Gitarre und Musiklehre, U. Meyer

Intervalle und das Griffbrett der Gitarre

Griffbrett
Tastatur

Die genaue Größe der Intervalle lässt sich mit Hilfe einer Gitarrensaite auf dem Griffbrett gut darstellen - vielleicht besser als mit einer Klaviertastatur. Auf dem Griffbrett sieht man unmittelbar: von Bund 0, also von der leeren Saite aus, ist es 1 Schritt bis zum ersten Bund, und zwölf bis zur Oktave in Bund 12.

Auf der Klaviatur muss man immer fein das schwarz-weiße Zickzackmuster abschreiten.

Die folgenden Beschreibungen setzen zwei Dinge voraus: Du solltest verstanden haben, dass man zunächst den Intervallnamen ermittelt, indem man von einem Tonnamen zum anderen zählt, wobei man den Ausgangspunkt mitzählt, und dann die genaue Größe in Halbtonschritten ausrechnet, wobei man den Ausgangspunkt nicht mitzählt. Nur so kommt man zu einem richtigen Ergebnis - öffne zum Vergleichen vielleicht diese Aufstellung.

Da die Gitarre keine C-Saite wie Violoncello oder Laute hat, habe ich die g-Saite als Beispiel genommen.


1 Halbtonschritt:

übermäßige Prime oder kleine Sekunde

Hals 01

Von g nach gis ist 1 Tonschritt, also eine Prime. Da von g nach gis aber ein Halbtonschritt ist, ist die Prime übermäßig.

Von g nach as sind es 2 Tonschritte, denn man zählt g(1), a(2). Weil es nur 1 Halbtonschritt ist, ist es eine kleine Sekunde.


2 Halbtonschritte:

große Sekunde oder verminderte Terz

Hals 02
Es7b5

Von g nach a sind 2 Tonschritte, also eine Sekunde. Da es von g nach a zwei Halbtonschritte sind, ist es eine große Sekunde.

Die Terz g-heses sieht sehr spekulativ aus. Da sie nur 2 Halbtonschritte umfasst, also noch kleiner als die kleine Terz ist, ist es eine verminderte Terz. Dieses Intervall kann tatsächlich zwischen großer Terz und verminderter Quinte in einer Dominante entstehen - beide Töne lösen sich dann in den Grundton des Zielklanges auf. Als Beispiel rechts die Verbindung Eb 7♭5 - Abm. Der Akkord Eb7♭5 enthält die Töne g und heses, die sich beide ins as auflösen.


3 Halbtonschritte:

übermäßige Sekunde oder kleine Terz

Hals 03
Fis7b9

Von g nach ais sind es 2 Tonschritte, denn man zählt g(1), a(2), also eine Sekunde. Da es von g nach ais drei Halbtonschritte sind, und die Sekunde somit einen Halbtonschritt größer ist als die große Sekunde, haben wir hier eine übermäßige Sekunde.
Dieses Intervall tritt zum Beispiel zwischen kleiner None und großer Dezime (der Durterz) Im Akkord F♯7♭9 auf, der sich nach Bm auflöst.

Von g nach b sind es 3 Tonschritte, denn man zählt g(1), a(2), h(3). Drei Tonschritte bedeutet: es geht um eine Terz. Weil es 3 Halbtonschritte von g nach b sind, ist es eine kleine Terz.


4 Halbtonschritte:

große Terz oder verminderte Quarte

Hals 04

Von g nach h sind es wieder 3 Tonschritte, also eine Terz. Da es von g nach h vier Halbtonschritte sind, ist die Terz groß.

Von g nach ces sind es 4 Tonschritte, denn man zählt g(1), a(2), h(3), c(4), also handelt es sich um eine Quarte. Eine Quarte mit 4 Halbtonschritten ist vermindert. Das klingt nach einem merkwürdigen Intervall, sie liegt aber ganz gemütlich zwischen Leitton und Terz jeder harmonischen Molltonleiter. Im Falle des Intervalls g - ces wäre das in As-Moll der Fall.


5 Halbtonschritte:

übermäßige Terz oder reine Quarte

Hals 05

Von g nach h sind es immer noch 3 Tonschritte, also eine Terz. Aber von g nach his zählt man fünf Halbtonschritte, einen mehr als bei der großen Terz, also haben wir eine übermäßige Terz vor uns.

Von g nach c sind es 4 Tonschritte, also handelt es sich um eine Quarte. Wegen der 5 Halbtonschritte ist es eine reine Quarte.

Im 5. Bund jeder Gitarrensaite findet man den Ton der nächst höheren Saite - mit Ausnahme der g-Saite! Das sieht man hier: die nächst höhere Saite ist nicht auf c, sondern auf h gestimmt.


6 Halbtonschritte:

übermäßige Quarte oder verminderte Quinte

Hals 06

Von g nach c sind es 4 Tonschritte, also eine Quarte. Da die Quarte g-cis 6 Halbtonschritte umfasst - von g nach gis(1), nach a(2), nach ais(3), nach h(4), nach c(5), und nach cis(6) - ist sie einen Halbtonschritt größer als die reine Quarte, also übermäßig. Sechs Halbtonschritte entsprechen 3 Ganztonschritten - dieses Intervall heißt auch "Tritonus".

Von g nach d sind es 5 Tonschritte, denn man zählt g(1), a(2), h(3), c(4), d(5), also handelt es sich um eine Quinte. Wegen ihrer 6 Halbtonschritte ist g-des eine verminderte Quinte.

Beide Intervalle sind das Charakteristische am Dominantseptakkord und sorgen maßgeblich dafür, dass er sich in einen Zielklang, zum Beispiel seine Tonika auflösen will.


7 Halbtonschritte:

reine Quinte

Hals 07

Fünf Tonschritte sind es von g nach d, und sieben Halbtonschritte. Dieses Intervall ist die reine Quinte.

Im 7. Bund der Gitarrensaiten - bis auf die h-Saite - findet man die Oktave der nächst tieferen Saite. Hier ist es die Oktave der benachbarten d-Saite.


8 Halbtonschritte:

übermäßige Quinte oder kleine Sexte

Hals 08

Es sind immer noch 5 Tonschritte von g nach d, aber da der Zielton dis ist, also 8 Halbtonschritte vorliegen, ist die Quinte übermäßig. Auch dieses Intervall kommt in freier Wildbahn in der harmonischen Molltonleiter vor: zwischen Terz und großer Septime (Leitton) der Tonleiter.

Von g nach es sind es 6 Tonschritte, denn man zählt g(1), a(2), h(3), c(4), d(5), e(6), also handelt es sich um eine Sexte. Eine Sexte ist klein, wenn sie aus 8 Halbtonschritten besteht.


9 Halbtonschritte:

große Sexte oder verminderte Septime

Hals 09

Die 6 Tonschritte g nach e und die neun Halbtonschritte machen dieses Intervall zu einer großen Sexte.

Von g nach fes sind es 7 Tonschritte, denn man zählt g(1), a(2), h(3), c(4), d(5), e(6), f(7). Da es aber nur 9 Halbtonschritte bis zum 9. Bund sind, ist g-fes eine verminderte Septime.
Verminderte Septimen sehen immer gut aus zwischen Leitton und 6. Tonleiterstufe einer Molltonleiter, wie im Falle gis-f in A-Moll. Sie liegen zwischen großer Terz und kleiner None des Dominantseptnonakkordes in Moll, der ohne Grundton der verminderte Septakkord ist. G-fes gehört natürlich nach As-Moll - einer Tonart, die nicht so häufig auftritt.


10 Halbtonschritte:

übermäßige Sexte oder kleine Septime

Hals 10
Cis7b5

Mit 10 Halbtonschritten von g nach eis beziehungsweise f sind wir schon fast bei den 12 Halbtonschritten der Oktave angelangt.
G-eis ist natürlich eine übermäßige Sexte, das Komplementärintervall zur verminderten Terz. Im Bild rechts als Beispiel C♯7♭5 - F♯m. Dabei entsteht die übermäßige Sexte g-eis zwischen der tiefalterierten Quinte und dem Leitton, und beide Töne lösen sich in den Grundton des Zielklanges auf.

Von g nach f sind es 7 Tonschritte und 10 Halbtonschritte, also eine kleine Septime.


11 Halbtonschritte:

große Septime oder verminderte Oktave

Hals 11

Von g nach fis sind es wieder 7 Tonschritte, also eine Septime. Da es von g nach fis elf Halbtonschritte sind, haben wir eine große Septime vor uns.

Von g nach ges zählt man 8 Tonschritte, denn man zählt g(1), a(2), h(3), c(4), d(5), e(6), f(7), g(8), also handelt es sich um eine Oktave. Mit nur 11 Halbtonschritten ist es eine verminderte Oktave.


12 Halbtonschritte:

reine Oktave

Hals 12

Zwischen g und dem nächsten g liegen 8 Tonschritte und von g bis g sind es 12 Halbtonschritte: das ist die reine Oktave.

Nach dem g im zwölften Bund "geht die Saite wieder von vorne los": es folgen wieder gis/as, a, ais/b, h und so weiter, und die Intervalle heißen kleine None, große None, Dezime... und man darf sie etwa bis zur Duodezime übersetzen können, in diesem Falle in "Oktavquinte".
Ermutigend aber sollte doch sein, dass man zum Beispiel als E-Gitarrist ab Bund 12 nichts neues mehr zu lernen braucht - im 14. Bund liegt derselbe Ton wie im 14 - 12 = 2. Bund, nur eine Oktave höher!

Komplementärintervalle auf dem Griffbrett der Gitarre

Auch die Komplementärintervalle lassen sich mit dem Gitarrenhals sehr anschaulich darstellen. In der folgenden Grafik siehst du zunächst die Zählung der Tonschritte.

Die Intervalle g-h, eine große Terz, und h-g, eine kleine Sexte, ergänzen sich zur Oktave g-g.
Mit den dicken hellgrünen Punkten habe ich die Töne g, h und g markiert, die kleineren dunkelgrünen Punkte symbolisieren die Stammtöne dazwischen.

Komplementärintervalle

Man zählt zunächst g (1) - a (2) - h (3), also 3 Tonschritte, und beginnt dann beim h erneut: h - c - d - e - f - g, und erhält so nochmal 6 Tonschritte. Die 3 Tonschritte der Terz und die sechs der Sexte ergeben zusammen 9 - einen mehr als die erwarteten 8 der Oktave, weil man das h doppelt zählen musste.

Hals 13

In der zweiten Grafik werden die Halbtonschritte gezählt. Hierbei zählt man so: Von g nach gis(1), nach a(2), nach ais(3), nach h(4), und dann beginnt man von h aus wieder zu zählen, wobei man eben den Ausgangspunkt nicht mitzählt.

Hals 14

Dadurch erhält man in der Endabrechnung 4 + 8 Halbtonschritte, also 12, so als ob man gleich die ganze Oktave abgezählt hätte.

Beides funktioniert natürlich bei allen anderen Umkehrungsintervallen genauso.

Intervalle auf dem Griffbrett finden

Wenn man sich mit dem Gitarrengriffbrett gut auszukennen beginnt, kann man Intervalle darauf sehr einfach bilden beziehungsweise von ihm ablesen. Umgekehrt hilft Wissen über Intervalle dabei, die Struktur von Griffbrettern auf Saiteninstrumenten zu durchschauen. Hierzu ein paar Beispiele:

Quarten

Da alle Saitenpaare im Abstand einer reinen Quarte zu einander gestimmt sind, bis auf die Saiten g & h, liegt es natürlich nahe, sich zunächst mal einige Quarten anzuschauen. Machen wir ein Bild mit ganz vielen Quarten g-c!

Hals 15

Man findet diese Quarte auf E- und A-Saite im 3. Bund, auf d- und g-Saite in Bund 5, auf A- und d-Saite im 10. Bund, und auf h- und e-Saite in Bund 8, immer schön nebeneinander

Genauso ist es natürlich mit allen anderen Quarten - ges-ces liegt jeweils einen Bund tiefer, die Quarte a-d zwei Bünde höher, und natürlich auf den leeren Saiten A und d!

Quinten

Hals 16

Da eine Quinte einen Ganzton größer ist als eine Quarte, liegt der Ton auf der höheren Saite zwei Bünde höher. "Höher" ist nicht räumlich aufzufassen, sondern bedeutet: der Bund mit der höheren Ordnungszahl!
Das F auf der E-Saite ist im 1. Bund, das c im 1 + 2 = 3. Bund. Das f auf der A-Saite ist in Bund 8 (5 Halbtonschritte oder Bünde höher als das eben genannte c - auch das kann man so abzählen!), dann muss die Quinte c' dazu auf der d-Saite in Bund 10 sein.

Der Quintraum lässt sich mit den ersten fünf Tönen einer Durtonleiter auffüllen - damit kann man viele einfache und Kinderlieder spielen. Wenn man zum Beispiel die Töne in D-Dur in der 2. Lage setzt (die Tonreihe in orange), kann man mit den leeren d- und A-Saiten für Tonika und Dominante die Lieder zweistimmig spielen.

Hals 21

Die Fünftonreihen sehen - solange man nicht auf der g-Saite beginnt - überall gleich aus, ob man C-Dur oder Cis-Dur spielt ist ziemlich egal, man muss nur eine Lage nach oben rutschen - da ist die Gitarre wirklich mal praktisch!

Terzen

Die Grafik zu den Terzen sieht ziemlich unordentlich aus, schon allein weil ich die große Terz (hellgrün wie der Grundton) und die kleine Terz (dunkelgrün) eingefügt habe.

Hals 17

Die große Terz c-e findet sich auf A- und d-Saite in Bund 3 und 2; das es, die kleine Terz, in Bund 1. So ist das an allen Stellen: die große Terz liegt auf der höheren Saite einen Bund, die kleine Terz zwei Bünde tiefer.

Oktaven

Wenn man sich Oktaven über drei und vier Saiten anschaut, wird klar: hier stößt man bald an die h-Saite, die ja im Verhältnis zur g-Saite einen Halbton tiefer gestimmt ist als die Quartenpaare. Dazu bräuchte man noch ein kleines Kapitelchen...

Hals 18

Oktaven liegen zwischen E- und d-Saite oder zwischen A- und g-Saite immer in Bund y und y + 2, also zum Beispiel in Bund 3 und 5.

Greift man eine Oktave auf E- und g-Saite, muss man vom Bund auf der E-Saite 3 Bünde abziehen: das c liegt auf der E-Saite im 8. Bund, das c' auf der g-Saite in Bund 5.

Die "h-Saiten-Verschiebung"

Alles, was im vorigen Kapitel über Intervalle auf benachbarten Saiten stand, ist zwischen g- und h-Saite anders. Die beiden sind eine große Terz von einander entfernt, also einen Halbton weniger als alle anderen Saitenpaare, und deshalb kann man das dort Beobachtete vergessen, oder, besser gesagt, sich genau merken, und leicht abwandeln:
Man muss immer "einen Bund hinzufügen", dann stimmt alles wieder.

Diese Geschichte ist auch auf der Seite über die Verwandschaft zwischen Standardgriffen diskutiert. Auch dort habe ich den Begriff "h-Saiten-Verschiebung" benutzt, eine Erfindung, die einfach darauf aufmerksam machen soll, dass hier etwas besonderes passiert.

Hals 19

Die kleine Terz a-c liegt in den Bünden 2 und 1, nicht drei Bünde auseinander wie auf den Quartpaaren, und bei der großen Terz - hier als Beispiel b-d - liegen die Töne direkt neben einander.
Die reine Quarte c-f liegt in den Bünden 5 und 6 der g- und h-Saite, und bei der reinen Quinte muss man "y + 3" rechnen, nicht wie sonst "y + 2": das d ist auf der g-Saite im 7. Bund, das a auf der h-Saite im 10.

Einfach zusammengefasst: der Ton auf der h-Saite liegt immer einen Bund höher, als er auf den Saitenpaaren läge, die in Quarten gestimmt sind.

Oktaven mit der h-Saite dazwischen

Wenn man eine Oktave über mehrere Saiten mit der h-Saite dazwischen greift, ist auch wieder alles anders:

Hals 20

Die Oktave über 3 Saiten e-e liegt 4 Bünde auseinander: das e auf der d-Saite im 2. und das e auf der h-Saite im 5. Bund.
Bei der Oktave zwischen g- und e-Saite muss man dieselbe Rechnung machen: mein Beispiel d-d liegt auf der g-Saite im 7. und auf der hohen e-Saiten im 10. Bund.

Die Oktaven über 4 Saiten liegen jeweils 3 Bünde auseinander: das e auf der A-Saite zum e auf der h-Saite liegt im 7. Bund, die Oktave d-d auf d-Saite und hoher e-Saite liegt in den Bünden 10 und 12.

Wenn man diese Griffpunkte mit denen der Oktaven über in Quarten gestimmte Saiten vergleicht, kann man zusammenfassen: über 3 Saiten ist der Griff einen Bund weiter auseinander wenn die h-Saite mit im Spiel ist, und über 4 Saiten einen Bund enger! Verkehrte Welt! Ist das nicht unglaublich unpraktisch, sind nicht die Spieler sechssaitiger E-Bässe die einzig schlauen Menschen, die ihre tiefste Saite auf H, die höchste aber auf c stimmen?
Na ja, das mag Vorteile haben, wenn man ein Instrument spielt, dass vorwiegend Melodien zu liefern hat, aber nie sechsstimmige Akkorde, die bei den tiefen Saiten ja nur grummeln würden. Die Nummer mit der Terz mitten in der Gitarrenstimmung, die ja auch auf Lauten und Gamben existiert, ist im Gegenteil ein Grund für den Erfolg dieser Instrumentengruppe über Jahrhunderte!