Gitarre und Musiklehre, U. Meyer

Gitarrengrößen für Erwachsene

Die moderne Konzertgitarre sieht erst seit etwa 1850 so aus wie heute. Die Instrumente waren früher sowohl vom Körper als auch von der Saitenlänge her kleiner. Während zu Zeiten von Antonio Torres die Instrumente schon Mensuren (= schwingende Saitenlänge) von 65cm hatten, sorgte Andrés Segovia, der sowohl körperlich wie als Musiker große Gitarrenvirtuose des vergangenen Jahrhunderts dafür, dass ehrgeizige Gitarristen auf einer Mensur von bis zu 66,5 cm spielen wollen, in der Annahme, dass die Gleichung "größere Mensur = besserer Klang" gilt.

Die Frage nach der Größe des Instrumentes spielt nicht nur eine Rolle beim Unterricht mit Kindern. Nicht alle Männer, geschweige denn Frauen haben so große Hände wie Herr Segovia und sollten bei der Auswahl ihres Instrumentes aufpassen. Es gibt viele Kompositionen, die große Streckungen der Greifhand erfordern, und man sollte sich beim Lernen nicht ständig überfordern. Zum Glück gibt es Instrumente mit normal großem Korpus bei etwas kleinerer Saitenlänge, auch schon im Preisbereich vernünftiger Einstiegsinstrumente.

Einen interessanten und detaillierten Artikel von Michael Koch, Mainz, der die Zusammenhänge von Gitarrengröße, Haltung, Spiel mit Fußbank, Stütze oder mit Gurt genau beschreibt, gibt es auf der Webseite des Verbandes deutscher Musikschulen.

Mensur

Die Mensur der Gitarre: die roten Pfeile markieren Sattel und Stegeinlage. Wenn man eine leere Saite anschlägt, schwingt dieser Teil der Saite - die Mensur. Was auf Mechanik und Steg noch aufgewickelt ist, zählt nicht.
Wählt man die Saitenlänge zu groß, wird das Greifen erschwert.

It's a man's world

Am Anfang des Gitarrenunterrichts fangen ungefähr gleich viele Mädchen und Jungen mit dem Instrument an. Wenn man Gitarre studiert, ist man oft fast in einer reinen Männerwelt angekommen. Ob das mit der Sperrigkeit des Instrumentes zu tun haben könnte?
Während durchschnittlich große Frauen mit normal großen Violinen gut zurecht kommen, da diese wegen der Tonhöhe einfach nicht so groß sind, ist das bei Gitarren so eine Sache.

Greifhand

So sollte man seine Finger in den ersten vier Bünden platzieren können - nicht über Stunden, aber wenn das gar nicht geht, passt die Mensur nicht wirklich zur Hand.

Im Anfangsunterricht ist es sehr wichtig, sich richtige Bewegungsabläufe anzugewöhnen. Eine ruhige Greifhand, die ihren Arbeitsbereich locker bedienen kann, ist eine großartige Errungenschaft. Dafür müssen die vier Finger in den ersten vier Bünden kurz hinter dem Bundstab platziert werden können, und zwar gleichzeitig!

Ist die Spielmensur für die Hand zu groß, gewöhnt sich der Lernende sofort an, mit der Hand hin und her zu springen, und zwar schon bei den einfachsten Tonfolgen. Wenn im Unterricht gegriffene Bässe angesagt sind, hat man es oft auch noch mit einem zu breiten Griffbrett zu tun. Das tiefe G auf der E-Saite zu halten, und gleichzeitig auf den hohen Saiten eine Tonfolge zu spielen fällt dem Anfänger auch schwer, wenn die Gitarre eine bequeme Größe hat! Auch und gerade Erwachsenen!

Es gibt im Netz ohne Ende Videos von großen Virtuosen, die im Kindesalter auf viel zu großen Gitarren wunderbare Leistungen zeigen. Was beweist das? Überdurchschnittlich begabte Menschen lassen sich weder von schlechten Startbedingungen noch von schlechten Lehrern oder was auch immer stoppen! Das gilt aber nicht in gleichem Maße für den Durchschnitt!
Auch Gegenbeispiele findet man in Videoportalen: Hochbegabungen im Kindes- und Jugendalter, die auf guten kleineren Gitarren spielend gefilmt wurden.

Die James Brown zitierende Überschrift "It's a man's world" habe ich mit Absicht gewählt: Männer sind groß und stark (manchmal), Männer wissen immer Bescheid (denken wir) und sind deshalb schwer zum Umdenken zu bewegen. Ich hoffe, ich darf das schreiben, schließlich gehöre ich der Gruppe selber an.

Spielt also ein Mädchen Gitarre, sind die Entscheidungsträger beim Aussuchen des Instruments häufig Männer: der Professor an der Hochschule ist ein Mann, der Musikschulgitarrenlehrer auch (bei uns aktuell 6 : 1), der Verkäufer, der im Laden in der Gitarrenabteilung die KundInnen berät ist ein Mann, und Papa bezahlt die Gitarre.

Diese Überzahl an Männern kommt selten auf die Idee, dass die Gitarre für die inzwischen mit 1,82 ausgewachsene junge Dame eine kürzere Mensur haben sollte. Alle spielen doch 65er oder sogar 66er! Papa hat nicht so viel Ahnung von Musik, der Ladner spielt vielleicht in einer Rockband, hat aber wenig mit fortgeschrittener klassischer Gitarrenliteratur zu tun, der Musikschullehrer gibt "die Kleine" ja nun bald ab, und sie war eh immer die Beste, und der Professor an der Hochschule erwartet, dass sie sich anstrengt! Soll sie doch zusehen, dass sie mit den jungen Männern mithält, Frauen sind doch gewohnt, dass sie einen Tick besser sein müssen!

Das ist seit Jahrzehnten so. Heute unterrichten die Schülersschülersschüler der Generation Segovia, Pujol, Scheit, Teuchert, und es ist nicht so einfach plötzlich zu sagen "Guck doch mal die Geigen, oder Bratschen, die sind doch von sehr unterschiedlicher Größe, oder Lauten... sind wir da nicht ein bisschen festgefahren...?"

Faustregel nach Lind

Auf der Seite der EGTA (european guitar teacher's association) gibt es sehr gute Artikel zum Thema, Tabellen, die Körpergrößen Mensuren zuordnen (ich sollte eine 63er spielen) und die berühmte Faustregel: "Bei aufrecht hingestellter Gitarre wird der Ellenbogen am 12. Bund auf die Zarge gestützt und der Unterarm mit seiner Außenseite an den Gitarrenhals gelegt. Die Gitarre passt, wenn der deutlich sichtbare äußere Knöchel des Handgelenks zwischen ersten und zweiten Bund zu liegen kommt." (Es steht dort "Zur ersten groben Orientierung dient der 'Ellenbogentest' nach Ekard Lind..." - Hervorhebung von mir)

Diese Faustregel mit dem Ellenbogen und dem Handknöchel mag für Männer zutreffen, aber haben Frauen wirklich so große Hände wie Männer? Ich meine, wir alle lachen immer über die 13jährigen Jungen, die plötzlich mit Schuhgröße 46 herumlaufen - haben Mädchen Schuhgröße 46, wenn sie 1,80 sind?

Obwohl Fotos hier nicht wirklich viel helfen, weil es ja um Bewegungsabläufe geht und darum, wie locker oder wie verkrampft und angestrengt man aus der einen Situation in die nächste kommt - hier ein paar Beispiele für unbequeme Griffe:

Überstreckung 1
Bach, Präludium Takt 15

Drei Beispiele aus nicht einmal besonders schwierigen Gitarrenstücken: hier ein Takt aus Bachs D-Moll-Präludium, (original C-Moll für Tasteninstrument bzw. Laute), bei dem man im 1. Bund das tiefe F greifen darf, und dazu mit dem kleinen Finger einen Barrégriff im fünften Bund auf den drei Diskantsaiten.

Griff bei Cano1
weiter Griff bei Cano 1

Zwei Takte aus der Romance von A. Cano. Fotografiert ist der Griff am Anfang von Takt 10. Vor und nach dem hohen dis im elften Bund muss der Spieler mit dem 3. Finger im achten Bund das c greifen, was eine gewisse Flexibilität erfordert.
Es kommt also nicht nur auf die Handgröße an, sondern auch auf die Streckfähigkeit.

weiter Griff bei Cano 2
weiter Griff bei Cano 2

Nochmal zwei Takte aus der Romance: nach dem hohen cis mit dem vierten Finger greift man das h mit dem dritten Finger im siebten Bund - auch nicht gerade einfach. Solange man nur Stücke im Schwierigkeitsgrad von Greensleeves spielt, hält man seine Gitarre vielleicht nicht für groß...

Ludovico - Fantasie, Laute

Die Beispiele in dieser Reihe sind für fortgeschrittene Spieler:
In A. Mudarras Fantasie, die den Harfenstil des Ludovico imitiert, darf man diesen Griff über fünf Bünde machen.

Ludovico - Fantasie

Ich weiß gar nicht, ob er im Bild links auf der Laute (Mensur 58,5) oder hier auf der Gitarre (65er) unbequemer aussieht - der Winkel des Halses macht sicher auch etwas aus.

El Marabino, Takt 11

In A. Lauros Walzer "El Marabino", greift man mit großem Barrégriff in der 1. Lage Eis, eis, gis, cis und gis auf der hohen e-Saite, danach muss der zweite Finger zum fis...

Reißfestigkeit der Saiten

Warum glaubt man, dass größere Gitarren besser klingen? Und warum wählt man nicht noch längere Mensuren als 66 cm? Die Menschen werden doch immer größer?

Eine Saite hat eine Masse (Länge mal Querschnitt mal spezifisches Gewicht), die bei einer bestimmten Spannung und Länge einen gewünschten Ton ergibt. Eine kürzere Saite ist beim gleichen Ton schlaffer gespannt, das Verhältnis von Querschnitt zu Länge verschiebt sich. Eine im Verhältnis dickere Saite klingt weniger brillant, weil sie weniger flexibel ist. Deshalb klingen kleine Kindergitarren nicht so, wie baugleiche größere Modelle.
Lange Mensuren sind also toll, aber wenn man es übertreibt kommt der Faktor Reißfestigkeit und macht den berühmten Strich durch die Rechnung: ist die Mensur zu groß für die Tonhöhe, reißen häufig die Saiten. Außerdem wird die Decke des Instruments wegen der steigenden Saitenspannung stärker belastet. Für höhere Saitenspannungen muss man also die Decken dicker fertigen oder anders beleisten, was sich wiederum auf den Klang auswirkt.

Man könnte also größere Gitarren bauen, müsste sie dann aber wohl tiefer stimmen. Die Chitarronen oder Theorben des Frühbarock haben Spielmensuren bis über 90 cm, aber die beiden höchsten Saiten werden nach unten oktaviert, sodass die dritte Saite die höchste ist. Im Reich der E-Gitarren gibt es neuerdings "Baritone" - Modelle mit Mensuren bis über 70 cm, aber auch diese werden einen oder mehrere Töne tiefer gestimmt.

Sattelbreiten

Es gibt Dinge, die sind kaum zu messen, sie existieren aber doch. Wie bequem eine Gitarre zu greifen ist, hängt nicht nur von der Mensurlänge, sondern meiner Ansicht nach auch ganz entscheidend von der Sattelbreite und der Aufteilung der Saitenrillen im Sattel ab. Ich schreibe extra "meiner Ansicht nach", denn die Aufteilung der Saiten auf Konzertgitarren ist fast ein Tabuthema: das Griffbrett einer Konzertgitarre muss breit sein!

Messen wir in der Längsrichtung: Vom 1. bis zum 5. Bundstab (Überstreckung über fünf Bünde) sind es 12,7 cm auf meiner 65er Mensur; auf einer Gitarre mit 63er Mensur 4 mm weniger. Das soll etwas ausmachen? 65 bzw. 63 Zentimeter, das klingt ja noch nach etwas, aber 4 mm - das muss Einbildung sein!
Sollte jemand, dessen Finger ungefähr einen Zentimeter kürzer sind (wie misst man das exakt?) als die eines Menschen, der eine "normale Gitarre" spielt, wegen dieser 4mm eine Gitarre kaufen, die eine 63cm Mensur hat? Oder ist das alles Quatsch? Schließlich kommt es auch auf die Streckfähigkeit der Finger an?

G-Dur-Griff

G-Dur: für Anfänger erst mal schwierig, weil es ungewohnt ist, einen Finger ganz einzurollen, und andere weg zu strecken.

Quer über das Griffbrett gemessen ist noch weniger Platz für Unterschiede. Dabei liegt in dieser Richtung, das sieht man besonders gut in der Arbeit mit erwachsenen Anfängern, ein zentrales "gymnastisches" Problem des Gitarrenspiels: Beim G-Dur-Akkord zum Beispiel muss man den Ringfinger stark "eingerollt" auf den 3. Bund der hohen e-Saite und gleichzeitig den Mittelfinger ausgestreckt auf den 3. Bund der tiefen E-Saite setzen. Der Mittelfinger muss aber genug "Wölbung" haben, sodass die Nachbarsaite, auf der der Zeigefinger steht, nicht abgedämpft wird.

Das braucht Platz, denn jeder Finger hat einen gewissen Durchmesser, aber der Platz sollte nicht zu üppig bemessen sein, denn die Finger können nun mal nicht weiter, als sie können, vor allem, wenn sie nicht so lang sind. Die "Gelenkigkeit" kann zwar trainiert werden, ist aber stark abhängig von den Genen, das haben wir alle schon im Zirkus bei der Schlangenmensch-Nummer geahnt.

Standardmaße

Das Standardmaß der Halsbreite am Sattel einer Konzertgitarre ist 52 mm. Gitarrenhälse werden so gemacht, Manufakturen kaufen Hälse vorgefertigt, auf diesen Wert kann man sich ziemlich verlassen. Wie aber werden die Saiten verteilt?

Der Sattel, der auf einer 63er Mensur (einer guten Gitarre für immerhin deutlich über 300 €) unter den Saiten sitzt, hat diese Breite von 52mm, und zwischen den Außenkanten der Rillen liegen 44 mm. So ist das auch in einem Artikel auf der Seite der EGTA für eine normale Gitarre beschrieben.

Für kleinere Gitarren sind dort aber kleinere Werte für die Rillenaufteilung angegeben. Die finden sich auf deutlich kleineren Gitarren auch, aber eine 63er Mensur ist ja keine "wirkliche Kindergitarre" mehr, sondern wird bisweilen als "Damengitarre" bezeichnet. Nun, dass Gitarristinnen kleinere Mensuren spielen dürfen habe ich oben ja wortreich gefordert, aber warum sind die Saitenabstände nicht angepasst und - macht das überhaupt etwas aus?

Nochmal zurück nach vorne und auf null: Menschen mit großen Händen bemerken solche Unterschiede meist gar nicht, und da - siehe oben - Männer die Gitarrenwelt dominieren sind die Zustände ziemlich zementiert. Wer hier kritisch nachfragt, kann sich auf viel Unverständnis, mindestens Staunen gefasst machen.

E-Gitarre und Laute

Müssen die Saiten am Sattel so weit auseinander liegen? Die erste E-Gitarre, die mir in die Finger kommt, hat eine Sattelbreite von 42mm, und die Saiten sind auf 36mm verteilt. Die ist aber nicht für Mädels gemacht! Die sechschörige Tieffenbrucker-Laute bringt ihre 11 Saiten auf einem Hals von 41mm unter und verteilt sie auf 37mm! Mit einer Mensur von 64cm ist das Instrument eher groß; bequem für die anspruchsvolle Sololiteratur sind Lauten unter 60 cm. Es handelt sich bei dem Instrument also keinesfalls um eine Laute für Kinderhände.

E-Git Sattel

E-Gitarrensattel meiner Cort MGM 1 mit dem 52mm - Standardsattel für Konzertgitarre zum Vergleich.

sechschörige Sattel

Eine genaue Kopie der "magno dieffopruchar" von 1550 mit dem gleichen Gitarrensattel. Erstaunlicherweise kann man auf dem schmalen Lautenhals spielen!

Das Hauptargument bei Konzertgitarristen für die weiten Abstände ist sauberes Greifen. Nun spielt man auf einer E-Gitarre selten mehrstimmige Fantasien, aber ein G-Dur-Griff sollte dort auch ordentlich klingen und Nachbarsaiten nicht abgedämpft werden. Auf einer Renaissancelaute spielt man sehr wohl polyphone Musik. Tatsache ist: Frauen haben normalerweise nicht nur kürzere, sondern auch schmalere Finger, sie müssten also mit weniger Platz gut auskommen können...

Vorbilder und Tradition

Mein Hauptverdächtiger ist ja - Entschuldigung! - Andrés Segovia Der Mann war nicht nur ein Kleiderschrank, er hatte auch nicht wirklich schmale Finger. Beides hat diesen großartigen Gitarristen nicht gehindert, die prägende Figur der modernen Gitarre zu werden, aber müssen wir wirklich immer noch die Saitenabstände kopieren, die für ihn nötig waren?
Wenn man sich mit dem Spiel der Lauteninstrumente befasst, stößt man auf eine Vielzahl unterschiedlicher Instrumententypen, die alle von Hand gefertigt werden, und bei denen seitens des Instrumentenbauers immer wieder die Frage auftaucht "Wie soll ich denn Steg und Sattel machen?" Es ist doch ganz klar, dass der Schüler oder Student bei seinem Lehrmeister nachfragt und im Zweifel erst mal dessen Werte übernimmt...

Vorsichtiges Vortasten

In den Bildern unten sieht man zwei Gitarren mit 63cm Mensur, die ich mit schmaleren Sätteln ausgestattet habe. Der Originalsattel liegt jeweils zum Vergleich auf den Saiten.

schmalerer Sattel

Auf dieser 63er Mensur ist ein Sattel für 50mm Halsbreite, die Saiten sind auf 42mm verteilt. Der Originalsattel (52mm / 44mm) liegt zum Vergleich oben auf den Saiten.

noch schmalerer Sattel

Hier habe ich einen Sattel für 48mm Halsbreite mit einem Saitenspacing von 41mm auf die Gitarre gesteckt; das Original ist wieder zum Vergleich dabei.

Spürt man den Unterschied zwischen 44 und 41 Millimetern denn überhaupt?! Selbst wer das anzweifelt, weil für seine Pranken Gitarren generell klein sind, sollte nachvollziehen können: mit kürzeren Fingern ist es schwieriger, auf einer Basssaite einen Ton zu halten und gleichzeitig einen Lauf auf den Diskantsaiten zu spielen. Wenn die Saiten dichter neben einander liegen, ist dieses Problem verringert, und Gitarre spielen ist immer noch schwierig genug!

Die 63cm Mensur hat 96,9 % der Länge einer 65er Mensur. Eine Saitenaufteilung auf 42mm entspricht 95,4% von 44mm; die von 41mm 93,1%. Wenn man jetzt noch den Größenunterschied zwischen Händen in Pozent angeben könnte, könnte man noch mehr Zahlen angeben, aber entscheidend ist das Spielgefühl!

Warum schlage ich nicht gleich vor, sich der 36mm - Saitenaufteilung der E-Gitarre aus dem obigen Beispiel noch mehr anzunähern, schließlich sind 41mm nur 3mm weniger als der Standardwert von 44mm?

Erstens denke ich, hat das auch mit dem Verhältnis Mensurlänge zu Sattelbreite zu tun; bei aller Liebe bin auch ich der Ästhetik der Konzertgitarre noch sehr verhaftet.
Der Abstand zum Rand würde sich ja auch dramatisch vergrößern: bei der 44er Saitenaufteilung hat man auf einem 52er Hals an beiden Saiten 4mm Platz, um die Saite nicht über den Griffbrettrand zu schieben; bei einer 36er - Aufteilung wären an beiden Saiten 8mm Holz - da ist man doch an dem Punkt, das Instrument neu zu entwerfen...

schmalerer Sattel auf schmalem Hals

Die Yamaha Silent Guitar hat eine Sattelbreite von 50mm und verteilt die Saiten auf 41mm. Zum Vergleich wieder mit dem Standardsattel.

Zweitens haben sich die Saitenabstände auf normalen Gitarren für große Menschen ja bewährt, also muss man nicht etwas so radikal Neues erfinden. Andererseits stehe ich aber dazu: auf einer 63er Mensur einfach die Saitenabstände einer 65er zu übernehmen, ist nicht logisch, und wenn sich der Gitarrenbau weiter eintwickeln will, sollte er vielleicht die Richtung "Weg von der Einheitsgitarre - mehr Vielfalt für unterschiedliche Spieler bei hoher Qualität" ins Auge fassen. Tatsächlich findet man auf den Webseiten von immer mehr Gitarrenmanufakturen unter "Optionen" die Möglichkeit, Instrumente mit kürzeren Mensuren und schmaleren Hälsen zu bestellen.

Wenn man sich dazu durchringt, eine schmalere Saitenaufteilung auszuprobieren, weil man kürzere und schmalere Finger als andere und genug davon hat, sich mit Griffen zu plagen, die anderen mühelos gelingen, kann man sich zunächst vielleicht mit einem eingepassten Billigsattel wie in den Bildern oben behelfen. Wer sich am Aussehen stört, kann nach der Testphase ja einen passenden Sattel beim Gitarrenbauer fertigen lassen. Davon wird der Hals zwar nicht schmaler, aber es sieht doch hübscher aus.

Größe: Praxistest

kleinere Gitarre

Zur Zeit - im schönen Monat Mai - kann ich endlich eine Gitarre probieren, wie sie mich schon lange interessiert hat: der Lauten- und Gitarrenbauer R. Lechner hat eine Gitarre nach einer Manuel Ramirez von 1912 mit etwas kürzerer Mensur und schmalerem Hals gebaut.
Das Instrument selber ist auch eher zierlich - rechts im Bild ist sie neben meiner Burguet zu sehen, die zwar auch "nur" eine 65er Mensur hat, deren Korpus aber ziemlich voluminös ist.

Normalerweise würde ja niemand jemals auf die Idee kommen, dass ich, mit 176cm Länge ein ziemlich durchnittlicher Erwachsener, eine kleinere Gitarre spielen sollte, außer man liest die Tabelle über Körper- und Gitarrengrößen auf der Seite der EGTA, oder man trifft alle Jahre wieder als Juror bei Jugend musiziert diesen Kollegen, der knapp durch die Tür passt...

Trotzdem hat mich die Idee lange verfolgt, und jetzt darf ich also eine Gitarre mit 64cm Mensur und 49er Halsbreite (und etwa 41 mm für die Saiten, deshalb der Austauschsattel aus Ebenholz) probieren, indem ich fröhlich mein Repertoire spiele und zwischendurch immer wieder zur Burguet greife, um zu vergleichen. Klanglich tun sich die Gitarren nicht viel (obwohl sie vom Charakter her sehr verschieden sind), aber das Spielgefühl bei schwierigen Stellen, großen Streckungen, unbequemen Griffen - ich finde es toll! Ich kann nur empfehlen, so etwas mal zu probieren!

Ist es Einbildung? Natürlich werde ich auch älter und habe als viel unterrichtender Mensch nicht das Training des konzertierenden Gitarristen, außerdem hatte ich schon immer diese nicht besonders gelenkigen Wurstfinger... es gibt jedenfalls viele Gründe, das Dogma "Es gibt nur eine Gitarrengröße, und wenn es eine Alternative zur 65er Mensur gibt, dann ist es eine 66,5er!" für sich zu überprüfen.