Gitarre und Musiklehre, U. Meyer

Kindergitarren

Diese Seite verfolgt das Ziel, Eltern davon zu überzeugen, dass ein Anfängerinstrument gut passen und hochwertig sein sollte. Wenn Sie etwas mehr Geld für das Instrument ausgeben wird der Unterricht effektiver und damit preiswerter!
Ich fürchte, ich wiederhole mich auf dieser Seite oft und bringe Argumente doppelt und dreifach - nehmen Sie es als Zeichen dafür, wie wichtig einem durchschnittlichen Gitarrenlehrer dieses Thema ist!

Natürlich drehen sich die Gedanken der Eltern zunächst um Fragen wie "Ist unser Kind überhaupt musikalisch?", "Wird unser Kind durchhalten?", "Haben wir einen guten Lehrer gefunden?" und neuerdings "Hat unser Viertklässler überhaupt genug Zeit?", aber man sollte dabei nicht vergessen, dass man Gitarre auf einer Gitarre spielt, aber bitte nicht auf irgend einer!

Hauptargumente in Stichworten

  1. Eine billige Gitarre
    • kostet im Moment wenig
    • ist schlechter wieder zu verkaufen
    • klingt weniger gut
    • hat technische Mängel, eine zu hohe Saitenlage macht das Spielen mühsam, eine zu niedrige Saitenlage führt zum Scheppern der Töne, der Hals verzieht sich bei wenig abgelagertem Holz, eine billige Mechanik erschwert das Stimmen...
  2. Eine teurere Gitarre
    • ist erschreckend teuer (wir sind von Billigangeboten umgeben), aber wenn man drüber nachdenkt, was an einer Gitarre so "dran" ist...
    • hat bei Gebrauchtkauf optische Mängel, die sich auf den Klang aber nicht auswirken
    • kann dramatisch besser klingen
    • hat hoffentlich wenige technische Mängel
    • beim Kauf im Gitarrenladen bekommt man konkrete Hilfe bei Problemen, eventuell ist später Inzahlungnahme möglich
  3. Eine zu große Gitarre
    • man spart die mehrfache Ausgabe, das Kind "wächst schon hinein"
    • ein zu großer Korpus erschwert die Haltung, die Gitarre passt nicht zwischen die Beine, das Instrument wird schräg gehalten, die Wirbelsäule wird verdreht
    • die zu große Mensur erschwert das Greifen, der Spieler kommt mit den 4 Fingern nicht an 4 Bünde heran und gewöhnt sich an, hin und her zu rutschen
    • das Kind wird auf Jahre im Gruppenunterricht den anderen gegenüber benachteiligt
    • setzt den Lehrer unter Stress: er muss Notlösungen finden und schlechte Gewohnheiten später ausbügeln
  4. Eine gut passende Gitarre
    • muss man mehrmals kaufen, wenn die nächste Größe fällig wird
    • die abgelegte Gitarre kann bei guter Qualität gut weiter verkauft werden
    • der Spieler gewöhnt sich eine bessere Körper- und Handhaltung an
  5. Eine Leihgitarre von der Musikschule
    • ist für den Start eine gute Idee
    • wahrscheinlich keine teure Gitarre wegen der Investitionskosten
    • der Lehrer sollte sie "passend" aussuchen
    • sprechen Sie zuerst mit dem Lehrer - der will nichts verkaufen, sondern guten Unterricht geben!

Das Instrument spielt immer eine wichtige Rolle im Instrumentalunterricht. Bei der Gitarre kann man jahrelang mit groben Fehlern "davonkommen".
Niemand wird ein Kind Altblockflöte spielen lassen, wenn es kaum die Grifflöcher des Soprans gedeckt bekommt, und eine zu große Violine bekommt auch kein Kind, weil man das Instrument am Hals ansetzt, und wenn der Greifarm nicht lang genug ist, kann man nicht spielen. Es gibt Querflöten für Kinder mit umgebogenen Mundstück, damit die Armlänge reicht.
Bei der Gitarre kann man zu große Instrumente nehmen - es ist deshalb aber trotzdem keine gute Idee.

Psychologie beim Kauf

Das Thema "Gitarrenkauf" spielt sich in einem Viereck ab, dessen Ecken der Schüler, der Lehrer, die Eltern und das Musikgeschäft sind. In der Mitte schwebt das Instrument.

  1. Der Schüler möchte eine neue Gitarre, die schwarz und cool aussieht.
  2. Der Lehrer möchte erfolgreichen Unterricht machen, ihm ist eine passende, gute Gitarre wichtig.
  3. Die Eltern möchten nicht so viel Geld ausgeben, sie wissen nicht um die Wichtigkeit des Werkzeuges.
  4. Der Verkäufer - ein Geschäftsmann - wirkt auf sie professionell, der Lehrer / Musiker ist ein Typ Mensch, an den man sich erst noch gewöhnen muss.
  5. Der Verkäufer empfiehlt ein zu großes Instrument, weil er spürt, dass die Eltern das Argument des "Hereinwachsens" überzeugend finden. Er verkauft jetzt, der Rest interessiert ihn nicht so, obwohl Zusammenarbeit mit Instrumentallehrern nicht darin bestehen kann, dass er ihnen das Leben schwer macht.
  6. Der Lehrer ist besorgt, weil die anderen Gruppenmitglieder besser passende Gitarren haben. Seine einzige Hoffnung: dieses Kind muss besonders begabt sein...

So in etwa würde ich die psychologische Situation beschreiben. Ich glaube, dass einige Faktoren zum Beispiel bei Geigenschülern ziemlich anders sind.

Jahrhundertelange Tradition bei Streichern

Bei Streichinstrumenten gibt es seit Jahrhunderten kleine Bauformen. Mozart wird als Vierjähriger kaum auf der Geige seines Vaters gespielt haben, einfach weil seine Arme zu kurz waren!
Die Bezeichnung "Viertelgeige" bedeutet eine ganz bestimmte Korpusgröße in Zentimetern. Der Korpus einer 1/8 Violine ist 27,5 cm, der einer 1/4 Violine 28,5 cm lang, dann ist es richtig.

Man findet in Video-Portalen lustige Videos von sehr kleinen Kindern mit normalen Gitarren, die Unglaubliches darauf vollbringen - warum gibt es so etwas nicht mit Violinen? Da eine Geige am Hals angelehnt wird und dann vom Körper wegzeigt, muss der Arm eine gewisse Länge haben. Streicher werden zur Vernunft gezwungen...

Es ist bei Streichern absolut üblich, kleine Instrumente beim Geigenbauer zu leihen, was bei Violinen 10 - 20 € monatlich kostet. Die Geige ist passend ausgesucht, richtig eingestellt, und wenn die nächste Größe fällig ist, wird man kompetent betreut. Das ist schon sehr anders als der Start mit der Supermarkt-Gitarre!

Durcheinander statt Tradition bei Gitarren

Gitarren für Kinder in guter Qualität und sinnvollen Abstufungen sind erst seit wenigen Jahrzehnten verbreitet. Begriffe wie "Halbe Gitarre" sind bei unserem Instrument nicht standardisiert. Man findet Gitarren mit gleicher Saitenlänge, aber sehr unterschiedlich großen Körpern. Viele reden von der "Dreiviertel Gitarre", aber keiner kann sagen, wie groß so etwas genau ist. Man findet sehr unterschiedliche Mensuren,
Mensur
wenn man im Internet unter solchen Stichworten sucht.

Die European Guitar Teachers Association Deutschland hat sich denn auch in einem Beitrag auf ihrer Homepage von den Bezeichnungen "Achtelgitarre etc." verabschiedet und empfiehlt die Mensur zu nennen, um die Größe zu beschreiben.
Auch wenn eine 63er Mensur mit etwas kleinerem Korpus sozusagen "die letzte Größe" vor einer "normalen" Gitarre ist, weigere ich mich, sie als "dreiviertel" oder "siebenachtel" zu bezeichnen: es ist eine "63er".

Groessenvergleich 1

Links im Bild eine wirklich kleine Gitarre mit 44er Mensur, die bei kleinen Erstklässlern zum Einsatz kommt, in der Mitte eine Valdez 58, und rechts die normal große Gitarre mit 65 cm Mensur. Das Klavier im Hintergrund beider Bilder ist das Gleiche. Auf diesem Bild sind die Gitarren viel steiler angelehnt - die 44er würde sonst unter der Tastatur durchfallen...

Groessenvergleich 2

Links eine Toledo 53, die einen recht kleinen Korpus hat, in der Mitte eine Toledo 61, deren Korpus vor allem sehr breit ist, rechts wieder eine normal große Gitarre mit 65 cm Mensur.
Beim Probieren ist das Gelächter immer groß, wenn ein Kind eine deutlich zu große oder kleine Gitarre auf den Schoß bekommt. Danach ist aber die Sensibilität geweckt!

Gitarrengröße und Spieler

Bilder von Gitarren allein helfen nicht: man braucht einen Menschen dazu. Der kann nicht nur klein oder groß und mehr oder weniger gelenkig sein, sondern auch kräftigere Oberschenkel haben. Die Unterschiede der Korpusgrößen betragen nur wenige Zentimeter - zwei Zentimeter mehr pro Bein machen weitere vier Zentimeter aus, zu große Gitarren sind also noch viel größer! Spielt man mit Gitarrenstütze statt Fußbank, hat man hier weniger Probleme.

Eine Fünftklässlerin und ein Viertklässler haben sich freundlicherweise mit drei Gitarren fotografieren lassen. Beide Kinder haben grundsätzlich eine gute Haltung und eher dünne Beine.

53er

Oben: Die eigene Gitarre - eine Valdez 53, ist vom Korpus her schon groß (43 x 34 cm), das sieht man, wenn man mit dem Bild von mir vergleicht.
Die Gitarre unten würde klein wirken.

61er

Oben: Die Toledo 61 mit ihrem großen Korpus (45,5 x 35,3 cm) sieht schon unbequemer aus, obwohl die gute Haltung vieles wett macht. Die Finger der linken Hand sind noch zu klein für die weiten Abstände (siehe unten).

65er

Meine Gitarre (65er Mensur, 49,8 x 36,8 cm) lässt die Schülerin weiter schrumpfen, besonders beim Greifen würde die Technik leiden. Die Finger werden von Bild zu Bild immer schräger aufgesetzt, und der linke Arm muss weiter gestreckt werden.

Unten: bei diesem Viertklässler sieht die eigene - eine 52er Mensur mit passend verkleinertem Korpus (38,5 x 29,3 cm) - sehr angemessen aus. Mit dem Instrument hat er als Zweitklässler auch begonnen.

52er

Unten: mit meiner normal großen Gitarre - das ist natürlich nur ein Spaß. Tatsächlich kommen immer wieder auch jüngere Kinder mit eigener Gitarre dieser Größe.

65er2

Unten: sieht hoffentlich bequem aus, besonders auch die Position der Arme.

65er3

 

Hier die Greifhand des Mädchens, einfach aus den drei oberen Bildern vergrößert, nicht gestellt:

Greifhand Valdez 53
Greifhand Toledo 61
Greifhand 65er

Mensur oder Saitenlänge

Wenn man über die Größe von Gitarren redet ist also der Begriff "Mensur"
Mensur
etwas Konkretes: die Länge der Saiten von Sattel bis Steg, also das, was schwingt, wenn man die Saite anschlägt.

Ob der Korpus vernünftig, also in etwa maßstabsgerecht verkleinert wurde, kann man sehen oder nachmessen: Ein durchschnittlicher Wert bei großen Gitarren ist:
Mensur durch Korpuslänge = ca. 1,34; Mensur durch größte Korpusbreite = ca. 1,75.

Korpusgrößen

Drei kleine Gitarren mit fast der gleichen Mensur:
Links: Mensur 52 cm, Korpuslänge 38,5; Korpusbreite unten 29,3.
Mitte: Mensur 53 cm, Korpuslänge 39,8; Korpusbreite unten 29,8.
Rechts: Mensur 53,5 cm, Korpuslänge 43; Korpusbreite unten 33.

Bei den beiden ersten Modellen sind die Verhältnisse von Saitenlänge zum Korpus fast wie bei einer normal großen Gitarre, das Modell rechts hat einen deutlich längeren und breiteren Korpus. In der Praxis ist man dennoch froh, die verschiedenen Exemplare zur Verfügung zu haben:

Die Saitenlängen sind ja fast gleich, setzen also ähnlich große Hände voraus. Sehr große Kinder sehen aber mit der Gitarre links unbeholfen aus (wohin mit den langen Armen!), und kleine Menschen sind mit der Gitarre rechts nicht gut bedient.

Wenn ein Schüler mit der Gitarre links beginnt, und der nächste Wechsel direkt zu einer 58er Mensur erfolgt, hat er längere Zeit auf einer viel zu kleinen Gitarre gespielt, oder die Neue ist ihm erst mal viel zu groß.

Wichtig ist: wenn ein Kind eine zu große Gitarre spielen muss, ist es gerade im Gruppenunterricht benachteiligt. Solange im Unterricht noch einstimmige Stücke durchgenommen werden, ist lediglich wichtig, dass der Schüler nach dem c im ersten Bund der h-Saite das d im dritten Bund erreichen kann, ohne die vorige Note loslassen zu müssen. So erlernt er eine ruhige und sichere Grifftechnik.

gegriffene Bässe mit Melodie

Wenn man beim zweistimmigen Spiel mit gegriffenen Bässen angekommen ist, sollte man Basstöne halten und dabei verschiedene Melodietöne spielen können. Ist das Griffbrett zu lang und zu breit, schaffen das nur sehr willensstarke Kinder mit flexiblen Händen. Viele Kinder finden dies generell sehr anstrengend, aber die mit den zu großen Instrumenten lassen mit Sicherheit jeden gegriffenen Basston sofort los.

Ist der Korpus zu groß, wird die Haltung erschwert: der Gitarrenkörper passt nicht zwischen die Beine, das Instrument wird schräg gehalten, der Kopf zeigt über die linke Schulter nach hinten, und das Kind sitzt mit verdrehter Wirbelsäule.

63er Mensur

Näherungswerte

Um doch ein paar Zahlen zu nennen: Sehr kleine Erstklässler oder Zweitklässler brauchen schon mal eine 48er Mensur oder gar die oben fotografierte 44er; meist kommt man in dem Alter mit 53 cm zurecht (Vorsicht mit der Korpusgröße!).
Ende der Grundschulzeit kann die nächste Größe fällig sein, etwa 58cm; das kann aber auch bis zur 6. Klasse oder 7. Klasse dauern. Dann gibt es Gitarren mit 61er und 63er Mensuren, und dann kommt die "normal" große, aber Achtung: auch wenn viele Mädchen locker 1,80 m groß werden, haben sie nicht unbedingt so große Hände wie Männer, und viele Stücke für Gitarre erfordern große Streckungen der Greifhand. Es gibt sehr gute Gitarren mit normal großem Korpus aber etwas kürzeren Mensuren von 63 oder 64 cm - ein wichtiger Beitrag zur Gleichberechtigung! Der Fahrersitz im Auto ist ja auch verstellbar, weil Beine unterschiedlich lang sind...

Bild rechts: die rechte Gitarre hat einen normal großen Korpus, aber eine Mensur von 63 cm. Wenn man an der Klaviertastatur vergleicht, sieht man, dass der Sattel etwas tiefer liegt. Der Gitarrenbauer erreicht die kürzere Mensur, indem er den Steg einen Zentimeter weiter vom Korpusrand setzt, dann kommt der Sattel auch einen Zentimeter nach unten, und schon hat man eine Gitarre, die für einen großen Menschen bequem zu halten ist, kleineren Händen aber bei weiten Streckungen in der Greifhand sehr entgegen kommt...

Nochmals: alle Versuche, Zahlenangaben zu machen, sind nur ganz ungenaue Näherungswerte! Kinder haben lange Beine und Arme oder einen langen Oberkörper, die Hände wachsen nicht so schnell wie der Rest oder umgekehrt, sie sind mit Acht noch etwas pummelig und mit Zwölf dann lang und dürr, gelenkig oder sehr unflexibel... Selbst starkes Modebewusstsein kann den Wechsel zur nächsten Gitarrengröße verzögern. Kein Weg führt daran vorbei: Man braucht den lebenden Menschen und verschiedene Instrumente, und dann muss man schauen, was passt! Fragen Sie nach, und zögern Sie nicht, die große Gitarre, die sie noch hatten, erst mal auf den Schrank zu legen... Sie müssen zwar im Moment Geld für ein Instrument ausgeben, aber der Unterricht funktioniert so viel besser, dass sich die Ausgabe auf alle Fälle rentiert!

Wenn "Ihr neuer Gitarrenlehrer" behauptet, die Gitarre, die Sie schon haben sei wenig geeignet, können Sie davon ausgehen, dass seine Empfehlung ernst und zum Besten Ihres Kindes gemeint ist. Jede Unterrichtsbeziehung ist im Prinzip darauf angelegt, mehrere Jahre anzudauern, und der Lehrer hat ein starkes Interesse daran, möglichst viel zu erreichen. Deshalb wird er vielleicht überraschend viel Wert auf ein adäquates Instrument legen.