zum Boden verlaufen. Dann geht wegen der Fußbank (die gleich beschrieben wird) das linke Bein leicht bergauf, so dass die Gitarre höher vor dem Körper ist, nicht rutscht und der Spieler keine Energie zum Festhalten braucht.

Ein ganz normaler Küchenstuhl ist gut; Barhocker oder Stühle mit Armlehnen sind nicht so geeignet.

>> Man sitzt vorne auf der Sitzfläche und lehnt sich natürlich nicht an, damit die Gitarre nicht gegen den Stuhl stößt. Ich könnte auch schreiben, dass Musizieren ein aktiver geistiger Vorgang ist, dem allzu viel Gemütlichkeit widerspricht...

Die Höhe des Stuhles ist im Gruppenunterricht oft ein echtes Konfliktthema. Kinder, die auf kleineren Stühlen sitzen sollen als Gruppenkollegen, fühlen sich oft "herabgesetzt" im Wortsinne, und es kostet viel Überzeugungsarbeit, für die richtige Sitzhöhe zu werben.

>> Man sitzt mit geradem Rücken, macht sich also nicht unnötig klein. Das ist auch gesünder!

Die Haltung mit Fußbank oder Stütze

Haltung im Sitzen 1

Die konventionelle Haltung mit Fußbank: das linke Bein geht "bergauf".

Haltung im Sitzen 2

Mit Gitarrenstütze muss man das rechte Bein nicht so weit zur Seite stellen.

>> Man stellt das linke Bein - Linkshänder bitte immer das Gegenstück einsetzen - auf eine Fußbank und legt die Gitarre darauf. Durch die Fußbank wird die Gitarre höher vor dem Körper platziert.

Diese höhere Position der Gitarre, vor allem des Griffbrettes hat den Zweck, dass man die Greifhand positionieren kann, ohne die Schulter hochzuziehen oder abzusenken.
Man lässt den Arm locker herunterhängen und bringt ihn dann ab dem Ellenbogen nach oben.

Auch die Anschlagshand kommt so optimal an ihren "Arbeitsplatz" heran, ohne dass man sich im Rücken, Schultern, Ober- oder Unterarm (also den Körperteilen, an denen die Hände befestigt sind) irgendwie verbiegen muss.

ohne Bank 2

weit aus der Mitte...

linker Oberschenkel

weit unten...

>> Die Gitarre ist also durch vier Punkte fixiert: sie liegt auf dem linken Oberschenkel, lehnt an der rechten Oberschenkelinnenseite, an der Brust, und der rechte Unterarm liegt auf der Zarge und hält sie in der Balance. Nimmt man ihn weg, kippen die meisten Gitarren Richtung Gitarrenkopf.

Die Haltung mit höher platzierter Gitarre ist nicht nur bei Klassikern zu sehen, sondern auch bei Gitarristen, die Flamenco oder Jazz spielen, und etlichen Leadgitarristen oder Bassisten in Rockbands. Ich persönlich finde nicht, dass "ohne Fußbank" unbedingt cooler aussieht.

Gitarrenstütze

Statt der Fußbank kann man eine Gitarrenstütze nehmen, die mit Saugnäpfen an der Gitarre befestigt und auf den Oberschenkel gestellt wird - in den Fotos rechts zu sehen.

Das rechte Bein

>> Man stellt das rechte Bein so weit zur Seite, dass die untere Ausbuchtung des Gitarrenkörpers gut zwischen die Oberschenkel passt. Lässt man die Beine zu eng zusammen, wird die Gitarre meist schräg zum Schulter- und Beckengürtel gehalten, der Gitarrenkopf ist hinter der linken Schulter, und der Spieler verdreht sich in der Wirbelsäule. Dies ist der häufige Haltungsfehler, der von zu großen Gitarren bei Kindern oft über Jahre erzwungen wird, und neben einer zu großen Saitenlänge fast der wichtigere Grund, ein gut passendes Instrument zu wählen!

Wenn man die Fotos oben genau vergleicht, fällt vielleicht noch etwas anderes auf: im Bild links, mit der Fußbank, liegt die Gitarre sperriger zwischen den Beinen, weil das Instrument ja direkt auf dem linken Bein aufliegt. Das rechte Bein muss stärker zur Seite gestellt werden, denn man hat deutlich mehr Gitarrenkorpus zwischen den Oberschenkeln. Das ist mir erst vor kurzem aufgefallen, als ich beim Vergleichen zweier Instrumente mal wieder eine Fußbank benutzte. Wenn man beide Haltungen direkt vergleicht, merkt man auch: es gibt einen spürbaren Unterschied in der unteren Wirbelsäule!

Wie immer gilt: wer sehr gelenkig, jung, dünn, sportlich und alle diese wunderbaren Dinge ist, bemerkt den Unterschied möglicherweise nicht mal. Für Leute, die nicht (mehr) alle diese Eigenschaften haben, kann die Haltung mit Gitarrenstütze aber eine sehr gute Alternative sein.

Der rechte Fuß

>> Der rechte Fuß sollte fest auf dem Boden stehen. Wird der Fuß zurückgezogen und auf die Zehenspitzen gestellt, ist immer Spannung in der Beinmuskulatur, die bis in die Muskulatur der gegenüber liegenden Schulter (!) ausstrahlen und dort zu erheblichen Verspannungen führen kann.

Und man sollte ihn nicht unter dem Stuhl vergraben oder hinten um das Stuhlbein wickeln. Das ist nicht stabil, man kann den Takt nicht mitklopfen (lernen), und überhaupt: man sollte auch selbstbewusst den Raum einnehmen, den man braucht!

Ich gehe davon aus, dass man mit fest auf dem Boden stehenden Füßen besser geerdet ist. "Geerdet sein" hat im Zusammenhang mit Musik für mich nichts Mystisches, sondern ist die Vorraussetzung für Beweglichkeit. Empfinden und ausleben rhythmischer Bewegung haben ihren Gegenpol in Ruhe und Zentriertheit.

Die Gitarre im Raum

>> Man hält die Gitarre so schräg, dass sich ihr Kopf ungefähr auf Augenhöhe befindet.
Hält man die Gitarre weniger schräg, wird der Arbeitsbereich der Greifhand wieder tiefer und vor allem weiter vom Körper weg gelegt. Wie viel unbequemer das ist merkt man, wenn man mal E-Bass statt E-Gitarre spielt!

>> Die Gitarre wird etwa senkrecht zum Boden gehalten, nicht mehr oder weniger flach auf den Schoß gelegt. Dadurch braucht man sein Handgelenk nicht unnatürlich zu knicken, um ordentlich greifen zu können.
Allerdings sieht man die Finger der Greifhand leider nur, wenn man sich etwas vorbeugt, aber man muss ja nicht immer alles mit den Augen kontrollieren - den Tastsinn zu entwickeln ist sehr wichtig!