Gitarre und Musiklehre, U. Meyer

Notation von Gitarrenmusik

normale Notation Gitarre
Notation Violine

Musik für Gitarre wird im nach unten oktavierenden Violinschlüssel aufgeschrieben, die Gitarre gehört also eigentlich zu den transponierenden Instrumenten. Unter dem Violinschlüssel sollte eine "8" stehen, was bedeutet, dass alle Töne in Wirklichkeit eine Oktave tiefer liegen, als sie aussehen.
Die hohe e-Saite einer Gitarre klingt also acht Töne tiefer als die einer Violine, obwohl sie im Notenbild gleich aussehen (Bei der Violine steht die "8" nicht unter dem Schlüssel!).

Notation in Violin/Bassschlüssel

Eigentlich müsste man Gitarrenmusik ähnlich wie Klaviernoten in zwei Schlüsseln, zum Beispiel Bass- und Violinschlüssel aufschreiben. Die ideale Lösung wäre vielleicht Bass- und C-Schlüssel gewesen, aber die etablierte Lösung hat sich als praktisch und platzsparend erwiesen. Wegen des großen Tonumfangs der Gitarre muss man allerdings mit vielen Hilfslinien leben.

Bei Noten für Violoncello ist es üblicher, einen Schlüsselwechsel vorzunehmen. Das geht bei der Gitarre nicht so gut, weil tiefe und hohe Töne gleichzeitig auftreten, man spielt auf ihr einfach häufiger mehrstimmig. Für beide Lösungen gilt: einmal fleißig lernen, dann kann man es für den Rest des Lebens wie Rad fahren oder schwimmen.

Wenn bei Gitarrennoten die Oktavierungs-Acht mal fehlt, dann... fehlt sie. Herausgeber und Verlage tun oft seltsame Dinge, und man muss nicht immer alles verstehen wollen. Tatsache ist: der wirklichen Tonhöhe nach muss sie dastehen!

Unser Instrument ist also insgesamt ganz schön tief: das Violoncello kann noch D und C unter unserer E-Saite, die tiefste Saite eines Basses ist eine Oktave tiefer als die der Gitarre, und das Klavier hat darunter noch fünf Töne mehr. In dieser Darstellung der Töne des Klaviers sind die leeren Saiten von Bass, Gitarre und Violine farbig eingearbeitet.
In der Höhe geht eine normale Konzertgitarre immerhin bis zum zweigestrichenen h, wenn man 19 Bünde als Standard ansieht.

Dreimal die gleichen Töne: oben in der "normalen" Gitarrennotation, in der Mitte im Violin / Bassschlüssel - System, unten mit dem für Viola oder Bratsche üblichen C-Schlüssel.

Notation in verschiedenen Schlüsseln

In der Mitte braucht man zwar weniger Hilfslinien in der Oberstimme und bei den tiefen Tönen, muss dafür aber in der Mittellage häufig in den Bassschlüssel wechseln.

Die untere Variante sieht vielleicht am attraktivsten aus; man hätte viel mehr Platz, Mehrstimmigkeit auszudrücken. Aber die normale Notierung reicht für die meisten Stücke aus, spart Platz, die Literatur ist so gedruckt, und... wer will schon diesen Umlernprozess?

(Das Beispiel ist aus der Allemande der 3. Cellosuite von Bach in meiner Bearbeitung.)

Bach-Autograph, Anfang der Suite G-Moll

Der Anfang von Bachs Autograph der G-Moll-Suite für Laute (man ist nicht sicher, ob diese Fassung oder die C-Moll-Version für Cello die ursprünglichere ist) sieht doch sehr übersichtlich aus... Da die erste Note im oberen System ein g ist, muss der Schlüssel wohl ein C-Schlüssel auf der zweiten Linie von oben sein.

Zur Praxis des Spiels aus dem Bassschlüssel und aus dem Altschlüssel bitte auf die Links klicken.

Wie lernt man Noten auf der Gitarre?

Wenn man sich oder sein Kind einem Lehrer zum Unterricht anvertraut, der ein Lehrbuch, eine Gitarrenschule benutzt, findet das Lernen anfangs durchaus unsystematisch statt. Die meisten Bücher gehen über den Weg, möglichst schnell Erfolge über wieder erkennbare Melodien zu erzeugen. Dafür braucht man zum Start Töne, keine Tonleitern oder Musiktheorie. Man lernt die ersten Töne in unsystematischer Reihenfolge.
Auf alle Fälle muss man natürlich begreifen, woran man eigentlich einen Ton erkennt.

Typisch ist zum Beispiel, dass man mit den ersten drei Tönen einen Teil einer pentatonischen Tonleiter hat, und ein Liedchen wie "Heile, heile Segen" spielen kann.

Heile Segen
die ersten Töne

In der Gitarrenschule, die ich meistens benutze, tauchen die ersten Töne in dieser Reihenfolge auf:

Nach den leeren Saiten g und h kommt das a auf der g-Saite. Na klar: man beginnt mit leeren Saiten, eine Hand zu benutzen ist erst mal kompliziert genug, und mit dem a hat man dann drei Töne in Folge.

Das tiefe d ist nützlich, weil es bekanntlich viele Lieder gibt, die mit der Unterquarte beginnen, dann folgt das c auf der h-Saite - "pentatonische Rufe"! - und mit dem d auf der h-Saite hat man dann die ersten fünf Töne einer Durtonleiter. Es gibt sehr viele Lieder, die damit auskommen.

Lieder

A pro pos Lieder: Wenn man bekannte Kinder- und Volkslieder auf das verwendete Tonmaterial hin anschaut, kann man diese in verschiedene Gruppen einteilen: Nach den sehr einfachen pentatonischen Dreitonliedern kommen solche mit fünf Noten, wie zum Beispiel "Kuckuck", "Summ summ summ", "Hänsel und Gretel", also die Gruppe der altmodischen Kinderlieder, die man nur in einem sehr schmalen Zeitfenster benutzen darf, etwa in der ersten und zweiten Klasse. Danach sind sie "doof".

Dann kommen Lieder mit sechs Tönen, wobei am meisten die Quarte unter dem Grundton, oder die siebte Stufe unter dem Grundton benutzt wird. Im Falle der Fünftonreihe g, a, h, c, d käme also das tiefe d oder das fis auf der d-Saite hinzu. "Der Kuckuck und der Esel" ist ein Beispiel für letzteres, aber das kann der Verfasser der Gitarrenschule erst nutzen, wenn die Fünftonreihe c, d, e, f, g gelernt wurde, da ist die "tief 7" nämlich das h. Bei der Reihe auf g müsste man das fis auf der d-Saite erklären, dass mit dem vierten Finger im 4. Bund gegriffen wird - das ist etwas für später.

Modernere Kinderlieder von R. Zuckowski, F. Vahle oder D. Jöcker zeichnen sich gerne dadurch aus, dass sie viel mehr Töne benutzen, und sie lehnen sich rhythmisch oft an Popmusik an. Deshalb sind sie oft nur per Nachahmung zu lernen - entweder die Schüler kennen einen Song oder nicht.

Unsystematische Reihenfolge

Zurück zum Tonmaterial, das die Gitarrenschule zur Verfügung stellt!

Die Kinder, die ich unterrichte, lernen also die ersten Töne keineswegs chronologisch, in Form einer Tonleiter, sondern ein bisschen durcheinander. Manche Töne greift man, andere nicht, die hohen Töne sind unten, die tiefen oben...
oben und unten auf der Gitarre
Musiktheoretische Rückschlüsse im Stile von "Holz schwimmt auf Wasser, aber ein Stein geht unter - hmm!" sind also selbst für die hellsten Köpfe nur zu erlangen, wenn sie gut aufpassen.
  1. Das h klingt irgendwie höher als das g, obwohl die Saite räumlich weiter unten ist!.
  2. Das a liegt klanglich dazwischen, obwohl... Da wird gegriffen, also die Hand verkürzt die Saite...
  3. Das a ist zwei Bünde vom g entfernt, das c aber nur einen vom h - kann man daraus irgend etwas ableiten?
  4. Wie weit ist eigentlich das h von a entfernt, das kann man doch gar nicht sehen?!
  5. Das c ist im 1. Bund der h-Saite, das d im dritten.
  6. Ist die Entfernung zwischen Leersaite und erstem Bund genauso zu messen, wie die zwischen zwei gegriffenen Tönen?
  7. Warum ist das a überhaupt im zweiten, das c aber im ersten Bund?

Ich weiß natürlich nicht wirklich, was und wie meine Schüler über diese Dinge denken, aber ich nehme an, dass die skizzierten Probleme schon vorhanden sind, und sie werden nicht systematisch beantwortet. Es dauert sehr lange, bis irgendwann die Gitarrenschule offenbart "Es gibt eine Tonleiter!" und dann noch erklärt "Die Abstände zwischen den Tönen sind NICHT gleich, es gibt sogenannte Halbtonschritte und Ganztonschritte!". Und ganz schwierig ist es, besonders jungen Schülern begreifbar zu machen, dass es ein System gibt, dass es etwas zu verstehen gibt, und dass man, wenn man dies kapiert hat, wirklich etwas weiß, wovon man SICHER andere Dinge ableiten kann.

Das liegt zum Teil auch daran, dass die Gitarre ein kompliziertes Instrument ist, bei dem man immer wieder genau aufpassen muss.

Auswendig lernen

Die Rettung für die Schar der Pädagogen am Rande des Scheiterns, die sich kluge Gedanken über Methodik, Didaktik, Layout der Instrumentalschule und so weiter machen, ist die Tatsache, dass Kinder im Grundschulalter fantastisch auswendig lernen.

Sie haben sich allgemein noch nicht die Einstellung der Erwachsenen "Wozu soll ich das behalten? Ich kann es doch nachschlagen!" zu eigen gemacht. Sie saugen Dinge in sich auf, und wenn es gelingt, sie zu interessieren, zu begeistern, lange genug bei der Stange zu halten, dann kann man irgendwann mit den Erklärungen "Also, eigentlich hängt das Ganze so zusammen..." beginnen.

Natürlich ist neben Didaktik, Methodik, Begeisterungsfähigkeit etc. ein Faktor nicht zu vernachlässigen: Der Mensch sollte etwas lernen wollen. Sonst stehen die Chancen nicht gut.

die a-Saite der Violine

   Auf der Violine kann man eine "Fünftonreihe" auf einer Saite greifen.

Andere Instrumente

Die Lernprozesse laufen auf anderen Instrumenten auch nicht immer ideal ab:

Auf der Violine kann man mit mit den vier Fingern der Greifhand ohne weiteres (mit der Leersaite) eine Fünftonreihe auf einer Saite spielen. Das ist toll! Aber die kleinen Geigenschüler lernen halt anfangs

  1. a, h, cis , d , e auf der a-Saite,
  2. e , fis , gis , a , h auf der Chanterelle,
  3. d, e , fis , g , a auf der d-Saite und schließlich
  4. g , a , h , c , d (immerhin eine Reihe ohne Kreuze, obwohl die tiefe G-Saite natürlich zuletzt an die Reihe kommt).

Sie lernen also ganz zu Anfang lauter "Ausnahmetöne", was natürlich auch spätere Erklärungen nach sich ziehen müsste.

Auf der Blockflöte lernte man früher bei Verwendung der deutschen Griffweise ganz schnell die Mutter aller Tonleitern, die C-Dur-Tonleiter, musste dafür aber leider sehr früh den allerschwierigsten Ton für kleine Kinderhände erlernen, nämlich das tiefe c. Das ist didaktisch natürlich eine Katastrophe, die bei Verwendung der barocken Griffweise denn auch vermieden wird.

Aufmerksamkeit

Noten auf Hilfslinien

   Die gefürchteten sechs Noten auf den Hilfslinien.

Es geht nicht ohne eine große Portion Aufmerksamkeit. Gerade die tieferen Töne tauchen gerne zuerst in einer Begleitstimme zu einem Lied auf. Begleitstimmen sind bei jungen Schülern nicht beliebt. Die Noten auf Hilfslinien sind schwer zu lesen, die Stimme hat keine Melodie und ergibt somit wenig Sinn. Also ist man weder amüsiert, noch motiviert.
Aber man wird das tiefe H auf der A-Saite doch brauchen! Irgendwann spielt man zweistimmig, irgendwann auch mit gegriffenen Bässen, und dann... ja, dann kann man das H wiederholen, obwohl es natürlich besser für den Lernprozess wäre, wenn man es gleich lernte.

Ableiten der alterierten Töne

Wenn man die Stammtöne gelernt hat, kommt das Kapitel mit den Kreuzen und den s. Diese Töne lernt man besser nicht auswendig, man leitet sie ab. Aber man kann nur von etwas Bekanntem etwas anderes ableiten. Also gibt es dann im Unterricht viel Stress mit den bisher locker übergangenen Tönen.

Dies sind die typischen Punkte, an denen sich Schüler aus dem Unterricht innerlich und dann auch tatsächlich verabschieden:

  1. Wer beim Lernen der ersten fünf Töne nicht gut aufpasst, verliert den Anschluss, wenn plötzlich die Töne 6 - 10 dazu kommen.
  2. Wer bei den tieferen Noten auf den Hilfslinien (es gibt nur 6 Stück) abschaltet, kann an großen Teilen des Unterrichts nur noch ratend und freundlich lächelnd oder - leider - die anderen Gruppenmitglieder störend teilnehmen.
  3. Wer die Stammtöne nicht behalten hat, bekommt Probleme, wenn die von ihnen abgeleiteten Töne wie fis oder ges dran sind.
  4. Wer die tiefen Noten nicht mitbekommen hat, stolpert, wenn das zweistimmige Spiel mit leeren Bässen Thema des Unterrichts ist.

Zweistimmiges Spiel

Au clair de la lune

Der Beginn von "Au clair de la lune" - drei verschiedene Noten in der Melodie, zwei leere Basssaiten für die Begleitung. Hier können Notenmuffel wieder aufholen.

Bei diesem Kapitel bietet sich die große Chance für den Wiedereinstieg: beim Einüben des zweistimmigen Spiels mit leeren Bässen werden wieder einfache Lieder mit fünf Tönen genutzt, weil sie in harmonischer Hinsicht ebenfalls simpel sind: man kann sie mit den leeren Bässen d, A und E begleiten, braucht also zunächst in der Melodiestimme sehr wenige Noten, und in der Bassstimme nur zwei bis drei.

Es ist gar nicht so selten, dass in dieser Phase des Gitarre Lernens Schüler ein Comeback feiern und sogar plötzlich zu dem Kind werden, das das Tempo der Gruppe mit bestimmt. Das Erlernen des zweistimmigen Anschlags ist ein komplexer Bewegungsablauf, der dem einen schneller gelingt, während der andere verkrampft. Eine gute Gelegenheit, Schüler zu loben, die bisher viel Kritik einstecken mussten!

Sich Dinge merken

Töne auf der Gitarre zu finden ist keine einfache Sache und wird von Intelligenz und kreativem Denkvermögen sehr gefördert, egal ob man nach Noten arbeitet oder nicht. Umgekehrt fördert das Erlernen von Gitarrestücken hoffentlich auch Intelligenz und Kreativität!

Bis in fortgeschrittenere Stadien ist immer wieder gefordert, sich Dinge zu merken. Akkorde, Griffkombinationen, Lagenwechsel - vieles wiederholt sich, und es ist nicht schlecht, aufzupassen.

Im Folgenden ein Beispiel zum Thema "Sich Dinge merken": In einem Heft mit barocken Stücken folgen für mich der Schwierigkeit nach die Stücke 14, 15 und dann 6 auf einander.

Sanz, Torneo

   aus: Gaspard Sanz, Torneo.

In Stück 14, "Torneo" von Gaspar Sanz, gibt es die rechts zu sehende Passage:

Im vierten Takt ist ein schwieriger Griff eingekreist: das d auf der h-Saite im 3. Bund bedeutet: wir sind in der 3. Lage, deshalb wird das fis auf der d-Saite mit dem 2. Finger gegriffen (sehr ungewohnt), das a auf der hohen e-Saite aber mit dem 4. Finger - das kennen wir schon lange.
Trotzdem ächzen und stöhnen die Schüler oft an dieser Stelle: "Das ist ja ekelig, wie soll man sich das denn merken!?"

Sanz, Batalla

   aus: Gaspard Sanz, Batalla.

Die nächste Hausaufgabe wird Stück 15, "Batalla", vom gleichen Komponisten, das im 3/8 Takt beginnt, also zunächst sehr anders klingt, dann aber zum 2/4 Takt wechselt und diese Stelle enthält:

Ich denke, selbst der Nicht-Gitarrist kann sehen, dass die Takte fast ein wörtliches Zitat aus dem vorigen Stück sind. Im Schlusstakt hat der Herausgeber die Mittelstimme einmal der oberen und einmal der unteren Stimme zugeordnet. Der eingekreiste Griff ist der gleiche, der Fingersatz ist gleich, der Griffwechsel ist gleich - wer leidlich aufpasst und ein bisschen übt, kann die Stelle im Handumdrehen spielen.

Sarabande, Ludovico Roncalli

   aus: Sarabande, Ludovico Roncalli.

So, als nächstes nehme ich in der Regel die Nummer 6, eine Sarabande von Roncalli durch. Das Stück hat zwar einen völlig anderen Charakter, eine andere Taktart und steht in einer anderen Tonart, aber - der Leser wird es ahnen: es gibt eine Verbindung...

Im Notenbeispiel rechts sind jetzt zwei Kreise zu sehen. Der erste umschließt wieder den D-Dur-Sextakkord, der schon in den beiden vorigen Stücken vorkam. Man wechselt allerdings nicht von einem A-Dur-Akkord dorthin, sondern spielt vorher einen "kleinen" G-Dur-Akkord. Und die Töne werden nicht gleichzeitig, sondern nacheinander angeschlagen. Danach darf man alle drei Finger des Griffes zwei Bünde nach unten schieben, den gleichen Griff also in der 1. Lage noch einmal benutzen. Das muss man erst mal hinkriegen, aber - es gibt Gedächtnishilfen die Menge durch das häufige Vorkommen dieses Akkordes in diesem und den beiden vorigen Stücken.

Wer aufpasst, wer sich Dinge merkt, wird auf diese Art Fortschritte auf der Gitarre und im Denken, im Analysieren von Griffen machen. Wer zu wenig und zu unaufmerksam übt, wird sich bei "Batalla" über diesen komischen Griff wundern - "Was ist das denn? Hatten wir ja noch nie!" - und bei der Sarabande durch den "falschen Akkord" davor, und durch die Tatsache, dass hier der Griff nicht geschlossen, sondern "zerlegt" angeschlagen wird, wird er sich erneut ins Bockshorn jagen lassen.