Gitarre und Musiklehre, U. Meyer

Gitarre und Bassschlüssel

Wie spielt man auf der Gitarre aus dem Bassschlüssel? Ich habe an anderer Stelle versucht zu zeigen, dass die Gitarre eigentlich zum großen Teil im Bassschlüssel zu notieren wäre, also liegt es nahe, Praxisbeispiele zu geben.

Nehmen wir an, ein Gitarrist, der als Bass im Chor singt, möchte mit seiner Gitarre seine Chorstimmen einüben. Wie lernt man den Bassschlüssel richtig lesen und dann auf der Gitarre spielen?

Umdenken

Die "erste-Hilfe-Methode" ist die des "Umdenkens": Man überlegt bei einem gegebenen Ton "wenn ich den jetzt im Violinschlüssel hätte, wäre das ein Mmmh, und dann zwei Töne höher, dann hätte ich ein Mmmh, und das ist dann..."

Umdenken

Im obigen Beispiel wird das f also über das d im Violinschlüssel zum f umgedacht (Der Pfeil bedeutet "denke um in") und dann zurücktransportiert zu der Gehirnabteilung "aktuelles Objekt benennen". Wahrlich kompliziert, und ob man bei alterierten Tönen immer sicher bleibt, ob das jetzt nicht doch ein Beff oder Biss sein muss...?

Blockflötenschüler, die im Ensemble am Bass angelernt werden, machen es manchmal noch verdrehter: sie sehen die Note f (wieder Beispiel oben), denken "im Violinschlüssel wäre das ein d" und "ich muss einen Ton tiefer denken, also "c"!, und der Griff dafür auf der Sopranflöte (C-Flöte!) ergibt dann auf der Bassflöte (eine F-Flöte!) ein f (Daumen- und Mittelfingerloch der oberen Hand schließen)!" Das ist so genial, dass ich es kaum verstehe! Es ergibt zwar ein richtiges Ergebnis, verhindert aber garantiert, dass man jemals den Bassschlüssel lesen lernt.

Ankernoten

Die Idee der Geheimschrift - siehe ganz oben auf der Seite Grundlagen - ist der Schlüssel zur Lösung des Dilemmas! Ich empfehle, sich erst mal im ungewohnten Schlüssel "Ankernoten" zu suchen - Töne, die besondere Bedeutung für den Schlüssel haben, oder für das Instrument, das man spielt, z.B. die Saiten der Gitarre. Im Beispiel unten stehen also den Tönen im Bassschlüssel die im nach unten oktavierenden Violinschlüssel (normale Gitarrennotation) gegenüber.

Ankernoten Bassschlüssel

Die offensichtliche Ankernote des Bassschlüssels ist das f, das durch die zwei Punkte hinter dem Schlüssel angegeben wird. (Es gibt den Bassschlüssel im Prinzip ja auch auf anderen Linien.)
Das große F als Note unter der untersten Linie, das h als Ton oberhalb der obersten Linie, und das c' als die Note, bei der sich Bassschlüssel und Violinschlüssel treffen schlage ich als weitere Ankernoten vor.
Achtung: im nach unten oktavierenden Violinschlüssel, in dem die Gitarre notiert wird, ist das c' im zweiten Zwischenraum von oben! Das ist anders als beim "normalen" Violinschlüssel. In vielen Ausgaben von Gitarrenmusik wird die "8" zwar weggelassen, aber das Oktavierungszeichen ist immer zu denken!

Sinnvoll als Ankernoten für Gitarristen sind natürlich die Töne der leeren Saiten. Wenn man die weiß, braucht man nur noch die Noten dazwischen zu errechnen. Ich würde empfehlen, mal ein paar Minuten die Namen der Noten einer Bassstimme (laut) zu benennen, oder etwas auf Notennamen zu singen (Material mit Lösung siehe nächster Abschnitt). Einmal ein bisschen investieren, und man kann es wie Fahrrad fahren oder schwimmen!

Hier die Stammtöne auf der Gitarre in der ersten Lage mit Notennamen, Bundziffer (arabisch, bei den Noten) und Saitenbezeichnung über den Noten. Die leeren Saiten sind als halbe Noten gesetzt, das b auf der g-Saite ist eingefügt, damit auf der g-Saite auch drei Töne stehen. Eine Darstellung des Gitarrengriffbretts im Bassschlüssel findest du hier.

Töne erste Lage im Bassschlüssel

Übung zu Basschlüssel und Gitarre

Übung:

Mein gedachter Chorbass-Gitarrist möchte seine Stimme im Bachchoral "Nun ruhen alle Wälder" mit der Gitarre üben. Schreibe über alle Noten in arabischen Ziffern den Bund, in dem gegriffen, und in arabischen Ziffern mit Kreis die Saite, auf der der Ton gespielt wird.

Beispiel: die erste Note heißt f und wird im 3. Bund der 4. Saite gegriffen. In der Lösung habe ich alles eingetragen und außerdem den Liedtext mit den Notennamen ersetzt. Das sieht nicht sehr übersichtlich aus, aber das Leben des Gitarristen ist ja auch nicht immer einfach...

Lösung 27 Grundlagen
Nun ruhen alle Wälder

Bassstimmen im Chor gehen selten über den Umfang der Gitarre nach unten hinaus. Bei Cellostimmen (Basso Continuo oder Orchester) kommen natürlich routinemäßig das tiefe C und D vor. Da muss man halt oktavieren oder, wenn D die tiefste Note ist, über Umstimmen der E-Saite auf D nachdenken.

Gitarre und Altschlüssel

Nach dem freundlichen Chorsänger, der mit der Gitarre Bassstimmen erarbeiten wollte, denke ich mir jetzt eine Schülerin in einer Musikklasse. Musikklassen an Gymnasien gibt es da und dort, und wo es nicht eine Streicher- oder eine Bläserklasse ist, in der per Definition nur bestimmte Instrumentalisten etwas zu suchen haben, stellt sich immer wieder die Frage "Was tun mit Leuten, die eines der drei an Musikschulen meistgewählten Instrumente spielen, nämlich Klavier, Blockflöte oder Gitarre? Integrieren oder wegjagen?"

Na gut, die Tastenritter müssen in den Chor, die Blockflöten spielen bei den Bläsern mit, und die Gitarristin? Erstmal muss/darf sie bei den Bratschen mitmachen!
Zunächst denken wir wieder über "Ankernoten" nach, also markante Töne, die man sich merken sollte.

Ankernoten Altschlüssel

Ankernoten Altschlüssel

In der Grafik links habe ich wieder den Ton, der dem Schlüssel den Namen gibt notiert, (Alt- oder Bratschenschlüssel oder C-Schlüssel heißt er!) außerdem als Ankernoten die Note über und unter den äußeren Notenlinien, a' und e. Der Umfang des Schlüssels ist mit dem des "Gitarrenschlüssels" fast identisch!
Die sechs Saiten der Gitarre im Altschlüssel stehen der gewohnten Notation gegenüber, ebenso die vier Saiten der Bratsche im letzten Takt.

Man erkennt gleich: eine Viola geht unten höchstens bis zum 3. Bund der A-Saite, und wenn man in der Höhe mal die Quinte über dem hohen a als Grenze nimmt, muss man "nur" bis zum 12. Bund der e-Saite. Das ist natürlich ein Job für Fortgeschrittene!

Übung zu Altschlüssel und Gitarre

Das gedachte Klassenorchester probt gerade die gute alte "Eurovisionsmelodie", das Stück aus dem Te Deum von Charpentier. Die Bratschenstimme bis zum Ende des B-Teiles (danach folgt nochmal der A-Teil, ein C-Teil und zum Schluss wieder A) sieht so aus:

Te deum
Aufgabe:

Bevor du damit beginnst, die Noten wie über dem ersten Ton zu bezeichnen (Saitennummer im Kreis, Bund als arabische Ziffer und Notenname), solltest du dir ein paar Durchgänge Blattspiel gönnen, bei denen du die Angaben sprichst (Wer schreibt, der bleibt, aber was man mehrmals vor sich hinbrabbelt bleibt vielleicht im Gehirn.).

Der Umfang der Stimme ist klein und sehr bequem auf der Gitarre zu spielen, abgesehen davon, dass man sich im Lagenspiel weiterbilden muss.

Wenn du auf diese Lösung klickst, bekommst du eine Grafik zu obiger Aufgabe im Bratschenschlüssel.

Lösung 28 Grundlagen

Das zweite Bild ist ein Angebot in gewöhnlicher Gitarrennotation mit konkretem Fingersatz.

Lösung 29 Grundlagen

Falls im Klassenorchester exorbitant viele Bratschen sind, und Verstärkung eher im Cello vonnöten wäre, gibt es hier eine entsprechendes Kapitel über die Gitarre im Bassschlüssel.